Pharmazeutische Zeitung online
Kammerversammlung Sachsen-Anhalt

Münch kritisiert »hyperaktive Gesundheitspolitik«

Die Apotheken haben aufgrund ihrer Leistungen während der Coronavirus-Pandemie viel Anerkennung und einen Imageschub in der Öffentlichkeit erfahren. Die Honorarpolitik des Bundesministeriums für Gesundheit lasse eine tatsächlich Wertschätzung der Arbeit der Apotheken allerdings vermissen, beklagt der Chef der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, Jens-Andreas Münch.
Christiane Berg
12.07.2021  16:30 Uhr

Es sei ein »unsäglicher Politikstil«, dem die Apotheker in den letzten Wochen und Monaten sowohl bei der Abgabe der Schutzmasken und der Durchführung von Coronavirus-Schnelltests als auch bei der Ausstellung von Impfzertifikaten ausgesetzt gewesen seien, sagte Münch vergangene Woche bei der Kammerversammlung der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Im Vorfeld der durch die Corona-Krise notwendig gewordenen Sonderleistungen seien den Apothekern per Verordnung entsprechende Honorare versprochen worden. In der Minute, in der alle notwendigen Aktivitäten angelaufen seien, habe die Politik ihre Zusagen einfach geändert. »Es wurde sozusagen erst mit einer Bratwurst gewedelt und als alles funktionierte, gab es zum Dank ein rohes Möhrchen«, konstatierte der Kammerpräsident.

Das sei alles andere als fair. Sichere Planungen und Kalkulationen seien auf diese Weise unmöglich, so Münch. Über die Höhe von Preisen lasse sich sicher streiten und auch darüber, ob es gerechtfertigt ist, wenn dieselben Leistungen, werden sie von Ärzten erbracht, besser vergütet werden. »Die Konditionen müssen jedoch vor der Erbringung der Arbeit klar sein und nicht durch die Hintertür eingeführt werden. Anderenfalls wird jedes Vertrauen und somit auch die Bereitschaft zur Übernahme weiterer Sonderaufgaben untergraben«, warnte der Kammerpräsident, der sich nicht verwundert über die generell große Politikverdrossenheit im Land zeigte. »Leidtragende sind zu guter Letzt die Bürger und Patienten«, warnte er.

»Echte Meisterleistung« im Hintergrund

Des Weiteren nicht hinnehmbar sei auch die Tatsache, dass die Apotheker und ihre Standesgremien - wie wiederholt geschehen - für sie relevante Beschlüsse aus der Presse und nicht direkt erfahren. Münch sprach von einer »hyperaktiven Gesundheitspolitik«, die mit »kurzfristigen Schnellschüssen« zu allem Überfluss oft auch noch schlecht durchdachte, qualitativ mangelhafte Regelungen produziere. Oftmals hätten diese Regelungen seitens der ABDA und ihrer regionalen Standesgremien fachlich und juristisch den wirklichen Gegebenheiten angepasst und überarbeitet werden müssen. Die Kammern und Verbände hätten in vielen Fällen unter Hochdruck daran arbeiten müssen, allen Mitgliedern aktuelle Informationen korrekt und schnellstmöglich zukommen lassen zu können. Münch sprach von »echten Meisterleistungen« im Hintergrund, über die er sehr dankbar sei.

Habe durch die Corona-Pandemie das Thema Digitalisierung und E-Health deutlich an Fahrt aufgenommen, so sei auch die Akzeptanz der Bevölkerung hinsichtlich der Inanspruchnahme von Telesprechstunden und telemedizinischer Dienste deutlich gestiegen. Die Zahl seitens der von Ärzten abgerechneten Konsultationen sei förmlich explodiert, informierte Münch im weiteren Verlauf seiner Rede. Er zeigte sich überzeugt, dass Digitalisierung auch den Apotheken Vorteile und große Chancen für die Verbesserung der Patientenversorgung bringen wird.

»E-Rezept heißt nicht automatisch Versand«

Als bedeutsam hob Münch in diesem Zusammenhang unter anderem die Etablierung der Plattform »mein-apothekenportal.de« hervor. »Diese Plattform haben wir selbst in der Hand. Sie gewährleistet eine gleichberechtigte Sichtbarkeit aller Apotheken - auch in der Gematik-Rezept-App«, unterstrich der Kammerpräsident. Er appellierte, das Verbändeportal nach besten Kräften zu unterstützen. Das helfe dem gesamten Berufsstand und jedem einzelnen Apotheker. »Auch andere Plattformen buhlen derzeit um uns. Bei diesen Angeboten sollten wir genau hinschauen, was sie nutzen und vor allem wem«, warnte er.

»Wir können digital«, so der Kammerpräsident, der unterstrich, dass die Apotheker nicht zuletzt auch hinsichtlich des Starts des E-Rezepts gut aufgestellt und vorbereitet seien. Nun gelte es vor allem, die Patienten zu informieren und mitzunehmen. Sehr viele, so Münch, könnten bisher mit dem E-Rezept nichts anfangen. Diese müssten unter anderem wissen, dass neben dem QR-Code-Rezept das ausgedruckte Papierrezept und somit die persönliche Arzneimittelversorgung auf bekanntem Weg ganz ohne Smartphone erhalten bleibt.

Überhaupt heiße »E-Rezept nicht automatisch Versand«. Im Gegenteil: Pharmazeutische Betreuung sei dann am effektivsten, wenn sie Auge in Auge und in persönlichem Austausch stattfinden kann. »Der beste Weg bleibt auch zukünftig der Weg mit dem E-Rezept in die Apotheke vor Ort«, sagte Münch.

 

Mehr von Avoxa