Pharmazeutische Zeitung online
Kopfschmerzreport der TK

Migränetherapie mit Luft nach oben

Auch Jugendliche leiden einer Analyse der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge schon relativ häufig unter Migräne. Besonderheiten der Therapie werden bei ihnen oft nicht beachtet – ein Problem, das sie mit erwachsenen Migränepatienten teilen.
Annette Rößler
19.08.2020  17:02 Uhr

Wenn es eine Erkrankung gibt, die man aufgrund ihrer Häufigkeit tatsächlich als Volkskrankheit bezeichnen kann, ist es der Kopfschmerz. Er plagt fast jeden ab und zu, doch unterscheiden sich nicht nur die Art der Beschwerden – Spannungskopfschmerz, Migräne oder Clusterkopfschmerz –, sondern auch der Umgang des Betroffenen damit. Manch einer möchte partout keine Tabletten nehmen, wenn ihm der Schädel brummt, andere greifen allzu leichtfertig zu Analgetika und riskieren damit, das Problem in Form eines Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerzes zu verschärfen.

Als große Krankenkasse interessiert sich natürlich auch die TK dafür, wie häufig ihre Versicherten von Kopfschmerzen betroffen sind und wie sie (medikamentös) versorgt sind. Sie hat deshalb die eigenen Versorgungsdaten ausgewertet und zusätzlich das Meinungsforschungsinstitut Forsa mit einer Befragung von 1001 Erwachsenen zum Thema Kopfschmerzen beauftragt. Beides zusammen bildet die Grundlage des TK -Kopfschmerzreports 2020, der heute in Berlin vorgestellt wurde. Ein Schwerpunkt des Berichts: Migräne.

Migräne schon im Jugendalter

Dem Report zufolge leiden im Alter von 15 bis 19 Jahren rund 13 Prozent der Jugendlichen unter ärztlich diagnostiziertem Kopfschmerz. Bereits in dieser Altersgruppe sind Mädchen mit 15 Prozent häufiger betroffen als Jungen mit 11 Prozent. Ein gutes Drittel der jugendlichen Kopfschmerz-Patientinnen (35 Prozent) leidet unter Migräne; bei den Jungen ist es immerhin ein Viertel (26 Prozent).

»Migränekopfschmerz bei Schülern ist bisher wenig beachtet worden«, sagte Professor Dr. Hartmut Göbel, Neurologe und Facharzt für Spezielle Schmerztherapie an der Schmerzklinik Kiel. Migräne sei jedoch eine genetisch verankerte Besonderheit des Nervensystems, die der Betroffene ein Leben lang und nicht erst als Erwachsener habe. Aus finnischen Studien wisse man, dass Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen in den letzten 30 Jahren um das Sechsfache zugenommen hätten. Laut diesen Studien nehme mehr als die Hälfte der Betroffenen Medikamente gegen Kopfschmerzen ein, ohne ärztlichen Rat zu suchen. Es sei daher damit zu rechnen, dass etwa vier- bis achtmal mehr Kinder und Jugendliche unter Kopfschmerzen litten als die TK-Versichertendaten zeigten.

Die Therapie von jungen Migränepatienten sei schwierig, da eine medikamentöse Prophylaxe bei ihnen kaum wirksam sei. »Das haben große Metaanalysen gezeigt«, sagte Göbel mit Bezug etwa auf eine Publikation in »JAMA Pediatrics« aus diesem Frühjahr. Insbesondere in dieser Altersgruppe seien nicht medikamentöse Interventionen, also eine Verhaltensmodifikation mit regelmäßigem Tages- und Ernährungsrhythmus sowie Entspannungsverfahren, weitaus effektiver zur Prophylaxe von Migräneanfällen.

