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Hospizarbeit: Nicht Hilfe zum, sondernBegleitung beim Sterben

15.12.1997
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Govi-Verlag

Hospizarbeit: Nicht Hilfe zum, sondern Begleitung beim Sterben

Nichts wird so sehr aus dem Bewußtsein des Menschen verdrängt wie der Tod. Auch die Medizin sieht den Tod eher als Mißgeschick, Sterben als vermeidbares Ereignis an, so daß Schock, Hilflosigkeit, Unsicherheit, Angst und Sprachlosigkeit den Umgang mit sterbenden Menschen und deren Angehörigen prägen. Weltweit hat sich als Gegenbewegung die Hospizarbeit etabliert, die sterbenden Menschen ein würdevolles Leben bis zuletzt ermöglicht und hilft, Sterben als Teil des Lebens anzunehmen.

Das seit Jahrzehnten zum Beispiel in England, Kanada, den USA und Skandinavien erfolgreich praktizierte Konzept der Sterbebetreuung ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt: Nur 15 Prozent der Befragten einer Emnid-Studie im August 1997 wußten den Begriff Hospiz unter Sterbebegleitung und Einrichtung für Sterbende einzuordnen.

Schmerztherapie und Palliativmedizin


Als das Mutterland der modernen Hospizbewegung gilt Großbritannien, wo die englische Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders 1967 in einem Londoner Vorort das St. Christopher's Hospice gründete. Cicely Saunders war es, die auf die große Bedeutung der Schmerztherapie und Palliativmedizin in der Sterbebegleitung verwies. Die Behandlung von Schmerzen in der letzten Phase des Lebens - so lautete ihr Credo - muß an erster Stelle stehen. Erst dann könne man in Gesprächen sowie durch häusliche Pflege, wo immer diese möglich ist, sterbenden Menschen "Raum geben, sie selbst zu sein und auf ihre eigene Reise zu gehen".

Durch den Film "Noch 16 Tage" des Jesuiten Reinhold Iblacker ist die Hospizidee in Deutschland erstmals 1971 im Fernsehen vorgestellt worden. Gab es im Dezember 1993 in der Bundesrebublik 32 stationäre Hospize und Palliativstationen mit insgesamt über 297 Betten, die die von Cicely Saunders geforderte Schmerztherapie und Palliativmedizin ermöglichten, so waren es im Frühjahr 1997 bereits 71 Einrichtungen mit 624 Betten und 12 Tagesplätzen. Zum Vergleich: Das englisch-nordirische "Hospice Directory" führte im Januar dieses Jahres 223 Einrichtungen mit insgesamt 3.252 Betten auf. Diese Zahlen und umfangreiche Wartelisten stehen für die von Experten "unzureichend" genannte Versorgungssituation in der Bundesrepublik. Das große Defizit kann auch durch die große Zahl ambulanter Einrichtungen nicht aufgehoben werden, obwohl immerhin 329 ambulante Hospiz-Dienste zur Zeit circa 13.700 Patienten pro Jahr betreuen.

Christophorus Hospiz Verein in München


Der Christophorus Hospiz Verein in München wurde 1985 gegründet und kann sich heute auf die ehrenamtliche Tätigkeit von circa 120 Hospizhelferinnen und -helfer stützen. Drei hauptamtliche Angestellte sind mit Hilfe der Ehrenamtlichen für die Verwaltung, Mitgliederbetreuung, Büro- und EDV-Organisation sowie für das Spendenwesen zuständig. Der Verein verfügt über eine stationäre Einheit mit zehn Betten, doch begleiten die ehrenamtlichen Hospizhelferinnen und -helfer, vier ambulante Hospizschwestern sowie zwei Sozialpädagogen schwerkranke Menschen vorrangig zu Hause, in Krankenhäusern oder auf Pflegestationen.

Zu den Aufgaben der ambulanten Hospizschwester zählt - in Absprache mit dem behandelnden Arzt - die Beratung bei Fragen zur Schmerztherapie sowie zur umfassenden medizinisch-pflegerischen Versorgung, zur Symptomkontrolle, zur Organisation häuslicher Pflege sowie zur psychosozialen Begleitung. Die Hospizhelferinnen wachen bei Kranken, entlasten die Angehörigen, lesen vor, hören zu, kaufen ein, stellen Kontakte her, bringen ihre Phantasie und Erfahrung ein, um praktische Hilfe zu geben. Darauf werden sie nach dem Besuch eines Grundkurses in einem mehrmonatigen Seminar vorbereitet. Voraussetzung für die ehrenamtliche Tätigkeit ist es, sich auf die Auseinandersetzung mit Tod und Sterben einlassen zu können. Das Engagement darf nicht der Kompensation eigener aktueller Verlusterfahrungen dienen.

