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Modellrechnung

Kein Verzicht auf AHA-Regeln durch Impfungen

Können wir bald auf die lästigen Maßnahmen der nicht pharmakologischen Interventionen, die sogenannten AHA + L-Regeln, verzichten, wenn immer größere Teile der Bevölkerung gegen Covid-19 geimpft sind? Diese Hoffnung wird durch eine aktuelle Modellrechnung erheblich getrübt.
Theo Dingermann
23.03.2021  17:00 Uhr

Die langsame aber stetig steigende Durchimpfung der Bevölkerung zum Schutz vor Covid-19 weckt Phantasien, nach und nach auf eine Lockerung der nicht pharmazeutischen Interventionen hoffen zu können. Ob und wann dies möglich ist, ist eine komplexe Frage. Nicht nur der Fortgang der Durchimpfung, sondern auch Faktoren wie die Altersstruktur der Bevölkerung und die unterschiedlichen Schweregrade von Covid-19 erlauben es nicht, lineare Vorhersagen machen zu können. Vielmehr bedarf es komplexer Modellrechnungen, die Szenarien beschreiben, in die kritische Variablen eingehen.

Diesem Problem haben sich Wissenschaftler um Dr. Sam Moore von Zeeman Institute for Systems Biology and Infectious Disease Epidemiology Research, an der University of Warwick in Coventry, UK, gewidmet. Ihre keineswegs beruhigenden Ergebnisse haben sie im Fachjournal »The Lancet Infectious Diseases« publiziert.

Modellrechnung für Großbritannien

Hierzu verwendeten die Wissenschaftler epidemiologische Daten aus Großbritannien zusammen mit Schätzungen der publizierten Wirksamkeit der Impfstoffe von Astra-Zeneca/Oxford University und von Biontech/Pfizer.

Diese Basisdaten ließen die Wissenschaftler in ein nach Alter und Regionen des Vereinigten Königreichs strukturiertes mathematisches Modell einfließen, das an eine Reihe epidemiologischer Daten in Großbritannien angepasst wurde. Weiter gingen die Wissenschaftler von einer Impfung mit zwei Dosen im Abstand von zwölf Wochen und einem Beginn des Infektionsschutzes 14 Tage nach der zweiten Impfung aus.

Eine Annahme des Modells ist, dass 95 Prozent der über 80-Jährigen, 85 Prozent der 50- bis 79-Jährigen und 75 Prozent der 18- bis 49-Jährigen eine komplette Impfung erhalten haben. Die Forscher modellierten dann diese Impfquoten in Richtung eines Best-case- und eines Worst-case-Szenarios.

Die durchschnittliche Wirksamkeit der in Großbritannien eingesetzten Impfstoffe von Astra-Zeneca/Oxford University und von Biontech/Pfizer gegen eine symptomatische Erkrankung wurde grob mit 88 Prozent angenommen. Ein Schutz gegen eine Infektion variierte in den Modellen von 0 Prozent bis 85 Prozent.

Alle diese Faktoren, zusammen mit mehreren möglichen künftigen Lockerungsmaßnahmen nicht pharmazeutischer Interventionen, wurden verwendet, um die Reproduktionszahl (R) und das Muster der täglichen Todesfälle und Krankenhauseinweisungen für den Zeitraum von Januar 2021 bis Januar 2024 vorherzusagen.

Ernüchternde Aussichten

Das Team um Moore kommt zu dem Schluss, dass Impfungen allein nicht ausreichen werden, um die Epidemie einzudämmen. Selbst für den Fall, dass die Impfstoffe 85 Prozent der Infektionen verhindern, muss von einem R-Wert von 1,58 ausgegangen werden, wenn allen berechtigten Erwachsenen beide Dosen des Impfstoffs angeboten wurden. Unter diesen sehr optimistisch eingeschätzten Bedingungen würde ein rascher Verzicht auf alle nicht pharmazeutischen Maßnahmen nach Abschluss des Impfprogramms im Zeitraum zwischen Januar 2022 bis Januar 2024 voraussichtlich zu 21.400 Todesfällen führen. Nimmt man hingegen an, dass die Impfstoffe nur 60 Prozent der Infektionen verhindern, läge die Zahl der Todesfälle bei 96.700. Die analogen Zahlen für den Zeitraum zwischen Januar 2021 bis Januar 2024 lägen bei 130.100 beziehungsweise 140.700.

Obwohl die Impfung die Gesamtzahl der Todesfälle natürlich erheblich reduziert, bietet sie dem einzelnen Patienten nur teilweise einen Schutz, So lässt sich aus den Modellrechnungen ableiten, dass unter dem oben beschriebenen Akzeptanzszenario für die Impfung in den verschiedenen Altersklassen und einem 60-prozentigen Schutz vor Infektionen 48,3 Prozent Todesfälle bei Individuen auftreten, die nur einmal geimpft wurden und 16,0 Prozent der Todesfälle bei Individuen auftreten, die zwei Dosen des Impfstoffs erhalten hatten.

Obwohl also die verfügbaren Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 eine potenzielle Exit-Strategie für die Pandemie andeuten, hängt der Erfolg doch stark von den genauen Spezifikationen der verwendeten Impfstoffe und von der Bereitschaft der Bevölkerung ab, sich impfen zu lassen. Die verbleibenden Risiken für durch Covid-19 verursachte Todesfälle sind auch nach einem optimalen Durchimpfungsprogramm so hoch, dass man verantwortungsvoll kaum zu einem Verzicht auf nicht pharmakologische Interventionen raten kann.

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