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Philipps-Universität Marburg

Lehrbetrieb in Zeiten der Pandemie

Die Coronavirus-Pandemie fordert nach wie vor auch die Universitäten heraus. Der Fachbereich Pharmazie der Philipps-Universität in Marburg zieht nun eine Zwischenbilanz zum Sommersemester 2020 und stellt vor, wie die Universität den Lehr- und Prüfungsbetrieb im Einklang mit der Approbationsordnung für Apotheker(AAppO) aktuell und künftig aufrechterhält.
Michael Keusgen und Christof Wegscheid-Gerlach
11.08.2020  07:00 Uhr

Die Universität Marburg war zu keiner Zeit der Pandemie völlig geschlossen. Der Präsenz-Betrieb war jedoch in direkter Abhängigkeit vom bundesdeutschen Infektionsgeschehen mehr oder weniger stark eingeschränkt. »Unser Ziel ist es, mit geeigneten Lehr- und Prüfungsformaten den Studienablauf nicht zu verzögern«, erklärt die Studiendekanin des Fachbereichs, Frau Professor Dr. Wibke Diederich.

Zu Beginn der Pandemie lag die höchste Priorität darin, die bereits angelaufenen mündlichen Prüfungen für das zweite Staatsexamen weiterhin durchführen zu können. In Absprache mit dem Hessischen Landesprüfungsamt für Heilberufe erarbeitete der Fachbereich Pharmazie ein Konzept, sodass die Prüfung unter den geltenden Abstands- und Hygieneregeln weiter abgehalten werden konnten. Ziel war es, möglichst vielen Studierenden den Abschluss des universitären Studiums zu ermöglichen, damit sie rechtzeitig das Praktische Jahr beginnen konnten. Jedem, der sich zur Prüfung angemeldet hatte, konnte letztendlich auch ein Prüfungstermin angeboten werden. Die Resonanz war durchweg positiv und nur wenige Prüfungskandidaten haben pandemiebedingt freiwillig auf die Prüfung verzichtet.

Lehrbetrieb vor Ort und virtuell

Parallel dazu passte der Fachbereich den praktischen Teil des Studiums – die Laborpraktika – an. Die theoretische Vor- und Nachbereitung, wie die Auswertung von Messdaten und das Erstellen von Protokollen, erledigten die Studierenden von zu Hause aus. Außerdem wurden sogenannte »Vorprotokolle« eingeführt, die Studierende im Vorfeld bearbeiten über die Online-Plattform der Philipps-Universität einreichen mussten. Damit konnte die Präsenzzeit in den Praktika auf das unbedingt erforderliche Maß reduziert werden, ohne dass die Lehrinhalte in nennenswerter Weise gekürzt wurden.

Die Studierenden nahmen die Maßnahmen überwiegend positiv auf. Durch die Abstandsregeln konnten die Laborflächen nur zu etwa 30 Prozent genutzt werden, wodurch jedes Praktikum in Kleingruppen mehrfach angeboten werden musste. Ein positiver Nebeneffekt: die »Betreuungsdichte« durch die Assistenten wurde deutlich erhöht, denn der Personaleinsatz wurde pro Kleingruppe nur geringfügig reduziert. Das bedeutet zwar einen erheblichen zeitlichen Mehraufwand für die Lehrenden, aber auch ein intensiveres Verhältnis zu den Studierenden. So blieb oftmals ausreichend Zeit, sich innerhalb des Praktikums detailliert mit Arbeitstechniken wie genaues Pipettieren, nasschemischen Trennungsgängen oder auch selbst entwickelten Versuchsvarianten zu beschäftigen. Bei allen pandemiebedingten Ungewissheiten erlebten die Studierenden eine ganz neue Betreuungsqualität.

»Physische Distanz, digitale Nähe«

Manche Praktika konnten komplett nach dem aktuellen Motto der Philipps-Universität »Physische Distanz, digitale Nähe« durchgeführt werden. So nahmen beispielsweise die Studierenden am Praktikum Pharmazeutische Biologie I (Untersuchungen arzneistoffproduzierender Organismen) von zu Hause aus teil. Durch eine Kombination von praktischen Aufgaben und digitalen Formularen konnten die Kursinhalte im April und Mai gemäß AAppO auf Distanz vermittelt werden. Für die virtuellen Vorlesungen wurde zunächst kein festes Format vorgeben, wobei sich Online-Vorlesungen mit begleitendem Chat, Podcasts mit Chatroom oder Videoaufzeichnungen einer großen Akzeptanz erfreuten.

Rückblickend konnten die Lehrveranstaltungen in diesem besonderen Semester in einer Form gestaltet werden, sodass alle vorgesehenen Lehrveranstaltungen gemäß AAppO durchführbar waren. Vor allem für die Fachsemester, die sich direkt vor den Pharmazeutischen Prüfungen befanden, erfolgte die Terminierung rechtzeitig bis zum Ende der Nachreichfrist beim Hessischen Landesprüfungsamt.

Ausblick Wintersemester 2020/21

In den vergangenen beiden Monaten konnten ausreichend Erfahrungen mit den unterschiedlichen digitalen Lehrformaten sowie den alternativen Praktikumsformaten, insbesondere den Kleingruppenpraktika, gesammelt werden. Jedoch zeichnet sich auch ein ganz erheblicher zeitlicher Mehraufwand sowie ein Personalmehrbedarf ab. Beide Probleme sind nicht unerheblich und der Personalmehrbedarf derzeit nur durch viel Enthusiasmus und Überstunden zu kompensieren. Als kritischer Zeitfaktor wurde hauptsächlich das mehrfache Anbieten der Praktika in Kleingruppen identifiziert.

Dadurch wird die meiste Zeit des Wintersemesters auch für die Praktika reserviert werden müssen. Innerhalb einer jeden Woche soll zumindest ein Tag für die Diskussion der Vorlesungsinhalte mit den Studierenden freigehalten werden. Es erscheint jedoch unausweichlich, auch Samstage mit in den Semesterbetrieb einzubeziehen, vorzugsweise für Klausuren. Die bevorzugten digitalen Vorlesungsformate

werden solche sein, die von den Studierenden zu frei wählbaren Zeiten von der universitären Internetplattform abgerufen werden können. Da die Präsenz-Praktika in Kleingruppen bisher sehr gut angenommen wurden, werden diese auch weiterhin beibehalten.

Besonders für die Erstsemester ist es natürlich schmerzhaft, dass das so geliebte »Studenten-Feeling« auch bei geöffneten Gaststätten und Cafes nicht so richtig aufkommen will. Immerhin ist ein physisches Zusammenkommen des gesamten Semesters in Marburg möglich, auch wenn die sonst üblichen Studentenpartys eher klein ausfallen werden.

Am Wichtigsten ist nach wie vor, dass der Studienablauf im Fach Pharmazie an der Philipps-Universität Marburg nicht verzögert wird. Auf Dauer muss der derzeitige Personalmehraufwand sicherlich in irgendeiner Weise berücksichtigt werden. Es bleibt zu wünschen, dass diese besondere Situation auch von der Landesregierung angemessen gewürdigt wird.

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