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Kräfte des Marktes

Lieferengpässe – gekommen, um zu bleiben

»Derzeit nicht lieferbar.« Diese Meldung lesen Apotheker gar nicht gern – aber leider immer öfter. Die Pandemie hat die Abhängigkeit von asiatischen Herstellern einmal mehr gezeigt. Und aus dieser ist in absehbarer Zukunft kaum herauszukommen, sagt ein Experte.
Annette Rößler
10.05.2021  11:00 Uhr

Als Ende 2019 die ersten Meldungen der noch unbekannten Lungenerkrankung, die später den Namen Covid-19 tragen sollte, aus dem fernen China nach Europa gelangten, war nicht nur dies besorgniserregend. Alle, die mit Arzneimitteln zu tun haben, mussten auch angesichts der Reaktion der chinesischen Behörden alarmiert sein. Denn Ausgangsbeschränkungen in China können bedeuten, dass wichtige – oder sogar weltweit die einzigen – Produktionsstätten von Arzneistoffen vorübergehend geschlossen werden. Dieser Effekt war denn auch im März und April 2020 zu sehen, als sich die Situation der Lieferengpässe in Deutschland deutlich verschärfte.

»Mittlerweile hat sich die Lage wieder entspannt und die Engpässe sind auf das übliche Maß zurückgegangen«, sagte Dr. Klaus Nagels, Professor für Medizinmanagement und Versorgungsforschung an der Universität Bayreuth, beim virtuellen Kongress des ADKA – Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker. Dagegen machten jetzt Exportverbote einzelner Länder für Impfstoffe gegen Covid-19 Furore. »Daran sieht man, dass in pandemischen Lagen der eigene Bedarf vorgeht. Wir müssen überlegen, wie man damit künftig umgeht.«

Solche Überlegungen laufen bereits, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) auf entsprechende Nachfragen stets beteuert. Das Motto lautet: die Produktion zurück (nach Europa) holen. Dieses sogenannte Reshoring sei aber in der Theorie deutlich einfacher als in der Praxis, gab Nagels zu bedenken. Viele Fragen seien zu klären: Wie viel Personal braucht man dafür? Gibt es in Europa überhaupt noch Ausbildungskapazitäten für die benötigten Facharbeiter? Regulatorische Anforderungen müssten erfüllt, Baumaßnahmen ergriffen werden. Unter dem Strich stehe die große Frage: Wie finanziert man das?

Eine Frage der Kosten

Hier liegt natürlich der Hase im Pfeffer. Denn es hatte ja einen Grund, warum die Produktion von Arzneistoffen größtenteils nach Asien ausgelagert wurde, und dieser lautet schlicht: Es rechnet sich. Das Ergebnis dieses Prozesses ist, dass mittlerweile nur noch ein knappes Drittel der Arzneistoffe in Europa produziert wird, während 63 Prozent aus Indien, China und anderen asiatischen Ländern importiert werden.

Beim Handel mit Arzneimitteln gebe es keinen wirklichen Markt. Das Gesundheitssystem in Deutschland sei hochgradig reguliert, sodass ein Qualitätswettbewerb nicht stattfinde. Stattdessen gehe es darum, die Kosten möglichst weit zu senken. »Alle sitzen in einem Korsett und müssen das auch, um wirtschaftlich zu überleben«, sagte Nagels.

Alle müssen sparen

Aufgrund der Pandemie sei die finanzielle Situation derzeit sehr angespannt und werde es in den kommenden Jahren wohl auch bleiben. Die Krankenkassen hätten das Jahr 2020 mit einem Minus von 6,2 Milliarden Euro abgeschlossen und auch in die Finanzen des Bundes habe die Pandemie mit Prämien für zusätzliche Intensivbetten und Freihaltepauschalen für Intensivbetten ein großes Loch gerissen. Die Zahlungsbereitschaft für zusätzliche Kosten, die infolge eines Reshorings entstehen könnten, sei daher auf absehbare Zeit vermutlich sehr gering.

»Lieferengpässe bleiben ein Risiko, das tendenziell eher noch weiter ansteigen kann«, lautete das Fazit des Experten. Das viel gepriesene Reshoring sei für ihn mit einem Fragezeichen versehen. Der »betriebswirtschaftliche Konsolidierungsdruck« auf die Hersteller bleibe angesichts der Finanzlage von Kassen und Bund bestehen.

Gleichzeitig könne auch der Ausbau von Produktionskapazitäten in Europa nicht die alleinige Lösung sein, denn in diesem Fall sei damit zu rechnen, dass die asiatischen Länder ihre Kapazitäten herunterfahren. Breiter aufgestellt und damit gegen Ausfälle besser abgesichert wäre man dann aber auch nicht.

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