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Der europäische Patientund seine Ansprüche

30.11.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Der europäische Patient
und seine Ansprüche

In welchem europäischen Land fühlen sich Patienten am besten aufgehoben? Kann ein Patient überall Leistungen in Anspruch nehmen? Sollten die Gesundheitssysteme einander angeglichen werden? In Berlin drehten sich einen Nachmittag lang mehrere Gesprächsrunden um das Thema "Der Patient in einem gemeinsamen Europa". Initiiert hatten die Veranstaltung, zwei Patientenorganisationen, die Europäische und die Deutsche Gesundheitshilfe. Es moderierte Sabine Christiansen.

Zwei Urteile des Europäischen Gerichtshofes haben die Diskussion um einen gemeinsamen europäischen Gesundheitsmarkt in Gang gebracht. Die Luxemburger Patienten Kohll und Decker hatten geklagt, weil ihre Krankenkassen im Ausland erbrachte Leistungen, eine Zahnbehandlung sowie eine Brille nicht bezahlen wollten. Die Kläger bekamen Recht. Die Kassen mußten zumindest den Betrag erstatten, den die jeweilige Leistung im Heimatland kostet. In beiden Fällen handelte es sich nicht um Notfälle.

Was ist jenseits der Grenzen anders? In Deutschland vermißten sie die menschlichen Qualitäten, sagten zwei Deutsche, die Erfahrungen mit dem englischen und dem spanischen Gesundheitssystem gemacht hatten. Die Grundversorgung sei weniger technisch, aber keineswegs schlechter. Bei guter persönlicher Betreuung lösten sich manche Probleme auch ohne Spezialbehandlung oder Medikamente. Auffallend im Vergleich zu anderen EU-Bürgern sei das hohe Anspruchsdenken der Deutschen, meinten fast alle. "Wir glauben, es gibt ein Recht auf Gesundheit", sagte ein Deutscher, der in Frankreich lebt und in der Schweiz arbeitet. "Hier denkt jeder gleich, er hat eine besondere Krankheit." In Frankreich oder in der Schweiz habe er das noch nicht erlebt.

Viel Vertrauen hätten die Niederländer in ihre Hausärzte, sagte Geert Jan Hamilton von der "Zorgverzekeraars Nederland", einer Organisation in der öffentliche wie private niederländische Krankenversicherer zusammengeschlossen sind. Der Hausarzt ist erste Anlaufstelle für die Patienten, er koordiniert die Behandlung. Der Arzneimittelverbrauch sei einer der niedrigsten in der Europäischen Union.

Dr. Gerd Glaeske, Bundesverband der Barmer Ersatzkasse, sprach sich ebenfalls für die Stärkung des Hausarztes aus. Durch Koordinations- und Kommunikationsmängel in der Behandlung gingen schätzungsweise rund zehn Milliarden DM verloren. Dr. Frank Diener, ABDA, Eschborn, ergänzte, daß Apotheker zur Koordination beitragen, indem sie zum Beispiel Selbstmedikation und verordnete Medikation abgleichen. Einzelne Bestandteile eines anderen Gesundheitssystems könnten nicht auf Deutschland übertragen werden, sagte Dr. Dominik Graf von Stillfried, Kassenärztliche Bundesvereinigung, Köln. Es gelte einen Konsens zu finden, Wege für einzelne Modelle müßten offen bleiben.

Den Politikern ging es weniger um einzelne Elemente als um das System als Ganzes. Für Monika Knoche, gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, ist Gesundheitspolitik vorrangig eine nationalstaatliche Aufgabe. Im Vertrag von Maastricht sei das so festgelegt. Das Sachleistungsprinzip und ein paritätisches, nicht über Steuern finanziertes System wolle man nicht aufgeben. Beide Elemente seien für die Gestaltung des Systems von großer Bedeutung. Mehr Wettbewerb und Qualität dürften die Solidarität nicht gefährden.

"Der europäische Gerichtshof zeigt uns den Weg." Dr. Dieter Thomae, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses der FDP glaubt, die Politik müsse schrittweise eine Kooperation mit den anderen Ländern etablieren. Der Gesundheitsmarkt sei einer der größten Märkte, es sei unmöglich, sich abzuschotten. Was Bayern in seine Krankenhäuser investiere, tauche schon heute nicht auf den Rechnungen der Italiener auf, die sich in München behandeln ließen, sagte Thomae. "Wenn hier nicht Möglichkeiten geschaffen werden, wird sich der Markt selber seinen Weg suchen."

Da die Patienten bestimmte Wünsche haben, müßten Politiker über Stärken und Schwächen der anderen Systeme nachdenken, sagte Dr. Hans Sendler (SPD), Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit in Nordrhein-Westfalen. Die Politik müsse sich bekennen, diesen Prozeß offensiv anzugehen. Stefanie Vogelsang (CDU), Stadträtin aus Berlin, Bereich Gesundheit, hält es für "zwingend notwendig", sich über leicht veränderte Finanzierungsformen der Krankenkassen Gedanken zu machen, ohne das Solidaritätsprinzip zu verlassen. Sie faßt die Aussagen zum Thema Europa zusammen: "Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den Fraktionen. In welche Richtung es geht, ist noch gar nicht deutlich."

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Berlin

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