Akutmedikamente sollten in dieser Altersgruppe nur dann gegeben werden, wenn es keine andere Option gebe. Triptane seien bei Patienten unter zwölf Jahren nicht zugelassen, weil sie nicht wirksam seien. »Die Triptan-Hersteller haben ihre Wirkstoffe auch bei Kindern und Jugendlichen getestet. Durch die Bank haben sie keine signifikanten Ergebnisse erzielt mit zwei Ausnahmen: Zolmitriptan und Sumatriptan als Nasenspray«, berichtete Göbel. »Wenn ich jetzt sehe, dass schon jüngere Kinder Triptane verordnet bekommen, ist das mit Wissenschaft nicht zu erklären«, sagte der Schmerzmediziner mit Blick auf den TK-Report, wonach Migränepatienten unter zwölf Jahren bereits Triptane zulasten der Krankenkasse verordnet bekommen – allerdings unter 2 Prozent der Betroffenen.

CGRP-Antagonisten oft nicht indiziert

Eine wichtige Neuerung in der Migränetherapie von Erwachsenen war zuletzt die Einführung von Antikörpern, die das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) antagonisieren. Erenumab (Aimovig®), Fremanezumab (Ajovy®) und Galcanezumab (Emgality®) können bei etwa einem Drittel der Patienten, die zuvor nicht auf eine medikamentöse Prophylaxe angesprochen haben, die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren. Mit Jahrestherapiekosten über 8000 Euro hat das Ganze aber einen recht hohen Preis – ein Aspekt, der für die TK als Empfänger der Rechnung natürlich wichtig ist.

»Wir sehen bei diesen Arzneimitteln ein rasantes Wachstum der Verordnungshäufigkeit«, sagte Tim Steimle, Leiter der Abteilung Arzneimittelversorgung bei der TK. Die monatlichen Kosten seien seit der Zulassung stetig gestiegen und hätten im Oktober 2019 hochgerechnet auf die gesamte Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) bei etwa 9,4 Millionen Euro gelegen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) habe den CGRP-Antagonisten zwar einen Zusatznutzen bescheinigt, »aber erst nachdem die vorhandenen Medikamente zur Prophylaxe eingesetzt wurden«. Das treffe streng genommen nur auf 0,3 Prozent der Verordnungen zulasten der TK zu. »Man muss das ein bisschen einschränken, denn wir sehen in unseren Daten nicht alle Vortherapien. Aber grundsätzlich gilt: Neue Medikamente, die zu 99 Prozent nicht richtig eingesetzt werden, so etwas sehen wir in der Regel nicht.«

»Ein Zusatznutzen besteht laut G-BA nur dann, wenn Vortherapien nicht wirksam waren, wenn Kontraindikationen bestanden oder die Patienten andere Prophylaktika nicht vertragen haben«, verdeutlichte Göbel. Für den behandelnden Arzt bedeute das, dass er in jedem Einzelfall prüfen muss, ob die Voraussetzungen erfüllt sind. »Das ist mühsam und aus Sicht der Patienten manchmal ärgerlich, aber es muss sein.«

In den Zulassungsstudien hätten die Antikörper die Kopfschmerztage der Patienten um durchschnittlich drei bis vier pro Monat reduziert. »Wenn man jetzt die traditionellen Migräneprophylaktika anschaut, sieht man erstaunlicherweise die gleich Zahl«, sagte Göbel. Der Zusatznutzen sei daher nur bei denjenigen Patienten vorhanden, denen die klassischen Prophylaktika nicht hälfen – und auch bei ihnen nur bei 30 bis 40 Prozent.

Wichtig für eine wirtschaftliche Verordnung sei daher zudem, nach drei Monaten zu prüfen, ob eine Reduktion der Kopfschmerztage um 50 Prozent eingetreten sei. Wenn nicht, solle der Antikörper wieder abgesetzt werden. Nach einem Jahr solle zudem mit einem Auslassversuch ermittelt werden, ob die Therapie weiter fortgeführt werden müsse oder nicht mehr erforderlich sei.

Mehr von Avoxa