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Messie-Syndrom

Leben im Chaos

Auf den ersten Blick können Betroffene unauffällig erscheinen, aber ein Blick in die Wohnung offenbart ihr Problem: Messie-Syndrom. Das extensive Horten von Gegenständen tritt als Symptom verschiedener Krankheiten oder als isolierte Störung auf. Aus Scham suchen viele erst spät Hilfe.
Nicole Schuster
10.12.2018
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Schätzungen zufolge leiden in Deutschland bis zu 1,8 Millionen Menschen an einer Störung, die im Volksmund als »Messie-Syndrom« bekannt ist. Der Begriff leitet sich vom englischen Wort »mess«, also Chaos, Durcheinander, ab. »Gemeinhin versteht man unter Messie-Syndrom im deutschen Sprachgebrauch das exzessive Sammeln und Aufbewahren von Dingen, die keinen oder nur geringen Wert für andere Menschen besitzen. Manchmal wird die Bezeichnung auch für eine extreme Form des Hortens von gebrauchten Dingen oder gar Müll benutzt. Hierbei spricht man auch vom »Vermüllungssyndrom«, erzählt Michael Müller-Mohnssen, Psychologischer Psychotherapeut und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie (dgsps) aus Ravensburg, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Die Störung kann Elemente von krankhaften Zwängen oder Süchten aufweisen. In den internationalen Klassifikationssystemen findet sich das »Messie-Syndrom« jedoch nicht. »Die Bezeichnung existiert aber in der Laien-Diskussion und auch in entsprechenden Selbsthilfegruppen«, so der Experte.

Als überholt gilt heute die Ansicht, dass vor allem ältere Menschen von dem Syndrom betroffen sind. Diese Gruppe kann infolge altersbedingter Krankheiten oder weil betagte Senioren aus Einsamkeit an allen Erinnerungen festhalten wollen, unfähig sein, auszusortieren und wegzuwerfen. Heute weiß man allerdings, dass auch junge Menschen zu der Störung neigen können und dass der Erkrankungsgipfel im mittleren Lebensalter liegt. Frauen sind womöglich in der Überzahl. Insgesamt geht man bei der Störung von einer hohen Dunkelziffer aus.

Leben bestimmt vom Sammelwahn

Das Bedürfnis zu sammeln ist ein im Menschen angelegter Instinkt. Allerdings können die meisten diesen Instinkt an das gesellschaftlich akzep­tierte Maß und die bestehenden Notwendigkeiten anpassen. Horter hingegen verlieren die Kontrolle über ihr Sammeln. Sie häufen exzessiv Brauchbares, aber vor allem auch nutzlose Gegenstände wie gelesene Zeitungen, Verpackungsmaterial oder abgetragene Kleidung an.

Die Grenzen von Unordentlichkeit und Nachlässigkeit und dem krankhaften Horten sind dabei fließend. Auch ist die Störung von einer »normalen« Sammelleidenschaft, der viele Menschen in einem bestimmten Maß nachgehen, zu unterscheiden. Anders als bei diesem Hobby mangelt es »Messies« beim Sammeln an Sinn, Struktur und Organisation. Zudem haben die Betroffenen oft Probleme, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, können sich nur schlecht entscheiden oder planen. Oft geht mit dem Syndrom ein ausgeprägter Perfektionismus einher. Die Patienten wollen alles so übertrieben gründlich machen, dass der Wohnungsputz zu einer Mammutsaufgabe wird, die sie nicht in Angriff zu nehmen wagen.

Ein Spezialfall des Hortens ist das Sammeln von Tieren, meist Katzen oder Hunden. Eine artgerechte Unterbringung und Versorgung ist den Betroffenen nicht mehr möglich. Es leiden dann nicht nur die Wohnung und Einrichtungsgegenstände, sondern vor allem auch die Tiere, die oft verdreckt, unterernährt und krank sind.

Für die Betroffenen wird das Anhäufen zu einer zunehmenden Belastung und sie leiden unter einer immer stärker werden Beeinträchtigung ihrer Alltagsaktivitäten. »Die eigene Wohnung und/oder dessen Umfeld ist so vollgestellt, dass sich der Betroffene oft kaum noch oder nur in schmalen Durchgängen darin bewegen kann«, erzählt der Psychotherapeut aus Ravensburg. Auch soziale Probleme bringt die Störung mit sich. In die überfrachtete Wohnung wollen die Betroffenen aus Scham meist weder Freunde noch Familienangehörige einladen. Es droht eine wachsende Isolation bis hin zur totalen Abschottung von anderen Menschen.

