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Death-Positive-Bewegung

Kaffee trinken mit dem Tod

Weil der Tod vielen Menschen Angst macht, war es höchste Zeit, ihn zu entmystifizieren, von Ehrfurcht zu befreien und Vermeidungshaltungen infrage zu stellen. Das hat sich die Death-Positive-Bewegung zum Ziel gesetzt. Inzwischen ist die neue Auseinandersetzung ein Thema auf der ganzen Welt.
Jennifer Evans
06.12.2021  07:00 Uhr

Ein Glas Sekt am Grab? Wer ein Tabu bricht, erntet zunächst Erstaunen, was dann in der Regel in eine positive Überraschung umschlägt und schließlich die Stimmung aufhellt. »Und das kann heilsam sein«, berichtet Christine Pernlochner-Kügler von ihren Erfahrungen als Bestatterin. »Das heißt aber nicht, dass man deshalb zu wenig trauert«, betont die Psychologin und Thanatologin. Allerdings weist sie darauf hin, dass ein Tabubruch immer zum Leben des Verstorbenen und zu den Bedürfnissen seiner Familie passen muss, um einen erleichternden Moment kreieren zu können. Trauer verlaufe in Wellen und zwischen den Schmerzwellen brauchten wir auch Wellen der Erleichterung und der Entspannung, sagt sie. Leider lähme der Ausnahmezustand oft die Kreativität, passende Rituale zu entwickeln, die in die Tiefe gingen und nicht in Hülsen verharrten.

Pernlochner-Kügler ist eigentlich Quereinsteigerin in der Bestatterbranche und vertritt die sogenannte Death-Positive-Bewegung. Dabei geht es darum, Sterben und Tod (wieder) salonfähig zu machen, Todestabus zu brechen, die Sterblichkeit anzunehmen sowie Rituale zu hinterfragen und diese individuell umzugestalten. Diese Bewegung wird der Hipster-Szene zugeordnet. Neu bei dem Zugang ist das konkrete Ansprechen von Fakten, ohne die üblichen Euphemismen oder den Humor.

Ganz neu ist die Death-Positive-Bewegung allerdings nicht. Rückblickend datiert die Autorin ein erstes Umdenken in diesem Bereich etwa um die Jahrtausendwende. Einen ähnlichen Ansatz, den Tod ins Leben zu integrieren, verfolgte demnach kurz vorher bereits die Hospiz- und Palliative-Care-Bewegung. Und im Jahr 2004 organisierte der Schweizer Soziologe und Anthropologe Bernard Crettatz erstmals das »Café Mortal«. In London eröffnete erst 2011 das erste »Death Café«. Gemeint sind damit Veranstaltungen im Haus von Privatpersonen oder in Lokalen, bei denen die Beteiligten in ungezwungener Atmosphäre beim Essen und Trinken über das Sterben reden. Nach Angaben der Bestatterin gibt es inzwischen in 66 Ländern solche Cafés, in denen über den Tod und damit verbundene Ängste, Träume und Wünsche geplaudert wird. Ziel sei es, durch die Beschäftigung mit der Endlichkeit, den Blick fürs Leben zu schärfen und damit »die verlorene Kontrolle« über das Ereignis Tod wiederzuerlangen.

Probeliegen im Sarg

Auch Kinderbücher wie »Ente, Tod und Tulpe« von Wolf Erlbruch aus dem Jahr 2007 oder die Zeitschrift »Drunter & Drüber«, ein modernes Hochglanzmagazin der Fundus Stiftung für 25- bis 55-Jährige, hätten in den vergangenen Jahren versucht, das Thema Tod zu enttabuisieren, so Pernlochner-Kügler. Die Kalifornierin Caitlin Doughty ging sogar noch einen Schritt weiter. Sie wirbt seit 2011 mit ihrer Youtube-Videoserie »Ask a Mortician« für einen alternativen und natürlichen Umgang mit Verstorbenen, ohne dabei feste Zeremonien über Menschen zu stülpen, die gar nicht zu ihnen passen. Genau wie Pernlochner-Kügler appelliert sie an alle, Tabus zu hinterfragen – vor allem wenn diese mit Ehrfurcht verknüpft sind und dadurch Grundängste verstärken. Heute ist Doughty selbst Geschäftsführerin eines Bestattungsinstituts in Hollywood und hat zudem die Organisation »The Order of the Good Death« ins Leben gerufen, mit der sie das Verhältnis der westlichen Gesellschaften zum Tod verändern will.

Um dem Thema seinen Schrecken zu nehmen, bietet Pernlochner-Kügler bereits seit vielen Jahren Führungen durch ihr Tiroler Bestattungsunternehmen an. Inzwischen haben demnach Schulklassen, Studierende, Auszubildende in Gesundheitsberufen, Rettungshelfer, Mitarbeitende der Feuerwehr oder Pensionistenvereine das Angebot wahrgenommen. Das Probeliegen im Sarg etwa beginne zunächst mit Respekt und Grusel, dann folgen Spannung und Humor und zuletzt setze immer Erleichterung ein, berichtet sie. Dasselbe beobachtet die Bestatterin, wenn sie ihren Kursteilnehmern Urnen, Hygienehüllen, Leichensäcke, Sargausstattung, sogenannte Fingerprints, die zur Erinnerung an Verstorbene gemacht werden oder kosmetische Mundformer in die Hand drückt. Das Anfassen verändere und normalisiere die Beziehung zum Gegenstand und ließe schließlich die Furcht schwinden.

