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Der Gesundheitsmarkt ist Motor des sechsten Kondratief

07.12.1998  00:00 Uhr

-Wirtschaft & HandelGovi-Verlag

Der Gesundheitsmarkt ist Motor des sechsten Kondratief

Das Thema paßt wie die Faust aufs Auge zur derzeitigen politischen Wetterlage. In einem Vortrag bezeichnete Leo A. Nefiodow während der Jahrestagung des Treuhand-Verbandes Deutscher Apotheker am 22. November in Hannover Gesundheit als die Lokomotive für Wachstum und Beschäftigung.

Denn in Zeiten einer weltweiten Rezession, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Kosten im Gesundheitswesen sollte der neuen langen Wirtschaftswelle, dem sechsten Kondratieff, der Weg geebnet werden - zum Wohle der Menschheit und unseres Planeten.

Gesundheit und Umwelt stehen im Mittelpunkt der neuen großen Welle, die den fünften, 40 bis 60 Jahre währenden Kondratieffzyklus ablösen wird. Eine gehörige Portion Verantwortung ist von der Politik, der Gesellschaft, der Marktwirtschaft und von jedem einzelnen gefordert.

Die neue große Welle hat bereits eingesetzt

Vom Vorstandsvorsitzenden des Treuhandverbandes, Dr. Walter Leetsch, konkret nach dem Beginn der neuen Welle gefragt, antwortet Nefiodow: "Die große fünfte Welle, die der Informationstechnik, wird noch etwa fünf Jahre andauern. Parallel dazu setzt die sechste Welle ein, sie befindet sich bereits in der Embrionalphase. Für die nächsten drei bis vier Jahre ist allerdings noch kein kräftiger Aufschwung zu erwarten.

Es gilt, behutsam die Geldmittel für Krankheit auf den wachsenden Gesundheitsmarkt umzuleiten. In der Wirtschaft und bei den Dienstleistungen muß hierzu alles stärker zusammenwachsen. Im Blick hat Nefiodow etwa Gesundheitszentren mit Apotheke, Reformhaus, Orthopädiewerkstatt und Ärzten, die den Menschen konkret helfen können.

Eine Vision, die in den Köpfen der Apotheker bereits Platz greift, wie die Beschreibung des ABDA-Präsidenten Hans-Günter Friese des Mehrwerts pharmazeutischer Betreuung auf dem letzten Deutschen Apothekertag erkennen läßt, merkte Leetsch an. Sein Plädoyer: Ein solches Programm, das die Apotheker konkret einbindet, muß umgesetzt werden.

Doch heute, so Nefiodow in seinem Vortrag, stecken wir noch mitten in der Rezession. Es fehlen Perspektiven. Noch herrscht der seit 1960 bis 2000 anhaltende vierte Kondratieffzyklus, in dem die Automobile und Petrochemie im Mittelpunkt stehen. Das Technikgesetz bestimmt das Tempo und die Richtung der Innovationen. Jeder dritte Dollar geht in die Forschung der Automobilhersteller. Gleichzeitig gibt es einen Informationsüberfluß, der über die Medien verbreitet zu einer Randalisierung der Sitten führt und die Kriminalität fördert.

Die neue Infrastruktur richtig gestalten

Mit jeder Langwelle entsteht eine völlig neue Infrastruktur. Diese Herausforderung sollte bereits heute aufgegriffen und aus den großen Schwächen der derzeit gegebenen hierarchischen Arbeitsteilung Lehren gezogen werden. Nefiodow erwähnte hier als absurdes Beispiel den überbürokratischen US-Militärhaushalt mit der Folge, daß die Beschaffung einer Kaffeekanne 400 Dollar kostet.

Die Industrie ist bemüht, auf solche Mißstände zu reagieren. Bereits jetzt haben große Automobilhersteller zwei Führungsebenen in ihrer Mitarbeiter-Hierarchie gestrichen und Tausende von Führungskräften freigesetzt. Die Situation ist dabei außer Kontrolle geraten, da die Personalabteilungen darauf überhaupt nicht vorbereitet waren.

Die deutsche Industrie, das kommt erschwerend hinzu, kann nicht mehr neue Arbeitsplätze bereitstellen. Diese entstehen heute im Dienstleistungsbereich, in Hotels, der Gastronomie und in den Informationsberufen. Und innerhalb der letzteren spielt die Bundesrepublik eine traurige Rolle: Nur Siemens rangiert unter den 20 großen Halbleiter-Herstellern und erwägt dennoch den Ausstieg aus diesem Geschäftsbereich.

In der sechsten Welle muß es konsequenterweise anders laufen. Große Bedeutung kommt laut Nefiodow der sozialen Kompetenz in den Betrieben zu. Essentiell wird die Fähigkeit, Brücken zu bauen und Verantwortung zu delegieren. Die deutsche Wirtschaft muß ihre Langsamkeit ablegen, wenn sie weltweit konkurrieren will. Ihr im Wege stehen die sehr hohen Personalkosten bei immer geringerer Arbeitszeit.

Quelle des Wachstums sind die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zu einem Drittel sowie Fortschritt zu zwei Dritteln. 87 Prozent des US-Wachstums sind durch das produzierende Gewerbe zustande gekommen, so Nefiodow. "Heute wurde immer etwas besser gemacht als gestern".

