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Die Offizin – Ihre Visitenkarte

13.12.2004
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.Apothekeneinrichtung

Die Offizin – Ihre Visitenkarte

von Christiane Staiger, Neu-Isenburg

Zu einer Apotheke gehören viele Räume: Offizin, Laboratorium, Lagerräume, Nachtdienstzimmer, Rezeptur, um nur einige zu nennen. Jedoch steht nur die Offizin dem Publikum offen. Sie stellt neben der Fassade und den Schaufenstern die Visitenkarte der Apotheke dar. Die Offizin wurde deshalb in allen Jahrhunderten besonders aufmerksam ausgestattet.

Im Mittelalter zeichneten sich die Apotheken durch eine gewisse Publikumsnähe aus. Es waren häufig kleine Buden, die keinen eigenen umbauten Raum für den Kundenverkehr besaßen. Der Apotheker bediente direkt auf die Straße hinaus. Größe und Ausstattung der Apotheken entwickelten sich jedoch stetig, wobei große Unterschiede je nach Region, städtischem oder ländlichem Standort zu konstatieren sind. Die in diesem Beitrag ausgewählten Beispiele repräsentieren daher nicht immer die Durchschnittsapotheke ihrer Zeit.

Von der Bude zur Apotheke

Seit dem 13. Jahrhundert gehörte eine wohl eingerichtete Apotheke, geführt durch einen gebildeten und erfahrenen Apotheker, zu den Prestigeobjekten der Städte (11). Die kunstvolle Ausgestaltung der Räume, insbesondere der Offizin, widerspiegelte den Anspruch an die Qualität der „ars pharmaceutica“. Hochwertige dekorative Gefäße aus Holz, Fayence und Glas wurden entsprechend kunstvoll bemalt und beschriftet. Auch die Möbel, zum Beispiel Schränke und Regale, zeugten in Holzauswahl und Verarbeitung von hoher Handwerkskunst. Ebenso war der Rezepturtisch prächtig gestaltet. Häufig erhielt er einen Aufsatz aus Säulen mit schmiedeeisernem Gitter, an denen verschiedene Gerätschaften und Zubehör aufgehängt wurden (11).

Zur vollen Blüte gelangten die Inneneinrichtungen unter barockem Einfluss im 17. Jahrhundert (14). Neben dem handwerklich gediegenen, manchmal vergoldeten und aufwendig verzierten Mobiliar legten reiche Apotheker auch Wert auf Handwerkszeug in luxuriöser Ausstattung (7). Präzise Hand- und Rezepturwaagen, bronzene Gewichtssätze und schwere Prunkmörser sind heute in jedem Apothekenmuseum eine gerne gesehene Zier.

Kunst und Wunderkammer

Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert erlangte die Apotheke auch als Kunst- und Wunderkammer Bedeutung (15). Für den Apotheker gehörten Materialien verschiedener Herkunft und medizinisch-pharmazeutischer Verwendung zum Berufsalltag. Die Beschaffung und Lagerung exotischer, seltener und interessanter Rohstoffe war nicht nur zur Herstellung der Arzneimittel wichtig, sondern diente vor allem auch dazu, die von persönlichen Interessen geprägte Naturalienkammer des Apothekers zu ergänzen. Den teuren Raritäten sagte man eine besondere Heilwirkung nach und sie wurden in entsprechend repräsentativen Gefäßen gelagert. Bekanntestes Objekt dieser Zeit ist das von der Decke hängende Krokodil oder ein mit anderen Bestandteilen wie Muscheln, Knochen oder Hörnern bestücktes Ziergehänge.

Eine umfassende Naturaliensammlung war für den Apotheker auch aus Prestigegründen wichtig, wollte er zu einer Zeit, als Kunst und Wissenschaft nur wenigen Auserwählten zugänglich war, zu den Eingeweihten zählen und seine soziale Stellung demonstrieren. Darüber hinaus drückte er so sein wissenschaftliches Interesse aus (15).

Bedienung durchs Fenster

Der Patient hatte jedoch in der Regel keinen Zugang zur Offizin. Er wurde durch ein Fenster zur Straße oder zum Hausflur bedient. Bis in die Gegenwart hat sich diese Form des Publikumsverkehrs im Apothekenalltag erhalten: Im Not- und Nachtdienst wird traditionell durch eine Klappe bedient.

