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Statine lösen den Kalk in Gefäßen

11.12.2000  00:00 Uhr

Statine lösen den Kalk in Gefäßen

von Katja Pannewig, Grünwald

Die Neurologie ist der Kardiologie zehn Jahre hinterher. Dennoch zeichnen sich zunehmend Gemeinsamkeiten in Diagnose und Therapie beim Schlaganfall und Herzinfarkt ab. So der Tenor der beiden Professoren und Brüder Dr. Ralph und Dr. Roman Haberl von der Uniklinik Großhadern und dem Krankenhaus Harlaching. Der Kardiologe und der Neurologe berichteten kürzlich bei einem Pressegespräch über den neuesten Stand der Dinge.

Am plötzlichen Herztod stirbt jeder Zehnte. Dabei gibt es eine kurze, "angenehme" und eine "unangenehme", lange Variante, bei der man langsam an einem Lungenödem auf Grund einer Herzinsuffizienz stirbt. Bei dem schnellen Herztod tritt der Tod nach Bewusstlosigkeit meist durch ein Herzflimmern nach etwa drei Minuten ein. Zugrunde liegen Durchblutungsstörungen des Herzens. Zu 30 Prozent führt eine Koronarstenose zum Herzinfarkt. Bei 70 Prozent der Betroffenen sind vulnerable Plaques die Auslöser. Hier führt ein "Cholesterolkristall" dazu, dass das empfindliche Gefäßendothel einreißt und ruft einen Thrombus hervor. Dieses spontane Ereignis war bislang nicht vorhersehbar.

Frühtest ohne Katheter

Inzwischen gibt es eine Art Frühtest mit dem Herz-CT (Computertomograph). Bei diesem sogenannten "Kalk-Screening" können die Herzkranzgefäße mit möglichen Ablagerungen ohne Katheter innerhalb weniger Minuten sichtbar gemacht werden. Liegt ein solcher Befund vor – auch ohne Herz-Symptomatik – besteht mit fast 99-prozentiger Sicherheit eine Atherosklerose. Studien belegen dies bei Männern und Frauen. Die Ablagerungen enthalten hauptsächlich Kalk oder Calciumcarbonat.

25- bis 30-fach ist das Risiko erhöht, mit Kalk in den Gefäßen, einen Herzinfarkt zu erleiden. Dagegen erhöht ein Cholesterolwert über 240 mg/dl das Risiko lediglich um das 2,4-fache, eine Schachtel Zigaretten pro Tag um das 3,6-fache.

Mechanismus noch unklar

Statine und Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS wirken stabilisierend auf die gefährdeten Plaques. Außerdem scheinen die Lipidsenker den Kalk abbauen zu können. Der genaue Mechanismus ist allerdings unklar. Bekannt ist dagegen, dass die Cholesterolsenker die Fettanteile im arteriosklerotischen Belag beseitigen können (siehe auch PZ 47, Seite 39).

Laut Empfehlung des Kardiologen sollte jeder ab 40 Jahren routinemäßig ein Herz-CT machen lassen. Wichtig ist, dass die CT-Auswertung von einem Kardiologen in Zusammenarbeit mit einem versierten Radiologen erfolgt. Eine Gefahr dieser erfolgversprechenden Methode sieht Haberl darin, dass radiologische Praxen diese Leistung auch allein anbieten.

Parallele Schlaganfall

Die Hochdruck-bedingte Hirnblutung, Makroangiopathie (embolischer Infarkt) und die Mikroangiopathie (Demenz) stellen die Hauptursachen aller Schlaganfälle dar. In drei großen Koronarstudien haben Mediziner neben den kardiologischen Ereignissen auch den Einfluss von Statinen auf Schlaganfälle untersucht. In der 4S-Studie zeigte sich unter der Behandlung von Simvastatin (Zocor®) nach drei bis vier Jahren ein positiver Effekt. Danach neigt der Neurologe Roman Haberl durchaus dazu, die günstigen Effekte der Statine bei Schlaganfall-Patienten und Risikogruppen zu nutzen: Alle Statine verbessern die Endothelfunktion. Sie reduzieren Cholesterol-unabhängig die Gefahr der Plaque-Erruption. Die Produktion des dilatierend wirkenden Stickstoffmonoxid aus dem Endothel wird durch sie angeregt und somit kommt es zu einem verbesserten zerebralen Blutfluss.

Endgültige Ergebnisse über eine mögliche Schutzwirkung der Statine, die eine Zulassung für die Indikation Schlaganfall rechtfertigen, liegen voraussichtlich in zwei bis drei Jahren vor. Top

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