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Schweizer Giftnotruf

Mehr Paracetamol-Vergiftungen durch 1000-mg-Tablette

Seit 2003 sind in der Schweiz hoch dosierte Paracetamol-Tabletten auf Rezept erhältlich. Schweizerische Pharmakoepidemiologen haben nun gezeigt, dass es nach der Markteinführung mehr Giftnotrufe aufgrund versehentlicher Überdosierungen gab als vorher. Sie schlagen vor, die 1000-mg-Tabletten wieder vom Markt zu nehmen.
Daniela Hüttemann
03.11.2020  15:00 Uhr

In der Schweiz ist Paracetamol für die Selbstmedikation als 500-mg-Einzeldosis sowie verschreibungspflichtig als 1000-mg-Formulierung erhältlich. Forscher vom pharmazeutischen Institut der ETH Zürich, dem schweizerischen Apothekerverband SwAPP, der Apotheker aus Industrie, Forschung und Behörden vertritt, sowie dem Nationalen Giftinformationszentrum haben sich nun angesehen, ob sich die Zulassung der hoch dosierten Tabletten im Oktober 2003 auf die Zahl der Vergiftungen ausgewirkt hat – kurz gesagt: hat sie.

Die Autoren um den Doktoranden Adrian Martinez de la Torre verglichen dazu die Zahl aller Giftnotrufe bezüglich Paracetamol zwischen dem 1. Januar 2000 und dem 31. Dezember 2018 vor und nach der Einführung der 1000-mg-Tablette am 3. Oktober 2003. Zudem schauten sie sich die Abverkäufe von OTC- und Rx-Paracetamol-Packungen an. Insgesamt verzeichnete der Giftnotruf in 18 Jahren 15.790 Paracetamol-Vergiftungen. Vor Oktober 2003, als es nur 500-mg-Tabletten gab, seien 120 von 961 Paracetamol-Vergiftungen mit Dosen größer als 10.000 mg passiert (15,3 Prozent). Im Vergleichszeitraum von Oktober 2003 bis Dezember 2018 lag der Anteil dieser toxischen Dosen dann doppelt so hoch bei 30,6 Prozent (1140 von 5696), so die vergangene Woche im Fachjournal »JAMA Network Open« veröffentlichten Ergebnisse.

Die Pharmazeuten verzeichneten einen schnellen Anstieg der Packungen mit 1000-mg-Einzeldosen nach Markteinführung, während die Abgabezahlen für die 500-mg-Tabletten leicht sanken. Bereits 2005 wurden mehr 1000-mg-Tabletten als 500-mg-Dosen abgegeben. Seit 2012 seien vierteljährlich im Schnitt 20,7 Millionen der verschreibungspflichtigen 1000-mg-Tabletten von den Apotheken abgegeben worden im Vergleich zu 2,7 Millionen 500-mg-Tabletten, also die zehnfache Menge.

Kein Bedarf für hoch dosierte Tablette oder Großpackungen

Auch wenn sich nur eine Korrelation und keine Kausalität zwischen der vermehrten Abgabe der hoch dosierten Tabletten und vermehrten Vergiftungen ergeben hatte, schlagen die Autoren der Analyse vor, die Verfügbarkeit der 1000-mg-Einzeldosen in der Schweiz neu zu bewerten, um das Risiko für versehentliche Intoxikationen zu minimieren und zumindest die Packungsgröße zu verkleinern. »Es ist ein sehr sicheres Medikament, aber nur zur kurzfristigen Schmerzlinderung und solange die tägliche Dosierung nicht über den empfohlenen Bereich hinausgeht«, betont Studienleiterin Dr. Andrea Burden, Professorin für Pharmakoepidemiologie an der ETH Zürich. Es gebe keinen Bedarf für Packungen mit 40 oder gar 100 Tabletten. Sollten Einzeldosen von 1000 mg notwendig sein, ließen sich diese auch mit der Einnahme von zwei 500-mg-Tabletten problemlos erreichen.

Paracetamol gilt als gut verträgliches und sicheres Arzneimittel gegen Schmerzen und Fieber, solange die Tageshöchstdosis von 4000 mg für Kinder ab zwölf Jahre und Erwachsene nicht überschritten wird. Empfohlen wird die bis zu viermal tägliche Einnahme von jeweils 500 mg bis 1000 mg, was einer Tageshöchstdosis von 2000 beziehungsweise 4000 mg entspricht. Für Kinder jünger als zwölf und einem Körpergewicht von unter 43 Kilogramm gilt eine Dosierung von 10 bis 15 mg pro Körpergewicht als Einzeldosis. Die maximale Tagesdosis liegt bei 60 mg/kg Körpergewicht. Zwischen zwei einzelnen Dosen sollten mindestens sechs Stunden Abstand liegen.

Besser Schmerzmittel wechseln als Dosis erhöhen

»Ein Problem mit Paracetamol ist, dass es nicht bei allen Patienten oder gegen alle Formen von Schmerzen wirksam ist«, erklärt Burden. »Wenn das Medikament nicht dazu beiträgt, die Symptome einer Person zu lindern, könnte diese versucht sein, die Dosierung zu erhöhen, ohne einen Arzt zu konsultieren. Das ist das eigentliche Problem.« Das Risiko einer versehentlichen Überdosierung sei mit mehr als vier der hoch dosierten Tabletten größer als mit mindestens acht der niedrig dosierten.

Bei wem die empfohlene Dosis für die Schmerzlinderung nicht ausreicht, solle mit seinem Arzt über eine andere Schmerzmedikation sprechen, so Burden. Paracetamol eigne sich zudem nicht für eine chronische Schmerztherapie. Apotheker sollten bei der Abgabe von Paracetamol, gerade bei größeren Packungen oder hoch dosierten Einzeldosen auf die tägliche Maximaldosis hinweisen.

In Deutschland sind in der Selbstmedikation sind sowohl 500-mg- als auch 1000-mg-Einzeldosen als Tabletten oder Zäpfchen rezeptfrei erhältlich, solange in einer Packung maximal insgesamt 10.000 mg Paracetamol enthalten sind, also maximal 20er-Packungen mit 500 mg beziehungsweise maximal 10er-Packungen mit 1000 mg Einzeldosis.

Paracetamol sollte in Eigenregie nicht länger als drei Tage eingenommen werden. Ab Dosierungen von 10.000 mg und mehr auf einmal oder an einem Tag kann eine schwere Vergiftung der Leber auftreten mit potenziell tödlichem Ausgang. Bei einer Dosierung treten meist innerhalb von 24 Stunden Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Blässe und Bauchschmerzen auf.

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