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30.11.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

FORTBILDUNG IN HESSEN

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Targets für Arzneistoffe, also Transportsysteme, Ionenkanäle, G-Protein-gekoppelte und einfach membrangängige Rezeptoren sowie Enzymsysteme: Nicht gerade ein Thema, mit dem Apothekerinnen und Apotheker bisher Fortbildungsveranstaltungen verbanden. Der Mut, den die Fortbildungsakademie für Pharmazeutische Fortbildung der Landesapothekerkammmer (LAK) Hessen mit der Themenwahl des diesjährigen Herbstkongresses bewiesen hatte, wurde belohnt. Über 1000 überwiegend jüngere Fortbildungswillige fanden den Weg in die zeitweise bis auf den letzten Platz gefüllte Gießener Kongreßhalle - so viele wie noch nie.

Seine Eröffnungsrede nahm Heribert Daume, Präsident der LAK Hessen, zum Anlaß, gegen das Gesetz zur Stärkung der Solidarität in der Gesetzlichen Krankenversicherung zu wettern. Verabschiede der Bundesrat am 18. Dezember das Gesetz mit den jetzt vorgesehenen Inhalten, bedeute dies eine Umsatzminderung von mehr als vier Milliarden DM zu Lasten der Apotheken, das heißt einen Rohertragsausfall von etwa 50 000 DM für die einzelne Apotheke.

Den Standespolitikern bleibe nur ein verschwindend kleiner Zeitraum, um den politischen Entscheidungsträgern "den Katalog unserer Argumente vorzutragen". Und seine Kollegen im Saal forderte Daume dazu auf, "in persönlichen Briefen an die Gesundheitsministerin die Gefahren von Arbeitsplatz- und Ausbildungsverlusten in der Offizin deutlich zu machen. Betonen Sie, daß überwiegenden Frauenarbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Nutzen Sie Ihr Recht als freie Bürgerinnen und Bürger".

Arzneimittel mit Angriff an Transportsystemen

"Ich bin zwar gebeten worden, nicht über Arzneistoffe zu sprechen", sagte Professor Dr. Josef Pfeilschifter vom Institut für allgemeine Pharmakologie des Universitätsklinikums Frankfurt. Aber aktive und passive Transportsysteme durch die Membran ließen sich nun mal am besten anhand von Arzneistoffen verdeutlichen. Arzneistoffe können Ionenbewegungen außer an Ionenkanälen durch Angriff an Transportsystemen beeinflussen, die entweder aktiv unter Energieverbrauch (Ionenpumpen) oder passiv durch erleichterte Diffusion (Carrier) transportieren.

Carrier erleichtern polaren Substanzen den Eintritt in die Zelle, indem sie den Konzentrationsgradienten zwischen beiden Membranseiten ausnutzen. Das führt im Vergleich zur reinen Diffusion zu einer gesteigerten Umsatzrate. Diese kommt durch eine pulsierende Bewegung von Ladungen und Bindungsstellen der Carriereproteine zustande. Charakteristisch für Carrier-erleichterte Transportprozesse sind hohe Strukturspezifität, Sättigung des Transportsystems und Möglichkeit zur Hemmung durch Inhibitoren.

Stoffwechselgifte hemmen die Carrier jedoch nicht. Pfeilschifter nannte die Diuretika als Bespiele für selektive Inhibitoren der Elektrolyttransporte. Schleifendiuretika vom Furosemid-Typ blockieren den Na+/K+/2Cl—-Cotransporter; der Na+/Cl—-Cotransporter ist Angriffspunkt der Thiazide.