Ganzheitlicher Ansatz


Dank der modernen Medizin konnte die allgemeine Lebenserwartung in den letzten Jahren enorm gesteigert werden. Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - fürchten sich die Menschen mehr denn je vor dem Tod, werden offene Gespräche über das Altern und Sterben in unserer Gesellschaft gemieden. Ärzte werden heute für den Umgang mit Sterbenden kaum ausgebildet. Oftmals fühlen sie sich hilflos und empfinden den Tod eines Patienten mehr oder weniger bewußt als persönliches Versagen. "Noch immer wird in unserer den Tod negierenden Medizin die Lebensqualität routinemäßig der Hoffnung auf mehr Lebensquantität geopfert", so hat es Professor George J. Annas von der Boston University School of Medicine and Public Health 1996 formuliert. Die fehlende Integration des Todes in unser Leben wird seiner Meinung nach bereits in unserem Denken und unserer Sprache deutlich. „In der gesamten Medizin, besonders aber im Umgang mit den Killerkrankheiten Aids und Krebs, haben millitärische Metaphern große Bedeutung gewonnen. Die Medizin ist ein Kampf gegen den Tod geworden: Sie hat Aids und Krebs den Krieg erklärt. Der Mensch bleibt dabei auf der Strecke."

Durch verstärkte Technisierung der Therapie, so Annas, wird heute versucht, dem Tod selbst am Lebensende noch ein paar Tage abzuringen. Ob dem Schwerkranken auf diese Weise geholfen wird, müsse bezweifelt werden. Annas spricht von einer Neigung zur Übertherapierung, bei der der Körper des Patienten zum Schlachtfeld wird, auf dem kurzfristige und einseitige taktische Ziele angestrebt werden. Um die Lebensqualität und die Qualität der Betreuung zu einem zentralen Punkt in der Medizin zu machen., müsse eine grundlegende Änderung im Denken der Menschen eingeleitet werden. Diesen könne es helfen, sich an der Sprache der Ökologen zu orientieren, in der die Lebensqualität des einzelnen betont, gleichzeitig aber auch ein ganzheitliches Bild des Planeten und seiner Bewohner gezeichnet wird. Die von Ökologen benutzen Begriffe wie Integrität, Balance, Erneuerung und Verantwortung könnten dazu beitragen, therapeutische Grenzen in der Medizin zu akzeptieren und die Lebensqualität höher zu bewerten als die Dauer des Lebens.

Hospizführer und Hospiztelefon


Dieser ganzheitliche Ansatz ist es, der in der Hospizarbeit gepflegt wird. Es wird als Verdienst der Hospizbewegung angesehen, daß sie dort, wo sie bereits Einfluß gewonnen hat, die Isolation sterbender Menschen durchbrechen konnte. Auf der Suche nach einem geeigneten Schmerztherapeuten beziehungsweise nach einem Hospizdienst in der eigenen Region können Ärzte, Betroffene und Angehörige unter der Nummer 0231/ 7380-730 (Hospiztelefon der Deutsche Hospizstiftung) Hilfe finden. Eine Übersicht über ambulante und stationäre Einrichtungen zur Palliativtherapie gibt auch der Hospizführer 1997, der von der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz und der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes herausgegeben wird und kostenlos über die Mundipharma GmbH, Mundipharma Straße 6, 65549 Limburg (Telefon: 0130/ 855-111) angefordert werden kann.

Der Hospizführer beleuchtet den Stand der palliativmedizinischen Versorgung in Deutschland. Die Zahl der spezialisierten Einrichtungen hat in den letzten Jahren zwar zugenommen, der Bedarf ist jedoch bei weitem nicht gedeckt, weder im ambulanten noch im stationären Bereich. 1997 gab es 7,6 Betten in Palliativstationen und Hospizen pro 1 Million Einwohner. Man geht von einem Bedarf von 50 Betten pro 1 Million Einwohner aus. Zwar werden Palliativstationen über Krankenhaustagessätze abgerechnet, Hospize zu einem geringen Teil über die Pflegeversicherung und durch Eigenbeteiligung der Patienten finanziert. Doch bleibt es nach wie vor grundsätzlich der Findigkeit der Hospize überlassen, ob sie finanzelle Unterstützung für die Betreuung Sterbender finden oder nicht.

PZ-Titelbeitrag von Christiane Berg, Hamburg
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