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Ernährung

Kritische Nährstoffe im Alter 

Mit dem Alter verändert sich der Körper und damit auch die empfohlene Ernährung. Worauf ältere Menschen besonders achten sollten und welche Nährstoffe mitunter kritisch sind, erläuterte Professor Dr. Martin Smollich beim Pharmacon in Schladming.
Juliane Brüggen
23.01.2023  16:30 Uhr

Zentral ist der veränderte Energie- und Nährstoffbedarf im Alter. Der Körper benötigt weniger der Energielieferanten Kohlenhydrate und Fett.  Außerdem sinkt der Grundumsatz. Während die Portionen dementsprechend kleiner werden, bleibt der Bedarf an Mikronährstoffen jedoch überwiegend gleich. »Die Konsequenz ist, dass die Mikronährstoffdichte ansteigen muss«, erklärte Smollich, Leiter der Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck. Zusätzlich wird die Mikronährstoffaufnahme durch die im Alter reduzierte intestinale Absorption und die verringerte Magensäureproduktion erschwert. Weitere Risikofaktoren für eine Mangelernährung sind Zahnprobleme, Demenz, eingeschränkte Mobilität, ein nachlassendes Hunger- und Sättigungsgefühl sowie unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Mundtrockenheit oder Appetitlosigkeit.

Essenziell ist laut Smollich, den Verlust an Muskelmasse (Sarkopenie) im Blick zu behalten. Denn durch diesen gehe die Funktionalität im Alltag verloren, was in einen »Teufelskreis der Gebrechlichkeit« führen kann. Schon einige Tage im Liegen haben drastische Auswirkungen: »Wir haben bei über 65-Jährigen, wenn sie fünf Tage im Bett liegen, einen Verlust von 20 Prozent der Beinmuskulatur.«

Zur Entstehung der Sarkopenie trägt ganz wesentlich ein Proteinmangel bei. Die Empfehlung lautet 1,0 bis 1,2 g Protein/kg Körpergewicht (KG) pro Tag inklusive 2,5 g Leucin pro Mahlzeit. »Gerade verzweigte Aminosäuren sind wichtig, da sie muskelanabol wirken.« Bei Krankheit oder bestehender Mangelernährung sollten es 1,2 bis 2,0 g Protein/kg KG pro Tag sein, was oft nur mit Supplementation möglich ist. Wichtig ist Smollich zufolge, diese mit Krafttraining zu verbinden: »Wir brauchen den physiologischen Stimulus.« 

Augenmerk auf bestimmte Mikronährstoffe

Bei Menschen über 65 Jahren die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) heranzuziehen, sei nicht immer eine gute Idee. Denn die Referenzwerte gelten nicht für Kranke, Rekonvaleszente und Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen, entleerte Nährstoffspeicher haben oder regelmäßig Alkohol trinken. Bei diesen Personen sollten stattdessen die medizinischen Leitlinien zurate gezogen werden.

Zu den im Alter kritischen Mikronährstoffen zählen unter anderem Calcium und Vitamin D sowie Vitamin B12. »Gerade Protonenpumpeninhibitoren und Metformin reduzieren die B12-Aufnahme«, warnte Smollich. Bei Symptomen wie Polyneuropathie oder depressiver Pseudodemenz müsse daran gedacht werden. »Die Mangelsymptome werden ganz oft als alterstypisch bagatellisiert.«

Calcium und Vitamin D sollten Senioren außerhalb von Gemeinschaftseinrichtungen nicht unspezifisch einnehmen, sondern nur bei Risikofaktoren wie Osteoporose oder knochendichtereduzierender Medikation. Zwei Fallstricke gibt es hierbei: Vitamin D sollte bei einer täglichen Calciumaufnahme unter 1000 mg nicht isoliert eingenommen werden und eine Calciumzufuhr von über 2400 mg pro Tag erhöht das kardiovaskuläre Risiko. Das erreiche man schnell mit mineralhaltigem Wasser und Tabletten, so Smollich.

Nicht sofort zu Trinknahrung greifen

Liegt eine Mangelernährung vor, sollte nicht sofort der Griff zur hochkalorischen Trinknahrung folgen. »Die Maßnahmen haben einen bestimmten Ablauf«, betonte Smollich. An erster Stelle stehe immer, mögliche Ernährungshemmnisse wie Zahnprobleme oder Symptome wie Übelkeit zu identifizieren und zu beheben. Erst nach weiteren Maßnahmen wie einer angenehmen Gestaltung der Essumgebung, adäquaten Pflegemaßnahmen, Anpassungen und Anreicherungen der Mahlzeiten sollten Trinknahrung, Sondenernährung oder parenterale Ernährung zum Einsatz kommen.

Zu beachten sei, dass es nicht immer nur um harte Fakten gehe: »Essen ist mehr als Nährstoffe in den Körper zu bringen. Nahrung ist Genuss und Lebensqualität.« So verbessern auch gemeinsames Essen und eine schöne Präsentation des Essens den Ernährungsstatus.

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