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Long Covid

Jeder dritte Covid-Patient hat Langzeitschäden an Nerven oder Psyche

Mehr und mehr treten Probleme zu Tage, die unter dem Begriff »Long Covid« zusammengefasst werden. Neues zum Ausmaß neurologischer und psychiatrischer Langzeitschäden berichten Wissenschaftler der Universität Oxford. Demnach tritt ein solches Problem bei 34 Prozent aller Covid-19-Patienten innerhalb von sechs Monaten nach der Infektion auf.
Theo Dingermann
08.04.2021  10:30 Uhr

Es wird immer klarer, dass bei vielen von Covid-19 Genesenen von einer Heilung nicht die Rede sein kann, »Long Covid« ist ein gefürchtetes Langzeit-Syndrom, mit dem jeder, der an Covid-19 erkrankt ist, rechnen muss, auch bei eher leichten Symptomen einer akuten SARS-CoV-2-Infektion. Unter den Langzeitfolgen der Erkrankung bereiten vor allem auch neurologische und psychiatrische Störungen Sorgen. Immer deutlicher wird , dass Rekonvaleszente in den ersten drei Monaten nach der Infektion tatsächlich ein erhöhtes Risiko für Stimmungs- und Angststörungen haben.

Robuste und längerfristige Daten zu diesen neurologischen und psychiatrischen Folgeschäden gab es bisher nicht. Diese Informationen liefert jetzt eine im Fachjournal »The Lancet Psychiatry« veröffentlichte Studie, die von Wissenschaftlern an der Universität Oxford durchgeführt wurde. Ein Team um Maxime Taquet vom Department of Psychiatry wertete in dieser retrospektiven Kohortenstudie 236.379 Patientenakten aus. Die Daten stammten von TriNetX, einem Netzwerk, das anonymisierte Daten aus elektronischen Gesundheitsakten von 62 Gesundheitsorganisationen, hauptsächlich in den USA, mit 81 Millionen Patienten erfasst hat.

Als Kontrollen für ihre Analyse stellten die Wissenschaftler zwei gematchte Kohorten mit Patienten zusammen, bei denen entweder eine Influenza oder eine beliebige Atemwegsinfektion einschließlich Influenza diagnostiziert worden war. In diese Kontrollen waren 341.617 Patienten eingeschlossen.

Neurologische und psychiatrische Endpunkte der Primärkohorte wurden in den sechs Monaten nach einer Covid-19-Diagnose bei insgesamt 33,6 Prozent festgestellt, davon 12,8 Prozent mit einer solchen Erstdiagnose. Für Patienten, die aufgrund ihrer Covid-19-Erkrankung klinisch behandelt werden mussten, betrug der Prozentsatz 38,7 Prozent. Mussten die Patienten intensiv behandelt werden, betrug der Prozentsatz derer, die an neurologischen und psychiatrischen Störungen litten, 46,4 Prozent. Unter den Patienten, bei denen eine Enzephalopathie diagnostiziert worden war, litten 62,3 Prozent an neurologischen und psychiatrischen Störungen. Diese Prozentsätze lagen deutlich über denen, die in den gematchten Kohorten gemessen wurden.

Am häufigsten traten Angststörungen (17 Prozent), Störungen des Gemütszustands (14 Prozent), Substanzmissbrauch (7 Prozent) und Schlaflosigkeit (5 Prozent) auf. Unter den schwer an Covid-19-Erkrankten kam es im Nachgang auch relativ häufig zu Schlaganfällen (7 Prozent) oder Demenz (2 Prozent). Einen klaren Zusammenhang zu Parkinson-ähnlichen Symptomen oder einem Guillain-Barré-Syndrom fanden die Forscher hingegen nicht.

»Obwohl die individuellen Risiken für die meisten Erkrankungen gering sind, können die Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung für das Gesundheits- und Sozialsystem aufgrund des Ausmaßes der Pandemie und der Tatsache, dass viele dieser Erkrankungen chronisch sind, erheblich sein«, kommentiert Studienleiter Professor Dr. Paul Harrison.

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Das Risiko, im Nachgang zu der Krankheit neurologische und psychiatrische Probleme zu bekommen, war im Vergleich zu einer Influenza oder im Vergleich zu einer beliebigen Atemwegserkrankung um 78 Prozent beziehungsweise um 32 Prozent erhöht.

Für den Fall, dass nicht stationär behandelt werden musste, stieg das Risiko im Vergleich zu einer Influenza um durchschnittlich 83 Prozent, wobei sich die Risiken für unterschiedliche Spezialdiagnosen teils deutlich unterschieden. Im Vergleich zu beliebigen Atemwegsinfektionen ohne Krankenhausaufenthalt erhöhte sich das Risiko um durchschnittlich 28 Prozent, wenn man alle Spezialdiagnosen zusammen betrachtet.

Kalkulierte man die Risiken für Patienten die stationär behandelt werden mussten, erhöhte sich das Risiko für neurologische und psychiatrische Erkrankung im Vergleich zu den ambulant behandelten Patienten um 70 Prozent. War eine intensivmedizinische Behandlung erforderlich, stieg das Risiko im Vergleich zu einer ambulanten Versorgung um durchschnittlich 187 Prozent.

Insgesamt stützen und konkretisieren die Daten dieser Studie die groben Schätzungen, die derzeit kursieren. Sie zeigen in erschreckender Deutlichkeit, wie realistisch die Gefahren sind, nach der Genesung von Covid-19 mit neurologischen oder psychiatrischen Problemen konfrontiert zu werden. Ob die neurologischen und psychiatrischen Folgen noch länger als sechs Monate anhalten, muss noch untersucht werden.

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