Patienten, die unter der extremsten Form, dem Vermüllungssyndrom, leiden, stehen zusätzlichen hygienischen Problemen gegenüber. Die Wohnung kann so vollgestopft sein, dass sie nur noch mit Mühe betreten werden kann. Eine Nutzung von Einrichtungen wie der Küche oder den sanitären Anlagen kann ebenso unmöglich sein, wie eine regelmäßige Reinigung. Herumliegende Abfälle, Essensreste, Ungeziefer und sogar Exkremente können zu einer (Geruchs)Belästigung für Nachbarn werden.

Inneres Chaos wird zu äußerem Chaos

Die Patienten sind in der Regel weder faul noch lassen sie ihr Zuhause absichtlich verkommen. Vielmehr leiden sie unter ernsten inneren Konflikten, die sie in Form des unkontrollierten Sammelns zu bewältigen versuchen. Besitz soll die innere Leere, die etwa durch frühkindliche traumatische Verlusterlebnisse, Bindungsstörungen oder kritische Lebensereignisse entstanden ist, kompensieren. »Die Betroffenen verbinden mit den von ihnen gesammelten Dingen einen emotionalen Wert, etwa Erinnerungen an schöne Zeiten oder geliebte Menschen«, erklärt Müller-Mohnssen. So wird nachvollziehbar, warum das Entfernen des Gesammelten durch den Patienten selbst oder gutmeinende Freunde oder Verwandte zu Panikreaktionen führen kann. »Die Trennung wird als schwerwiegender Verlust der eigenen Identität erlebt und kann zu einem emotionalen Chaos oder zu einer deutlichen Verschlimmerung einer psychischen Störung führen«, so der Experte.

Die Betroffenen zeigen durchaus Einsicht für ihr Problem und erkennen, dass mit ihrer Lebensweise etwas nicht in Ordnung sind. Sie fühlen sich aber unfähig, etwas zu ändern und leiden unter dem Ausgeliefertsein an den eigenen Sammelwahn.

Hilfe suchen ist keine Schande

Aus Scham vertrauen sich viele aber lange niemandem an, was zu einer Eskalation des Problems führen kann. Wohnungen müssen schlimmstenfalls zwangsgeräumt und grundsaniert werden. Das »Messie-Syndrom« führt in diesen extremen Fällen dazu, dass sich Menschen in einer hochverschuldeten und scheinbar ausweglosen Lage wiederfinden.

Bei der ärztlichen Diagnosestellung ist es wichtig, den Einzelfall zu betrachten. »Das individuelle »Messie-Syndrom« kann als eine isolierte Störung mit einer konkreten Ursache meist im sozialen Bereich auftreten. Beispiele sind Einsamkeit und soziale Isolation nach Trennungen oder Tod eines Angehörigen, wirtschaftliche Sorgen, beengte Wohnverhältnissen oder körperliche Beeinträchtigungen«, weiß der Experte. In anderen Fällen tritt das Syndrom als Symptom einer zugrunde liegenden psychischen Erkrankung auf. Dabei kann es sich etwa um depressive Störungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Suchterkrankungen, Schizophrenie oder auch dementielle Störungen handeln. Eine sorgfältige Differenzialdiagnostik beim Facharzt oder Psychologischen Psychotherapeuten ist Voraussetzung dafür, dass die richtige Behandlungsstrategie gewählt werden kann.

Wenn Betroffene den Besuch beim Arzt oder Psychologischen Psychotherapeuten zunächst scheuen, stehen auch niederschwellige Hilfsangebote zur Verfügung. So ist das Versorgungsnetz von Selbsthilfegruppen in den letzten Jahren in Deutschland immer besser geworden und es gibt in fast jedem größerem Ort Selbsthilfeeinrichtungen, etwa Gruppen der »Anonymen Messies«. Auch im Internet gibt es Rat und Hilfe, zum Beispiel in Online-Foren. Eine Unterstützung kann ein Haushaltsorganisationstraining sein, das in vielen Orten von Beratungsstellen, zum Beispiel der Caritas oder Diakonie, angeboten wird. Um die zugrunde liegenden seelischen Probleme zu lösen, ist aber in der Regel eine Psychotherapie, etwa eine Verhaltenstherapie, erforderlich. Müller-Mohnssen hat noch einen konkreten Wunsch, um vielen sogenannten »Messies« zu helfen: »Es ist mehr aufklärende und vorurteilsfreie Information und Kommunikation in der Öffentlichkeit erforderlich, um einer Stigmatisierung der Betroffenen entgegenzuwirken.«

 

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