Mit dem Produktionsschub, der im sechsten Kondratieff-Zyklus in etwa drei bis vier Jahren einsetzen wird, muß Fach- und Methodenkompetenz der menschlichen Arbeitskraft einhergehen. Sie muß kooperationsfähig und einsatzbereit sein. Private Gründe dürfen sich nicht belastend auswirken. Gute Ergebnisse werden nur durch eine effektive Zusammenarbeit erreicht.

Mehr und mehr werden darüber hinaus die psycholsozialen Fähigkeiten und ein stimmiges Betriebsklima zu einem wichtigen Produktionsfaktor. Als ein positives Beispiel erwähnte Nefiodow die gruppenorientierte Arbeit in Japan, die wesentlich zu den wirtschaftlichen Erfolgen dieses Landes geführt hat. In den westlichen Industriestaaten hat sich dagegen eine individualistische, für die Marktwirtschaft mit Problemen behaftete Ethik und Kultur herausgebildet.

Jetzt in die Märkte der neuen langen Welle investieren

Welche Märkte bringt konkret der sechste Kondratieff voran? Information, Umweltschutz, Biotechnologie, Solartechnik, optische Technologien und Gesundheit lautet die Antwort Nefiodows. Konsequent, so seine Forderung, muß schon jetzt in sie investiert werden.

Gesundheit: Dieser Megamarkt und Motor des sechsten Kondratieff, sollte nach der Gesundheits-Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine ganz neue Richtung einschlagen und wird insbesondere in den Bereichen der Psychotherapie und Psychologie, der Personal- und Mangementberatung boomen, und zwar unter Kostenbeteiligung der Krankheitsverursacher.

Umwelttechnik: Auf diesem noch recht jungen Markt stehen die Europäer am besten dar, insbesondere in Deutschland, wie Nefiodow herausstellte. Lange hatte man geglaubt, Umweltschutz sei ein Luxus. Doch indessen haben Maßnahmen der Lärmdämmung, die Meß-, Regel- und Analysetechnik, Energieeinsparung, Luftreinhaltung, Wasserqualität, Technologien der Abwasser- und Schlämme-Aufbereitung, Abfall/Sonderabfall und die Bodenbelastung einen Weltmarkt aufgetan, der jährlich weiter wächst und Arbeitsplätze schafft. Der Ausgang der letzten Bundestagswahl, das merkte Nefiodow hier an, ist ein Beleg, wohin sich der Umweltschutz hinbewegt.

Biotechnologie: Dieser Markt kommt durch die Entschlüsselung der DNA in neue Bewegung und tritt möglicherweise bereits jetzt in die Wachstumsphase. Es muß gelingen, in diesem Bereich den Umsatz von weltweit jetzt 30 Milliarden auf 2000 Milliarden Dollar anzukurbeln, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Solartechnik und optische Technologien: Es wird sehr schwierig sein, in diesem Bereich den Umsatz von heute 1 Milliarde auf 2000 Milliarden Dollar zu steigern. Ein großer Hinderungsgrund ist die Kernenergie, die jährlich weltweit um 20 Prozent anwächst, obwohl es für die Entsorgung der Brennstäbe und Altanlagen nach wie vor keine Lösung gibt.

Information: Dieser Markt und der Computer als Transporteur werden auch in der sechsten Welle mitreiten und ein eigenes Umsatzmuster haben. Arbeitsplätze entstehen vor allem im Informationsbereich.

Die psychosoziale Gesundheit steht im Zentrum

Im Zusammenhang mit der Gesundheitsdefinition der WHO ist für Nefiodow wenig verständlich, warum sich im herkömmlichen Gesundheitssektor alles nur um Krankheit dreht, eigentlich müßte man von einem Krankheitswesen sprechen, denn "das Gesundheitswesen lebt nur von noch mehr Kranken". Nefiodow plädierte auf eine Rückbesinnung und Umkehr zu einer gesunden Lebensweise, wie sie schon Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert vorlebte und empfahl.

Im Megamarkt Gesundheit, der es weltweit auf einen Umsatz von 10.000 Milliarden Dollar bringen muß, entsteht ein neuer Gesundheitssektor, der Umweltschutz, Biotechnologie und Religion umfaßt. Heute werden in den USA 15 Prozent der Gesundheitsausgaben für Arzneimittel aufgewendet, in Deutschland sind es 10 Prozent. Die amerikanische Versicherungswirtschaft greift bereits zu Gegenmaßnahmen bis in die private Sphäre hinein und fordert ihre Versicherten auf, gesund zu leben und abzuspecken, damit es nicht zu einer Kostenexplosion kommt. Der Trend geht dahin, die Krankheiten-verursachende Industrie an den Kosten zu beteiligen. Als Beispiel erwähnte Nefiodow die Tabakindustrie, die in den USA 275 Milliarden Dollar beisteuern soll, um die Versicherungskosten für Patienten mit Lungenschäden zu mindern. Dieser Trend wird nach Meinung Nefiodows weiter gehen, da Amerikaner gerne vor den Kadi ziehen, etwa auch um einen Schokoladenhersteller wegen Kariesschäden zu belangen. Nefiodow abschließend: Im Zentrum des sechsten Kondratieff-Zyklus steht die psychosoziale Gesundheit. Keine Maschine ist diesmal der Mittelpunkt, sondern die Menschen mit ihren gesundheitlichen und sozialen Bedürfnissen.

PZ-Artikel von Erdmuthe Arnold, HannoverTop

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