Pharmazeutische Zeitung online
Kommentar

Jetzt droht den Apothekern das Test-Chaos

Am kommenden Montag werden die Apotheker erneut sehr viele unangenehme Kundengespräche führen müssen. Denn die Bundesregierung hat versprochen, dass ab dem 8. März jeder Bundesbürger Anspruch auf einen kostenlosen Coronatest pro Woche hat. Allerdings sind wichtige Details der Test-Aktion noch völlig ungeklärt. Und so hat die Bundesregierung sowohl den Apothekern aber auch den Patienten das nächste Chaos beschert, meint PZ-Chefredakteur Benjamin Rohrer.
Benjamin Rohrer
05.03.2021  18:00 Uhr

Viele Apotheker werden sich noch an den vergangenen Dezember erinnern, als in den Apotheken das Masken-Chaos losbrach. Innerhalb kürzester Zeit brachte das Bundesgesundheitsministerium (BMG) damals die Schutzmasken-Verordnung auf den Weg. Auf einmal mussten die Apotheker selbst entscheiden, welcher Kunde Anspruch auf eine Maske hatte und wer nicht. Wenig später folgte dann das nächste Chaos: Denn zum Jahreswechsel hatten nur sehr wenige Kassen es geschafft, ihren Versicherten die Masken-Voucher zu schicken, mit denen die Risikopatienten ihre FFP2-Masken in der Apotheke abholen konnten. Dass die gesamte Masken-Aktion viel zu schnell und teilweise improvisiert aus dem Boden gestampft wurde, zeigte sich dann spätestens, als Kinder und Verstorbene von ihren Kassen die Masken-Scheine geschickt bekamen.

Dieses Chaos droht sich nun zu wiederholen – nur mit einem anderen Thema, nämlich den Antigentests, die einige Apotheken ihren Kunden derzeit anbieten. Denn diesmal ist der vom BMG gesetzte Zeitrahmen sogar noch knapper: Am Mittwochabend einigten sich Bund und Länder darauf, dass alle Bundesbürger ab dem kommenden Montag (8. März) Anspruch auf einen Antigentest pro Woche etwa in einer Apotheke oder Arztpraxis haben. Am Donnerstagmorgen legte das BMG die zugehörige Verordnung vor, die schon am Montag in Kraft treten soll. Doch die Verordnung enthält drei riesige Lücken, die sich bis zum kommenden Montag niemals klären lassen.

Drei riesige Lücken in der Test-Verordnung

Erstens geht es um die Abrechnungswege der von den Apothekern durchgeführten Tests. Bislang bieten die Pharmazeuten die Testungen als Selbstzahler-Leistung an. Nur in bestimmten Regionen haben sich schon Abrechnungswege etabliert, beispielsweise wenn die Pharmazeuten von ihrem Landkreis beauftragt wurden. Klar ist aber: Einen bundesweiten Abrechnungsweg, auf dem die Apotheker die von der Bundesregierung versprochene Vergütung, in Rechnung stellen können, gibt es schlichtweg bislang nicht. Die Verordnung sieht lediglich vor, dass die Apotheken ihre Leistungen und die Materialkosten bei der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen sollen und dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung einen entsprechenden Vordruck erstellen soll. Mal ganz davon abgesehen, dass das Ministerium von Jens Spahn (CDU) hier einen Abrechnungsweg etabliert, den es zuvor noch nie gegeben hat, ist auch völlig unklar, wann der KBV-Vordruck da sein wird und auf welchem Weg die Apotheker ihre Rechnungen der KV präsentieren können. Auf Nachfrage der PZ erklärte ein BMG-Sprecher dazu lediglich, dass die KBV die Abrechnungsdetails mit den Städten und Kommunen regeln soll. Bis wann eine solche Lösung steht, wurde nicht bekanntgegeben.

Und so werden viele Apothekenkunden am kommenden Montag enttäuscht sein, wenn sie in der Apotheke hören, dass sie den Test selbst bezahlen müssen. Nicht auszuschließen ist, dass die Apotheker und ihre Teams diesen Frust dann abkriegen. Apropos Frust: Dass die Bundesregierung testenden Apothekern pro Test 3 Euro weniger zahlen möchte als Ärzten, ist aus Apothekersicht völlig unverständlich und könnte dafür sorgen, dass einige Apotheker doch nicht in eigene Testzentren investieren.

Zweitens könnte der Test-Beschluss zu einem Fiasko werden, weil völlig ungeklärt ist, wie das Ganze dokumentiert werden soll. Wie kann sichergestellt werden, dass die Ein-Test-Regelung nicht missbraucht wird und die Menschen einfach mehrfach wöchentlich in verschiedene Apotheken,  Arztpraxen oder Testzentren gehen, um sich dort testen zu lassen. Drittens lässt der Verordnungsentwurf auch hinsichtlich der Beauftragung von Apothekern einiges vermissen. Völlig offen ist die Frage, ob nur Apotheken abrechnen dürfen, die offiziell von ihrer Kommune beauftragt wurden. Und wenn ja: Wie genau ist dieser Auftrag bei der Abrechnung nachzuweisen?

Frühere Vorbereitung wäre wünschenswert gewesen

Und so bleibt der Eindruck, dass die Bundesregierung nach den Erlebnissen mit den Masken einen weiteren Schnellschuss in die Welt setzt, der zunächst nur für Verwirrung sorgt. Sicherlich betrifft das zu erwartende Test-Chaos längst nicht alle Apotheken, weil auch Praxen und andere Dienstleister Tests anbieten werden. Trotzdem stellt sich wie bei so vielen anderen Pandemie-Maßnahmen (Masken, Schulen, Impfen, etc.) die Frage, warum die Bundesregierung nicht schon viel früher angefangen hat sich auf diese zweite und womöglich dritte Viruswelle vorzubereiten.

Mehr von Avoxa