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SARS-CoV-2-Infektion

Kampfplatz Nase

Die Nase ist die erste Eintrittspforte für das Coronavirus in den menschlichen Körper. Derzeit testen Forscher verschiedene Strategien, um Infektionen direkt in der Nase zu verhindern – unter anderem Nasenspülungen mit verdünntem Babyshampoo.
Annette Rößler
14.10.2020  07:00 Uhr

Geruchs- und Geschmacksstörungen sind als ein typisches Symptom für eine Coronavirus-Infektion bekannt. Gingen Forscher zu Beginn der Pandemie noch davon aus, dass die Erklärung hierfür in einem direkten Befall der Sinneszellen des Riechepithels durch SARS-CoV-2 zu suchen ist, darf es mittlerweile als gesichert gelten, dass stattdessen die versorgenden Zellen der Riechschleimhaut von dem Coronavirus befallen werden. Hier finden sich die für den Eintritt des Erregers in die Zellen essenziellen ACE2-Rezeptoren in großer Dichte. Die Riechschleimhaut könnte somit eine Art Resevoir für das Coronavirus darstellen, was auch die Bekämpfung des Erregers direkt in der Nase zu einer vielversprechenden Strategie macht (»European Respiratory Journal, DOI: 10.1183/13993003.01948-2020).

Eine Möglichkeit hierfür sind Nasensprays mit Wirkstoffen, die entweder direkt gegen SARS-CoV-2 gerichtet sind oder die Immunantwort auf den Erreger aktivieren. Diverse solcher Produkte sind in der Entwicklung, allerdings noch weit von einer möglichen Zulassung entfernt. So arbeitet etwa die Berliner Firma Berlin Cures an einer inhalativen Formulierung ihres Oligonukleotids BC007, das verhindern soll, dass SARS-Coronaviren-2 Zellen penetrieren und sich darin verfielfältigen können. Dasselbe Ziel verfolgt ein Forscherteam der University of California in San Franciscomit ihrem Produkt »AeroNabs«, das den trivalenten, gegen SARS-CoV-2 gerichteten Nanobody mNB6-tri enthält und als Nasenspray oder Inhalator angewendet werden soll. Die körpereigene Immunabwehr gegen SARS-CoV-2 in Stellung bringen wollen wiederum Mitarbeiter des australischen Biotech-Unternehmens ENA Respiratory mit der Substanz INNA-051, ein Agonist an Toll-Like-Rezeptoren 2 und 6 (TLR2/6), der als Nasenspray verabreicht werden soll.

Spülen statt Sprühen?

Auch Nasenspülungen könnten helfen, indem sie entweder vor einer Infektion schützen oder bei bereits Infizierten die lokale Viruslast senken. Welche Spüllösung am effektivsten ist, wird derzeit in Studien getestet. Zum Einsatz kommen Salzlösungen, aber auch Povidon-Iod, das neben anderen oralen Antiseptika auch schon ein aussichtsreicher Kandidat für eine Anticorona-Gurgellösung ist (»Ear, Nose & Throat Journal«, DOI: 10.1177/0145561320932318). In einer Studie der Vanderbilt University in Nashville wird derzeit sogar eine Tensid-Salz-Lösung als Nasenspülung getestet, die nichts anderes ist als mit Salz versetztes verdünntes Babyshampoo.

»Wir wissen, dass das Virus sehr empfindlich für Seifen und Tenside ist«, begründete Dr. Justin Turner, Professor für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der Vanderbilt University, den bizarr anmutenden Ansatz gegenüber der Nachrichtenseite »Science News«. Händewaschen mit Seife sei beispielsweise eine gute Methode, um das Coronavirus zu beseitigen. »Es scheint, als könnte es sinnvoll sein, das auch für die Nase zu empfehlen.«

Eine Zwischenauswertung der ersten 45 Teilnehmer des Versuchs scheint ihm und den anderen Initiatoren recht zu geben: In der Gruppe von nicht hospitalisierten Patienten mit PCR-bestätigter SARS-CoV-2-Infektion besserten sich die Symptome bei denjenigen schneller, die zweimal täglich mit Salz- oder Tensid-Salz-Lösung ihre Nase spülten, als bei denjenigen, die das nicht taten (»International Forum of Allergy & Rhinology«, DOI: 10.1002/alr.22703). Vorsicht sei jedoch geboten im Umgang mit der gebrauchten Spüllösung, schreiben die Autoren um Turner. Diese stelle eine mögliche Infektionsquelle für Personen im selben Haushalt dar, weshalb an der Studie auch nur Patienten teilnehmen dürfen, die die Spülungen in einem ausschließlich von ihnen selbst genutzten Bad vornehmen können.

Impfung durch die Nase

All diese Ansätze sind natürlich besonders interessant, solange es noch keinen Impfstoff gegen Covid-19 gibt. Doch auch dann wäre nicht gesagt, dass die Nase ihre Bedeutung für die Coronavirus-Forschung verliert. Denn für eine potenzielle Impfung kommt auch die nasale Applikation in Betracht. Sie ist einfacher als die intramuskuläre Gabe – und könnte Tierversuchen zufolge zudem auch effektiver sein.

Im »Coronavirus-Update« auf »NDR Info« erklärte Professor Dr. Christian Drosten von der Berliner Charité kürzlich, warum das so ist. Es sei wichtig, dass die durch eine Impfung erzeugten Immun-Gedächtniszellen vor allem in der Lunge aktiv seien. Daher wäre es gut, wenn man einen Impfstoff in die Lunge geben würde, was aber schwierig sei. Die nasale Applikation sei einfacher. Es sei sinnvoll, die Immunreaktion durch eine Impfung in die Nase Richtung Atemwege zu leiten. Für die erste Generation an Impfstoffen sei noch keine nasale Applikation zu erwarten, aber in Zukunft sei sie durchaus möglich.

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