Pharmazeutische Zeitung online
Grippeimpfung in der Apotheke
Mut zur Chance

Die alte Ordnung löst sich auf

PZ: Gerade mit Blick auf die Neuverteilung der Aufgaben fürchten viele Kollegen die Reaktion der Ärzteschaft. Verstehen Sie die Sorgen?

Schmidt: Natürlich kann ich die Bedenken verstehen. Das war jahrelang meine eigene Argumentation. Ich musste mir in dieser Zeit oft vorwerfen lassen, ich sei feige und würde aus falsch verstandenem Respekt vor den Ärzteorganisationen nicht offensiv in die Politik gehen und das Impfen in den Apotheken einfordern. Bisher haben wir in Deutschland sehr gut gelebt mit der strikten Trennung zwischen den Aufgabenfeldern der Ärzte und der Apotheker. Inzwischen hat sich die Situation aber verändert. Diese geordnete Welt mit klaren Zuständigkeiten der einzelnen Heilberufe beginnt sich aufzulösen. Nicht weil wir den Ärzten etwas streitig machen möchten, sondern weil sie selbst unter Druck stehen und nach Wegen suchen, die Versorgung aufrechtzuerhalten. Dazu nutzen sie zum Beispiel die Telemedizin und setzen auf die Zusammenarbeit mit Versand­apotheken. Auf diese Entwicklungen müssen wir jetzt im Interesse der ­Apotheker reagieren.

Müller: Sie haben gerade die Fronten zwischen Ärzten und Apothekern beschrieben. Darüber denke ich völlig anders. Ich habe im Studium gelernt, dass jede Berufsgruppe das tun sollte, was sie kann – und zwar im Sinne des Patienten. Dieser gehört in den Mittelpunkt und wir sollten darüber nachdenken, wer wie seinen Beitrag leisten kann, um ihn bestmöglich zu versorgen. Wir müssen weg von dieser starren Aufgabenverteilung. Jeder hat seine spezielle Ausbildung genossen und setzt berufliche Schwerpunkte, aber insgesamt müssen wir doch bestmöglich zusammenarbeiten.

Kühne: Das kann ich nur unterstützen. Wir Politiker kommen ja nicht einfach so auf den Gedanken, an der tradierten Rollenverteilung zu rütteln. Das ergibt sich aus der Notwendigkeit heraus. Wenn die Gesundheitsversorgung der Menschen in der Fläche gefährdet ist, müssen wir reagieren. Und wenn man wie die Apotheker der Gesellschaft gegenüber ­einen Versorgungsauftrag hat, muss man diesen auch erfüllen. Resolutionen wie die der Ärzte- und Apothekerkammern in Brandenburg befreien den individuellen Apotheker nicht davon. Wir müssen neue Wege gehen. Apotheker verdienen und genießen das Vertrauen der Menschen, sie beraten persönlich und individuell und sind hochwertige Spezialisten in unserem Gesundheitssystem. Ich freue mich, wenn junge Kollegen wie Herr Müller ihren Gemeinwohlauftrag ernst nehmen. Natürlich werden wir sie dabei unterstützen.

»Wenn die Gesundheitsversorgung der Menschen in der Fläche gefährdet ist, müssen wir reagieren.«
Roy Kühne (CDU), Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestags

Schmidt: Diesen offensiven Schritt, den die Kammern der Ärzte und Apotheker in Brandenburg gegangen sind, halte ich für falsch und vorschnell. Es hat noch nicht ein einziges Gespräch darüber gegeben, wie man Pilotprojekte auf eine vernünftige Weise miteinander regeln kann. Im Übrigen muss man ja sehen, dass die Kammern keine zentrale Rolle spielen, wenn es um entsprechende Vertragsabschlüsse dazu geht. Entsprechende Vereinbarungen können Apotheker auch ohne ihre Kammern treffen. Die ABDA wollte die Organi­sation lieber in den Händen der Selbstverwaltung wissen. Dieser Forderung ist die Politik aber nicht gefolgt. Da jetzt auch kleine Zusammenschlüsse von Apothekern verhandeln dürfen, wächst der politische Druck auf die Selbstverwaltung: Sie hat weniger Kontrolle, es bilden sich neue Gruppen mit neuen ­Interessen, die neben den Verbänden Gespräche mit den Kassen führen können. Nicht nur das Selbstverständnis der Berufsgruppen, auch die Selbstverwaltung wird auf die Probe gestellt.

Mehr von Avoxa