Historisch entwickelte sich die öffentliche Apotheke im besten Wortsinn nicht einheitlich. Während in einigen Gegenden der Patient stets Zutritt zur Offizin hatte, blieb ihm dieser in anderen Teilen Deutschlands bis in die Biedermeierzeit versperrt. Das Beispiel einer dänischen Apotheke zeigt eine Zwischenlösung. Dem Patienten wird zwar Zutritt zur Offizin gewährt, allerdings darf er nicht den gesamten Raum bis zum Rezepturtisch betreten. Hierfür sorgt ein hölzernes Geländer, das als Raumteiler fungiert und den Warteraum vom Arbeitsraum des Apothekers trennt (10).

In der Regel fungierte jedoch der Rezeptur- oder Handverkaufstisch als Grenze. Wichtig aus heutiger Sicht erscheint, dass der Patient die Herstellung seiner Arznei verfolgen und dem Apotheker bei der Bereitung zusehen konnte. Zudem nutzten einige Kunden das Warten zum Gespräch mit dem Apotheker. Die sichtbare, individuelle Herstellung erhöhte den Stellenwert des Arzneimittels für den Kunden und hob das Ansehen des Apothekers.

Neue Raumteilung prägt das Bild

Die industrielle Arzneimittelherstellung revolutionierte nicht nur das Berufsbild des Apothekers, sondern hatte auch erheblichen Einfluss auf die Inneneinrichtung der Offizinen. In dem Maß, in dem die Arzneifertigwaren Einzug in die öffentliche Apotheke hielten, ging die Eigenherstellung dort zurück.

In den USA wanderte das „Prescription Department“ zumeist in den hinteren Teil der Apotheke (9). Ende der 1880er-Jahre führte eine Bostoner Apotheke zwei noch weitergehende Neuerungen ein: Die Anfertigung der Rezepte wurde in den ersten Stock der Apotheke verlegt und zudem eine zentrale Kasse eingerichtet, an der die Kunden alle in dem großen Geschäft erstandenen Artikel bezahlten. In den Vereinigten Staaten konnten sich jedoch nur Großstädte großer, von qualifizierten Pharmazeuten geführter Apotheken rühmen. Die durchschnittliche amerikanische Pharmacy war entweder eine Abteilung des örtlichen „General store“ oder Anhängsel einer Arztpraxis und hatte kein eigenes typisches Ladenlokal.

Auch in Deutschland änderte sich das Bild der Apotheke mit der Einführung industrieller Fertigwaren (etwa 1890 bis 1900). Um diese verkaufsfördernd präsentieren zu können, wurden Vitrinen und Schränke mit Glastüren angeschafft. Zwar enthielten einige Apothekenregale noch die bekannten Standgefäße, doch diese wurden immer weiter zurückgedrängt. Der Rezepturtisch erhielt vielfach ebenfalls eine Glasplatte und Schubfächer, in denen Produkte ausgestellt werden konnten, und mutierte so zum Handverkaufstisch.

Die Arzneimittelherstellung wurde zunächst in eine Ecke der Offizin, zumeist hinter eine große Vitrine, verlagert. So konnte der Patient die Herstellung selbst nicht mehr verfolgen. Später verlegte man die Rezeptur und Defektur vielerorts ganz in die hinteren Apothekenräume und entzog sie damit vollständig dem Blick des Kunden. Das Publikum sah den Apotheker nicht mehr als Arzneimittelhersteller, sondern zunehmend als "Schubladenzieher".

Betrat ein Patient die Apotheke, nahm er eine weitere deutlich sichtbare Veränderung wahr. Auf dem zentralen Platz der Apotheke, der Mitte des Rezepturtisches, stand nicht mehr die Apothekenwaage oder ein kunstvoller Tischaufsatz, sondern jetzt eine Registrierkasse. Es erscheint deshalb nicht verwunderlich, dass dem Apotheker mehr als anderen Gesundheitsberufen ein Wandel hin zur Monetik nachgesagt wird.

Die Fotografie der Simons Apotheke in Berlin von 1900 zeigt mehrere dieser Neuerungen (18). Jedoch gab es für die Patienten weiterhin mehrere Sitzgelegenheiten, um das Warten und den Aufenthalt in der Offizin angenehmer zu machen. Bemerkenswert ist zudem das umfangreiche Getränkeangebot für die Kundschaft auf zwei separaten Tischen. Auch wenn diese besonders große Apotheke als herausragendes Beispiel ihrer Zeit angesehen werden kann, so zeigt sie doch einige typische Veränderungen, die auch in kleineren Apotheken anzutreffen waren, so einen großen Schrank mit Glastüre zur Warenpräsentation, hinter den die Rezeptur verlegt wurde.

