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Lockdown-Maßnahmen

Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht am effektivsten

Seit gut einem Jahr ordnen die Bundesländer immer wieder Maßnahmen an, um die Ausbreitung von SARS-CoV-2-Infektionen einzudämmen. Immer wieder wird gestritten, wie effektiv diese Maßnahmen sind. Eine Studie aus Deutschland gibt Hinweise.
Theo Dingermann
21.04.2021  11:00 Uhr

Regierungen und Behörden in großen Teilen der Welt haben seit Anfang 2020 teils drastische Maßnahmen ergriffen, um die sich stetig ausweitende Corona-Pandemie einzudämmen. Zu den Maßnahmen zählten die Schließung von Schulen und nicht lebensnotwendiger Geschäfte. Ferner wurde das Tragen von Masken angeordnet, und es wurden Reise- und Kontaktbeschränkungen und sogar Kontaktverbote und Ausgangssperren ausgesprochen. 

Dass diese Maßnahmen auf teils heftige Proteste sowohl seitens einiger Politiker als auch von Teilen der Bevölkerung stießen, verwundert nicht. Da war es ein Dilemma, dass Daten zu Effektivität der verschiedenen Einschränkungen kaum verfügbar waren. Wissenschaftler der Universitäten Kassel, Southern Denmark und Mainz sowie der technischen Universität Darmstadt haben nun anhand der verschiedenen Regelungen innerhalb Deutschlands während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 den Erfolg der einzelnen Maßnahmen verglichen.

In dieser noch nicht begutachteten Studie konnten die Wissenschaftler zeigen, dass durch Kontaktbeschränkungen der Anstieg der Infektionen mit dem Coronavirus um fast 14 Prozentpunkte reduziert werden konnte. Das heißt: Hätte es in einer Region in einer bestimmten Zeitspanne ohne diese Maßnahme einen Anstieg der kumulierten Infektionen um beispielsweise 30 Prozent gegeben, so stiegen die Infektionen dank Abstandsgebot und anderen Kontaktbeschränkungen tatsächlich nur um rund 16 Prozent.

Auch die Maskenpflicht in Bussen, Bahnen, Supermärkten und anderswo in der Öffentlichkeit erwies sich als wirkungsvoll, um ein Abflachen der Infektionskurve zu erreichen und als Folge einen exponenziellen Anstieg des Infektionsgeschehens zu verhindern. Durch die Maskenpflicht konnte die Dynamik des Infektionsgeschehens um weitere 13,5 Prozentpunkte gesenkt werden.

Weniger effizient, aber immer noch wirkungsvoll waren nach den Analysen der Forscherteams die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten. Durch diese Maßnahmen konnte die Dynamik des Infektionsgeschehens um etwa 5,5 Prozentpunkte gesenkt werden.

Restaurant- und Ladenschließungen mit wenig Auswirkung

Die Schließung von Restaurants zeigte noch einmal deutlich geringere Effekte. Diese immer wieder kritisierte Maßnahme hatte mit einer Senkung des Infektionsgeschehens um etwa 2 Prozentpunkten einen sehr geringen Effekt, wohingegen die Schließungen von Parks, Zoos, Museen oder Wellness-Einrichtungen – aber auch von Geschäften kaum messbare Effekte zeigten.

»Der Effekt der Geschäftsschließungen war kaum nachweisbar«, erläuterte der Leiter der Studie, der Kasseler Statistiker Professor Dr. Reinhold Kosfeld, in einer Pressemitteilung der Universität Kassel. Ein Grund könnte sein, dass in den geschlossenen Geschäften üblicherweise viel mehr Fläche zur Verfügung steht als in den systemrelevanten Geschäften, darunter beispielsweise den Supermärkten, die weiterhin geöffnet waren, 

Weiter sagte Kosfeld: »Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht waren die Säulen des Erfolges, um die Pandemie einzudämmen. Die Wirkung der Schließung von Schulen und Kitas war signifikant, aber deutlich geringer. Als noch geringer erwiesen sich die Schließungen von Restaurants, Cafés und Bars. Der Shutdown des nicht lebensnotwendigen Einzelhandels ist mit 4,5 Prozent anteilsmäßig noch einmal geringer und statistisch auch nicht mehr gesichert. Grundsätzlich sollte man berücksichtigen, dass die Effekte von der Chronologie der Schließungen in der Krise beeinflusst werden. Relativ spät ergriffene zusätzliche Maßnahmen haben häufig einen geringeren Effekt als die ersten Maßnahmen.«

Studienergebnisse basieren auf komplexer Methode

Die Forschungsgruppe um Kosfeld nutzte für ihre Analyse einen sogenannten »Difference-in-differences«-Ansatz. In ihre Analysen schlossen sie Daten aus 401 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten ein. Da die Maßnahmen in den Bundesländern jeweils zeitlich versetzt eingeführt wurden, konnten sie für bestimmte Zeitspannen Gruppen von Städten und Kreisen bilden, in denen die Maßnahmen schon galten, und Kontrollgruppen, in denen sie (noch) nicht galten.

Zudem projizierten sie für jede Gebietseinheit Verlaufskurven des Infektionsgeschehens anhand von Daten des Robert-Koch Instituts (RKI). Dabei berücksichtigten sie, dass sich die Kreise und Städte in unterschiedlichen Phasen der Pandemie befanden, also die Ausbreitungsgeschwindigkeit in einer bayerischen Stadt höher gewesen sein konnte als in einem mecklenburgischen Landkreis. Der Untersuchungszeitraum für die Studie reichte von Mitte März bis Ende April 2020, als erste Lockerungen in Kraft traten.

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