Müssen Ionen im Organismus gegen ein Konzentrationsgefälle transportiert werden, springen Ionenpumpen ein. Ihre Arbeit kann man sich wie einen Bergauftransport vorstellen. Am besten untersucht, sei die Natrium-Kalium-ATPase der Herzmuskelzelle, sagte Pfeilschifter. Dieses Transportsystem schafft Natriumionen aus der Zelle und sorgt für den Kaliumtransport in entgegengesetzter Richtung. Mittels der durch ATP-Spaltung gewonnenen Energie werden drei Natriumionen gegen zwei Kaliumionen ausgetauscht. Mit jedem Zyklus wird somit eine positive Ladung aus der Zelle entfernt. Herzglykoside greifen an der Na+/K+-ATPase an. Als zweites Beispiel für eine Ionenpumpe, die in der Arzneimitteltherapie Bedeutung erlangt hat, nannte Pfeilschifter die Protonen-Kalium Pumpe. Protonenpumpenblocker unterdrücken die Salzsäureproduktion im Magen, indem sie die Protonen-Kalium-ATPase hemmen.

Beim Streifzug über die Membran-Transportwege dürfen Effluxtransportsysteme nicht fehlen. Sie seien in hohem Maße für die Resistenzbildung gegen Zytostatika und Azol-Antimykotika verantwortlich, erklärte Pfeilschifter. Effluxtransporter braucht die Zelle, um sich von Fremdstoffen entledigen zu können, also auch von Arzneistoffen. Ein Beispiel ist das P170-Glykoprotein, das aktiv Chemotherapeutika aus der Zelle befördert. Ist das P170-Glykoprotein jedoch mutiert, wird es verstärkt exprimiert. Dann haben Chemotherapeutika keine Chance mehr, in der Zelle verweilen und wirken zu können. Eine Resistenz ist die Folge. "So kann es passieren, daß Krebspatienten sogar über Nacht gegen mehrere Zytostatika resistent werden. Man spricht von der Multi-Drug-Resistenz", informierte Pfeilschifter. Verapamil ist in der Lage, den Transporter zu blockieren, so daß Zytostatika wieder effektiv wirken können.

Charakteristisch für das P170-Glykoprotein sind seine zwei intrazellulären kugelförmigen ATP-Bindungsstellen. Diese beiden Domänen sind typisch für eine ganze Familie von Proteinen, die ABC-Transporter (ABC = ATP-binding-cassette). Dazu gehört beispielsweise der CDR-Transporter, den man als Übeltäter für Resistenzen gegen Candida albicans ausfindig gemacht hat, erklärte der Referent. Bei immunsupprimierten Patienten wird der CDR-Transporter verstärkt auf der Zelloberfläche exprimiert; Azol-Derivate wie Fluconazol werden mit hohem Umsatz aus der Zelle herauskatapultiert und sind deshalb gegen das Pilzwachstum machtlos. Verapamil hat bei diesem Transporter keine Chance, die Verweilzeit des Arzneistoffs im Zellinneren zu erhöhen.

Angriff auf Ionenkanälen

"Der Ionenkanal ist nichts Mystisches mehr", sagte Dr. Andreas Busch von Hoechst Marion Roussel Deutschland, Frankfurt. Seit der Klonierung des ersten für einen Ionenkanal kodierenden Gens vor 15 Jahren habe sich das Wissen über die physiologische Rolle, die Pharmakologie und die molekulare Struktur von Ionenkanälen rasant entwickelt. Eine Vielzahl der heute bekannten Ionenkanal-Modulatoren seien in die Pharmakotherapie eingeführt worden, ohne überhaupt die molekulare Basis ihrer Wirkung zu kennen. Oft habe man nicht einmal gewußt, daß diese Modulatoren auf Ionenkanäle wirken, so beispielsweise die Sulfonylharnstoffe für Typ-2-Diabetiker oder Kalium-sparende Diuretika.

Nicht jeder Ionenkanal funktioniert nach dem gleichen Mechanismus. Ihnen ist aber gemeinsam, daß sie sich durch Konformationsänderung der Kanalproteine öffnen und schließen. Werden die Kanäle durch Bindung von Liganden beeinflußt, spricht man von Liganden-gesteuerten Ionenkanälen. Dazu gehören die NMDA- oder die GABA-Rezeptoren. Spannungsabhängige Ionenkanäle öffnen oder schließen durch Membran-Depolarisation oder -Hyperpolarisation. Klasse-I-Antiarrhythmika oder Lokalanästhetika schließen spannungsabhängige Natriumkanäle.