An diesem Beispiel wird die veränderte Raumaufteilung besonders gut nachvollziehbar. War der Platz der Offizin in früheren Jahrhunderten vor allem dem Apotheker als Arbeitsraum vorbehalten, so wurde die Grundfläche nun so aufgeteilt, dass sie überwiegend der Kundschaft zugänglich war. Dem Apotheker blieb nur der kleine Durchgang zwischen dem Handverkaufstisch und den Regalen.

Von der Soda Fountain zur Beratung

Es erschien nahe liegend, den gewonnenen großen Raum für den Patienten zusätzlich zu nutzen. Die Einführung der ersten halbhohen Zusatzregale als „island displays“ erfolgte Ende des 19. Jahrhunderts in den USA (24). Konsequent entwickelte Charles Walgreen dieses Konzept weiter und führte 1942 die vollständige Selbstbedienung in den amerikanischen Apotheken ein (9).

Eine andere typische Einrichtung der US-Apotheken war der Mineralwasserausschank, der das Ladenlokal in einen sozialen Treffpunkt verwandelte. Man saß nun nicht mehr nur in der Apotheke, um zu warten, sondern um sich auf ein Getränk mit Freunden zu treffen. Der erste „Soda Fountain“ eröffnete um 1825; von 1860 bis 1940 gehörte er untrennbar zum amerikanischen Drugstore. Bis heute sind zwei aus Apotheken dieser Tradition stammende Getränke weltweit besonders beliebt: Im 20. Jahrhundert wurde in Atlanta, Georgia, erstmals der Sirup Coca-Cola und in New Bern, North Carolina, erstmals Pepsi Cola ausgeschenkt (3).

Dank der im 19. Jahrhundert einsetzenden Entwicklung bekam der moderne amerikanische Drugstore immer mehr das Ambiente eines Supermarkts. Dieser Entwicklung stellt sich 1960 in Berryville, Virginia, ein Apotheker mit einem neuen Konzept entgegen. Eugene White baute seine Apotheke vollständig um, entfernte die komplette Frei- und Sichtwahl sowie den Mineralwasserausschank und verwandelte das Ladenlokal in eine beratungsintensive Apotheke mit Praxischarakter. Er führte Karteikarten zur Dokumentation der Medikation seiner Patienten ein und beriet sie auf Wunsch individuell in einem separaten Beratungsraum. White gehörte damit zu den Pionieren der „office-based pharmacy“ und der pharmazeutischen Betreuung (13).

Deutlich anders bot sich die britische Apotheke dar, hier wurde das Randsortiment immer umfangreicher. Die Tradition einer großen, nicht pharmazeutischen Produktpalette sowie die Konkurrenz durch Jesse Boots' Ladenkette ab ungefähr 1880 schuf eine Wettbewerbssituation, in der die kostengünstige Warenschau wichtiger wurde als die Repräsentation (3). Dies hatte nicht nur Auswirkungen auf die Schaufenster, die mit Auslagen förmlich vollgestopft wurden, sondern ebenso auf das Interieur der Apotheken. Die Vitrinen mussten neben Arzneimitteln auch Lebensmitteln, photographischen Artikeln, Eisenwaren und dergleichen Platz bieten (17). Auch der HV-Tisch war häufig mit Displays und Aufstellern so überladen, dass der Apotheker seinen Arm recken musste, um dem Kunden die Ware zu geben (22). Etablissements mit Edelmobiliar und Bogenfenstern, großen Species-Gefäßen und Schaugläsern mit farbigen Flüssigkeiten (show globes) gehörten zu den Ausnahmen und waren nur in London und einigen anderen Großstädten zu finden (3).

Klares Konzept ohne Produkte

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten viele Apotheken neu aufgebaut werden. Dabei bot sich die Chance zur völligen Neukonzeption und -gestaltung (20). Ein schlichtes Erscheinungsbild, das die pharmazeutische Dienstleistung betonte und dies in der Apothekeneinrichtung widerspiegelte, wurde bei der Ausstattung der Sicherer'schen Apotheke in Heilbronn 1950 umgesetzt (12). Diese Apotheke gehört zu den ganz wenigen in Deutschland, für die die Standgefäße speziell von einem Designer passend zur übrigen Inneneinrichtung geformt wurden. Der Deckendurchbruch in das darüber liegende Stockwerk schaffte zudem einen großzügigen, lichtdurchfluteten Raum. Weiterhin verfügte die Apotheke über eine Sitzecke für wartende Kunden, die mit spezieller Literatur und Zeitschriften zur Gesundheitsaufklärung ausgestattet war.

