Pharmazeutische Zeitung online
Studie aus drei Bundesländern

Kein Anstieg der Suizide in Corona-Pandemie

Während der Corona-Pandemie hat es laut einer Studie mit Daten aus drei Bundesländern bislang keinen Anstieg der Suizidrate gegeben. Das geht aus einer im «Ärzteblatt» veröffentlichten Untersuchung hervor, die den Zeitraum bis Ende 2021 betrachtet.
dpa
09.05.2022  14:30 Uhr

Die drei Wissenschaftler aus Leipzig und Ulm hatten Daten zu Suizidfällen der polizeilichen Kriminalstatistiken von Rheinland-Pfalz, Sachsen und Schleswig-Holstein im Zeitraum Januar 2017 bis Dezember 2021 untersucht. Die Forscher schränken ein, dass die ausgewerteten Daten «als vorläufig zu betrachten sind und für die vorliegende Studie nur für drei Bundesländer im erforderlichen Umfang verfügbar waren».

«Historisch ist bekannt, dass wirtschaftliche Krisen, Epidemien oder andere Bedrohungsszenarien die Suizidraten der betroffenen Populationen beeinflussen», schreiben die Autoren. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sei daher eine Zunahme von Suiziden befürchtet worden. Eine Analyse internationaler Daten aus den ersten Monaten der Pandemie hätten diese Annahme jedoch weitgehend widerlegt. «Studien aus Deutschland, die bislang nur kleinere regionale Populationen untersuchten, fanden ebenfalls keine auffällig erhöhten Suizidraten», schreiben die Studienautoren.

In ihrer eigenen Untersuchung werteten die Forscher nun Statistiken aus den drei Bundesländern mit rund 11 Millionen Einwohnern aus. Demnach wurden bei Männern (über alle Altersgruppen hinweg betrachtet) in den beiden Pandemiejahren 2020 und 2021 sogar etwas weniger Suizide registriert als in den drei Jahren zuvor. Allerdings war der Rückgang nicht statistisch signifikant. Auch bei den Frauen gab es keine belastbare Veränderung der Suizidzahl. Zum Teil gab es bei Frauen wie bei Männern in den verschiedenen Altersgruppen relevante Zu- und Abnahmen der Suizidhäufigkeit, «die jedoch kein übergeordnetes Muster erkennen ließen», wie die Forscher schreiben.

Bei Kindern und Jugendlichen zeigte sich in der untersuchten Stichprobe ebenfalls keine erhöhte Suizidrate. Da in diesem Altersbereich vergleichsweise niedrige Suizidraten vorliegen, sind Anstiege aber schwer messbar, wie die Autoren der Studie betonten.

Pandemie und Ukraine-Krieg setzen Psyche zu

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht Europa angesichts von Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg in einer wichtigen Zeit beim Kampf gegen psychische Probleme. «Unsere Region befindet sich in einem umfassenden Umbruch und Wandel», sagte der Direktor der WHO-Region Europa, Hans Kluge, vergangenen Mittwoch in Kopenhagen. Die Pandemie habe ein Schlaglicht auf die psychische Gesundheit geworfen, der bewaffnete Konflikt in der Ukraine wirke sich auf das geistige Wohlbefinden von Millionen von Menschen aus. «Zehn Wochen Krieg in der Ukraine haben zu unberechenbarer Ungewissheit, Unsicherheit, Trauer und Verlust geführt», sagte Kluge. Fast 190 Angriffe auf das Gesundheitswesen in der Ukraine hätten unzähligen Menschen Hoffnung und den Zugang zu Gesundheitsdiensten geraubt.

Kluge leitete mit seinen Worten die erste Sitzung der sogenannten Paneuropäischen Koalition für Psychische Gesundheit ein. Ziel dieser Koalition sei es, dass auf allen Ebenen Initiativen ergriffen werden, um vernachlässigten mentalen Gesundheitsbedürfnissen in der Region Europa zu begegnen, sagte der WHO-Regionaldirektor. Zur europäischen WHO-Region zählen neben Deutschland und dem Rest der EU auch weiter östlich gelegene Staaten, darunter auch Russland und die Ukraine.

Nach WHO-Angaben lebten 2021 mehr als 150 Millionen Menschen in der Region mit psychischen Gesundheitsproblemen. Nur jeder dritte Mensch mit Depressionen erhalte die Hilfe, die benötigt werde. Psychische Probleme beträfen alle Altersgruppen und alle sozialen Schichten.

Mehr von Avoxa