Den Grund dafür, dass eine positive Vorstellung vom Tod eher die Ausnahme ist, sieht David Roth, Trauerbegleiter und Mitinhaber eines Bestattungshauses in Bergisch Gladbach, unter anderem darin begründet, dass »wir uns nicht mit den verschiedenen Bildern, auch der verschiedenen Kulturen befassen. Wir sehen Tod als Versagen.« Anderswo glaubte man hingegen, dem Verstorbenen gehe es gut, wo auch immer er hingehe.

Zum Konzert ins Bestattungsinstitut

Roth zufolge hat auch in einigen Unternehmen inzwischen ein Umdenken stattgefunden. Allerdings ist das noch lange nicht überall der Fall, wenn ein Kollege stirbt. Es geht nämlich nicht darum, einfach zu sagen: »Ach, mit der Beerdigung haben wir alles erledigt. Trauer beginnt oft erst drei, vier, fünf Monate später.« Wichtig sei es hingegen, den Mitarbeitenden langfristiger die Möglichkeit zum Abschiednehmen zu geben, etwa in einem abgetrennten Raum oder mithilfe eines Rituals wie Kerzen anzuzünden.

Basis seines Buchs ist der Podcast »Talk about Tod«, mit dem Roth neben Vorträgen und Seminaren seit einigen Jahren mit Klischees rund um den Tod aufräumen will und nebenbei noch Tipps gibt, wie man sich auf einen Trauerfall vorbereiten kann. In sein Bestattungsinstitut lädt er auch Menschen ein, die keine Trauerfälle haben. Einfach deshalb, weil er dort Lesungen oder Konzerte veranstaltet. Die Toten versteckt er während dieser Events allerdings nicht. Die Besucher kämen durchaus in Bereiche, wo sie durch die Fenster der Räume Familien sähen, die um einen Verstorbenen herumsäßen und trauerten, sagt er. Sind die Angehörigen einverstanden, führt Roth außerdem manchmal Schülergruppen zu den Leichen. »Niemand muss dann mitgehen, sie können, wenn sie wollen, dabei sein und sehen, wie unspektakulär, wie einfach, aber auch wie berührend, wie elementar diese Erfahrung ist«, erläutert er.

Er bedauert die Entwicklung, dass die Berührungspunkte mit dem Tod im modernen Alltagsleben immer weniger geworden sind. Verstorbene verschwänden oft »einfach sang- und klanglos«, weil Todesanzeigen, Trauerfeiern oder Aufbahrungen einfach immer seltener würden. Selbst die Bestattungswagen sähen heute zum Teil wie Lieferwagen von Handwerkern aus, seien häufig nicht mehr gekennzeichnet und inzwischen auch durchaus silberfarben oder dunkelrot. Und die Urnen versendet das Krematorium auch direkt per Post an den Friedhof.

Wann haben die Menschen aufgehört hinzuschauen? Roth meint: »Die ersten Ausläufer wurden spürbar, als immer mehr Menschen aus den Kirchen ausgetreten sind, die Dorfgefüge sich aufgelöst haben und die Mobilität in unserer Gesellschaft zunahm.« Er geht davon aus, dass diese Entwicklung schon in den 50er- und 60er-Jahren angefangen hat, als die Menschen immer seltener zu Hause starben und »man alles, was dann geschehen musste, einfach wegdelegierte«.

Neue Erinnerungskulturen schaffen

Geht es nach Roth, sollten die Urnen in Zukunft unter Bäumen mitten in der Stadt gebettet sein, praktisch als Gedenkstellen. So hätten die Menschen eine Beziehung zu diesem Ort. Seiner Ansicht nach kann daraus sogar eine Erinnerungskultur entstehen. »Eine Verbindung zu schaffen zu dem, was vor mir war, zu den Menschen, die vor mir waren«, erklärt er seine Vorstellung. Besonders freut er sich, dass viele Städte heute merken, dass Friedhöfe auch schöne Parks sein können, die den grünen Charakter erhalten. Das Beste wäre es in seinen Augen jedoch, wenn die Verbotsschilder an Friedhöfen auch noch verschwänden. Denn sie kreierten mit ihren Verhaltensregeln einen strengen und ruhigen Ort fernab von Buntem, Fröhlichem und Lebendigem. In Roths »Gärten der Bestattung«, ein hügeliges Waldstück am Eingang des Strundetals, wird es anders gehandhabt. Dort ist es nämlich erlaubt, einen Stuhl aufzustellen, auf einem Badehandtuch neben dem Grab zu liegen, Gitarre zu spielen oder zu grillen. Er erinnert daran, dass es nicht unüblich ist, dass Familien und Nachbarn sich an bestimmten Tagen auf dem Friedhof zu kleinen Festen mit Essen und Trinken treffen. Solche Bräuche existierten etwa in Mexiko oder islamischen Ländern. »Da wurden teilweise noch mal die Gräber geöffnet, in der Türkei, in Griechenland die Knochen geputzt.«

Roth hat auf jeden Fall noch viele Pläne, den Tod wieder mehr ins Leben zu integrieren. Zum Beispiel denkt er da an nächtliche Führungen über sein Areal, angereichert mit kleinen Anekdoten und Geschichten. Kunstwerke wie ein Efeu-Labyrinth, Meditationsplätze, Wasserläufe, aber auch einen Waldkindergarten gibt es in den »Gärten der Bestattung« bereits. »Die Kinder haben die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. Wir sagen nicht, ihr müsst euch mit Tod und Trauer befassen. Das Thema wird aber auch nicht ausgeklammert oder totgeschwiegen.« Trauernde Menschen brauchten einfach keine traurigen Orte. Stattdessen ist seiner Auffassung nach das Wiederentdecken des Lebens ein zentrales Ziel konstruktiver Trauerarbeit.

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