Tatsächlich kommt den Kundenzeitschriften unter den Printmedien zur Kundenbindung eine besondere Bedeutung zu (2). Heute nehmen die Kunden Zeitschriften wie die Neue Apotheken Illustrierte überwiegend mit, um sie zu Hause zu lesen. Hingegen war die erste Kundenzeitschrift im Apothekenbereich in Deutschland eine Wartezeitung, die der Kunde aus der Hand legen musste, sobald er sein Arzneimittel erhielt und die Apotheke verließ. 1909 vom Verein zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen deutscher Apotheker herausgegeben, erschien sie vierteljährlich. Jede Apotheke erhielt 50 Exemplare, damit sie ihren Kunden stets eine saubere Zeitung anbieten konnte (2).

Ein weiterer Anziehungspunkt für potenzielle Kunden war stets das Apothekenschaufenster (5, 23). Im Wesentlichen lassen sich zwei Typen von Schaufensterdekorationen unterscheiden. Entweder stehen spezielle Produkte im Vordergrund, deren Vorteile und Vorzüge mit Aufstellern und anderen Dekorationselementen hervorgehoben werden sollen, oder eine produktneutrale Gestaltung soll gesundheitserzieherische Botschaften transportieren (19). Auch für die Eigen- und Imagewerbung nutzte der Berufsstand zeitweise dieses Medium.

Je nach Berufsauffassung des Kollegen sowie Zeitepoche und Geschick des Dekorateurs existieren zahllose Fotografien gelungener Apothekenschaufenster. Allerdings sind auch zahlreiche Gegenbeispiele zu konstatieren. Beim Rundgang durch die Städte unserer Tage vermitteln viele Apothekenschaufenster den Eindruck einer vertanen Chance für das eigene Geschäft und das Ansehen der Institution Apotheke.

Baukonzepte in der DDR

Die Apotheken der DDR legten Wert auf ein neutrales, schlichtes Erscheinungsbild, in dessen Mittelpunkt die pharmazeutische Versorgungsleistung, nicht das Produkt stand. „Der Handverkaufstisch ist lang genug, um ein Schlangestehen zu verhindern. [...] Der Raum vor dem Verkaufstisch ist reich bemessen und mit zwei Sitzbänken sowie einem kleinen Tisch ausgestattet. An einem Pfeiler der Offizin wurden mehrere Konsolen errichtet, wo alte Apothekenstandgefäße stehen, die die Tradition einer alten Apotheke vermitteln“ (16). Außerdem wollte man die Arbeitsabläufe in den Apotheken vereinheitlichen und rationalisieren sowie alle materiellen Ressourcen optimiert einsetzen. So wurden standardisierte Einrichtungselemente entwickelt, die unter anderem toten Lagerraum minimieren sollten (8).

Um 1980 wurden im Zuge der Umsetzung eines Parteitagsbeschlusses zum Wohnungsbauprogramm vielfältige Rekonstruktionen und Neuerrichtungen von Apotheken in Angriff genommen. Über die Erfahrungen wurde in der Fachpresse berichtet. Neu eingerichtete Apotheken erhielten zunehmend ein einheitliches Interieur, häufig sogar ganz ohne pharmazeutische Dekoration.

Angeregt von den positiven Erfahrungen des Wismarer Apothekers Joachim Framm mit der intensiven, individuellen Patientenberatung und pharmazeutischen Betreuung, die idealerweise in einem von der Offizin getrennten Beratungsraum erfolgte (13), richteten mehrere Apotheken beim Umbau in den 1980er-Jahren einen solchen separaten Beratungsraum ein (4). Das Apothekenschaufenster blieb manchmal leer, wurde nur mit einem Vorhang versehen oder ganz im Dienst der Gesundheitserziehung dekoriert. Eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe erarbeitete über 25 Jahre lang jährlich zentrale Vorschläge zur Schaufenstergestaltung mit vielfältigen Themen rund um die Gesundheit (1).

Neben der Wahrnehmung des Versorgungsauftrags für die Bevölkerung hatte man auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für das Personal im Blick. So wurden nicht nur im Bereich Rezeptkontrolle und Taxation, sondern auch für die Rezepturanfertigung Sitzarbeitsplätze eingerichtet und erprobt. Ende der 1960er-Jahre erfolgte der Handverkauf in der Goethe-Apotheke in Brandenburg im Sitzen statt im Stehen (6). Die Position gibt ein wichtiges Signal: Wenn der beratende Apotheker sitzt, ist es auch für den Patienten angenehmer, sich zum Empfang seiner Medikamente zu setzen und das Beratungsgespräch entwickelt sich leichter.

Aktuelle Beispiele und gute Erfahrungen existieren in skandinavischen und baltischen Apotheken, wo die Arzneimittelabgabe auf Rezept an Schaltern stattfindet. Hier sitzen sich Heilberufler und Patient an einem kleinen Tisch mit Sichtschutz gegen neugierige Blicke gegenüber.

Steter Wandel

Die Offizin wechselte im Lauf der Geschichte mehrfach ihr Gesicht. Während sie in früheren Jahrhunderten für den Patienten vielfach gar nicht zugänglich war und überwiegend der Arzneimittelherstellung und -lagerung diente, wandelte sie sich spätestens mit dem Aufkommen industriell hergestellter Fertigarzneimittel um die Wende zum 20. Jahrhundert mehr und mehr zum Verkaufsraum. Die handwerkliche Arzneimittelfertigung wurde aus dem Blickfeld des Kunden verdrängt. Der Warenpräsentation und Verkaufsförderung kam eine immer größere Bedeutung zu - eine Entwicklung, die bis in die Gegenwart anhält. Anstelle der individuellen Arzneimittelherstellung bildet heute die Beratung des Patienten einen Schwerpunkt der apothekerlichen Tätigkeit.

Andere Dienstleistungsgewerbe, bei denen die persönliche Beratung eine besondere Rolle spielt, zum Beispiel Banken oder Postämter, gestalteten seit den späten 1980er-Jahren konsequent ihre Publikumsräume um. Die reinen Schalterbetriebe wurden aufgelockert und durch Sitzplätze ergänzt. Vertrauliche Beratung, wie auch beim Arzt oder Anwalt, erfuhr das Publikum indessen blickgeschützt oder in separaten Räumen mit privaterer Atmosphäre.

Obwohl auch in den Apotheken stets eine eingehende Beratung des Patienten erfolgte und die Wahrung der Vertraulichkeit in der Apothekenbetriebsordnung rechtlich verankert ist, hat dies in Deutschland nicht zu einem grundlegenden Umbruch in der Innenarchitektur der Offizinen geführt. Vielmehr dominiert die Warenpräsentation in Sicht- und Freiwahl und damit der Verkaufsaspekt in vielen Apotheken so sehr, dass das Beratungsangebot vom Publikum visuell nur gering bemerkt wird, zumal auch die Beratungsecke oft in Nebenräumen „versteckt“ ist. So kann der Kunde die Kernleistung der Apotheke nicht genügend wahrnehmen. Ein durchdachtes Marketingkonzept sowie zahlreichere Kurz- und Sitzberatungsplätze in den Offizinen und ihre konsequente Nutzung durch das Apothekenpersonal könnten hier Abhilfe schaffen.

 

Mit den Augen des Kunden Tipp: Betreten Sie Ihre Apotheke regelmäßig, zum Beispiel alle zwei Wochen, "mit den Augen des Patienten". Nicht zum Auf- oder Zuschließen oder durch die Hintertür, sondern bei voller Beleuchtung zur besten Geschäftszeit durch den Haupteingang. Achten Sie auf möglichst viele Details wie Licht, Schirmständer, Sitz- und Warteplätze, Stolperfallen, Warenpräsentation in Sicht- und Freiwahl, Beschriftung, Plakate, Schaufensterdekoration, Aufsteller, Displays und Dienstleistungspräsentation. Was nimmt der Kunde wahr? Was ergibt der Selbst-Check?

 

Quellen und Literatur

  1. Becker, C., Meinel, S., Sichtgestaltung in Apotheken als Beitrag zur Gesundheitserziehung. Pharm. Prax. 44 (1989) 4 - 11.
  2. Berold, R., Zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Die Stellung des Apothekers als Naturwissenschaftler und Kaufmann im Spiegel der Werbung unter besonderer Berücksichtigung der pharmazeutischen Fachpresse. Nat.wiss. Diss., Universität Heidelberg 1997.
  3. Cowen, D. L, Helfand, W. H., Die Geschichte der Pharmazie in Kunst und Kultur. Köln 1990.
  4. Erinski, G., Kupke, G., Patientenberatung in der Paracelsus-Apotheke Neubrandenburg, ein Erfahrungsbericht. Pharm. Prax. 39 (1984) 190 - 192.
  5. Funke, K., Das Schaufenster der Apotheke. Berlin 1928.
  6. Gampe, E., Sitzhandverkauf in Apotheken. Pharm. Prax. 25 (1970) 111 - 113.
  7. Gaude, W., Die alte Apotheke. Eine tausendjährige Kulturgeschichte. Leipzig 1979.
  8. Georgi, M., Standardisierung von Apothekenmöbeln. Pharm. Prax. 23 (1968) 13 - 15.
  9. Griffenhagen, G. et al. (Hrsg.), 150 Years of Caring. A Pictorial History of the American Pharmaceutical Association. Washington DC 2002.
  10. Grünhagen, K., Über den Bau und die Einrichtung von Apotheken in alter und neuer Zeit. Würzburg 1939.
  11. Habrich, C., Vorwort. In: Kunst- und Wunderkammer Apotheke. Katalog zur Ausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum 1. Juni bis 28. Oktober 2001. Innsbruck 2001, S. 7 - 11.
  12. Hein, W.-H., Die Deutsche Apotheke. Bilder aus ihrer Geschichte, Stuttgart 1967.
  13. Helmstädter, A., Klinische Pharmazie und Pharmaceutical Care - die Entwicklung patientenorientierter pharmazeutischer Dienstleistungen im 20. Jahrhundert. In: Friedrich, C., Müller-Jahncke, W.-D., (Hrsg.), Apotheke und Publikum. Die Vorträge der Pharmaziehistorischen Biennale in Karlsruhe vom 26. bis 28. April 2002. Veröff. z. Pharmaziegesch., Bd. 3, 2003, S. 135 - 155.
  14. Kallinich, G., Schöne alte Apotheken. Heilkunst, Aberglaube, Pharmazeutische Technik. Lizenzausgabe Hamburg 1999.
  15. Kaufmann-Winkler, M., Kunst- und Wunderkammer Apotheke. In: Kunst- und Wunderkammer Apotheke. Katalog zur Ausstellung im Tiroler Volkskunstmuseum 1. Juni bis 28. Oktober 2001. Innsbruck 2001, S. 12 - 20.
  16. Lüdde, K.-H., Neuzeitliche Apothekengestaltung und -einrichtung. Umgestaltung der Offizin der Löwen-Apotheke in Weimar. Pharm. Prax. 19 (1964) 102 - 104.
  17. Moss, H. G. (Hrsg.), Retail Pharmacist's Handbook. 2. Aufl., London 1962.
  18. O. A., Die neue Simon´sche Apotheke in Berlin. Pharm. Ztg. 45 (1900) 896 - 898.
  19. O. A., Die Werbemethoden des Apothekers im Spiegel der Pharmazeutischen Zeitung. Pharm. Ztg. 77 (1932) 490 - 491.
  20. O. A., Sicherer'sche Apotheke in Heilbronn. Festschrift zum 600-jährigen Bestehen. Heilbronn 1959.
  21. Reinhard, F., Apotheken in Berlin. Von den Anfängen bis zur Niederlassungsfreiheit 1957. Eschborn 1998.
  22. RPSGB (Hrsg.), Pharmacy History. A Pictorial Record. London 1991.
  23. Schröder, F. R., Das Apotheken-Schaufenster. Stuttgart 1955.
  24. Sonnedecker, G., Kremers and Urdang's History of Pharmacy. 4th ed. Madison 1976.

 

Die Autorin

Christiane Staiger studierte Pharmazie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Der Approbation 1990 folgten Tätigkeiten in der öffentlichen Apotheke und bei der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Sie ist Mitglied der Royal Pharmaceutical Society of Great Britain. Nach der Promotion in Pharmaziegeschichte an der Philipps-Universität Marburg ist sie heute für die Merck Selbstmedikation GmbH tätig.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Christiane Staiger
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