Eine dritte Kanalgruppe fasse man unter dem Begriff background channels zusammen. "Auch in der deutschsprachigen Literatur wird die englische Bezeichnung verwendet", informierte Busch. Diese Membranporen schließen und öffnen sich durch randomisierte Konformationsänderungen. "Die treibende Kraft zumindest für einen Teil dieser Kanäle sind intrazelluläre Proteine oder Moleküle, die den Kanal blockieren. Fehlt diese Substanz, weitet sich der Kanal." Busch nannte den epithelialen Natriumkanal als Beispiel für einen background channel. Dieser sitzt im distalen Tubulus der Niere und ist die Zielscheibe für Kalium-sparende Diuretika wie Triamteren oder Amilorid. Kalium-retinierende Diuretika verhindern den Kalium-Efflux, weil sie die Eintrittspforte für Natrium im distalen Tubulus abschirmen. Diese Eigenschaft macht man sich bei der Kombination mit Schleifendiuretika oder Hydrothiaziden zunutze.

Bei verschiedenen Erbkrankheiten ist der epitheliale Natriumkanal defekt, er überreagiert. Beim Liddle-Syndrom kann durch Mutationen ein Teil der a- und ß-Untereinheit des Kanals nicht mehr binden, die Membranpore bleibt offen. Folge: Die massive Rückresorption von Natrium bedingt einen starken Hypertonus. Die Medikation eines Kalium-sparenden Diuretikums ist zwingend. Busch: "Erst nach der Klonierung des Ionenkanal-Gens ist es gelungen, das Liddle-Syndrom auf Gendefekte des Ionenkanals zurückzuführen." Dieser Defekt sei bei Kaukasiern recht selten, aber für Afroamerikaner konnten Wissenschaftler eine signifikante Risikoerhöhung beweisen.

Angriff auf G-Protein-gekoppelten Rezeptoren

Professor Dr. Klaus Mohr vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Bonn berichtete in Gießen über G-Protein-gekoppelte Rezeptoren. Dazu gehören beispielsweise Histamin-, Prostaglandin- oder Leukotrien-Rezeptoren. Sie bestehen aus einem Peptidfaden, der sich in sieben transmembranalen Domänen durch die Membran schlängelt. Davon liegen drei Schleifen extra- und vier intrazellulär.

Ein G-Protein (Guanyl-Nucleotide-bindendes-Protein) löst nach Andocken des Liganden an den Rezeptor und dessen dadurch induzierter Konformationsänderung eine weitere Reaktionskaskade aus. Für die Signaltransduktion ist die dritte intrazelluläre Schleife verantwortlich.

Was ist auf molekularer Ebene der Mittler zwischen Ligandbindung und der Aktivierung des G-Proteins, also der Signaltransduktion? Mohr: "Früher hieß es: Das hat man sich wie das Schlüssel-Schloß-Prinzip vorzustellen, und zwar mit dem Rezeptor als Schloß." Mit dieser Erklärung könne man sich aber nicht zufrieden geben. "Es ist schon erstaunlich, daß ein kleines Molekül wie Acetylcholin oder Noradrenalin es schaffen kann, ein relativ großes Rezeptorprotein zu einer neuen Konformation und damit zu einer anderen funktionellen Handlungsweise, nämlich der Aktivierung des G-Proteins, zu bringen."

Das Problem ist bis heute auf molekularer Ebene nicht geklärt, so Mohr. Doch arbeite man grundsätzlich mit zwei Modellen. Die klassische Vorstellung beruht darauf, daß der Agonist an den Rezeptor andockt, dessen Konformation ändert und dadurch den Effekt auslöst. Antagonisten binden ebenfalls an den Rezeptor; da aber die Konformation nicht verschoben wird, wird auch kein Effekt vermittelt.

Die zweite Vorstellung, wie ein Agonist wirken könne, berücksichtigt nach den Ausführungen Mohrs nicht die Induktion einer neuen, sondern die Stabilisierung einer spontan auftretenden aktiven Konformation. Das heißt, Rezeptorproteine unterliegen einer spontanen Fluktuation von einer aktiven in eine inaktive Form. Warum dieser Wechsel initiiert werde, sei unbekannt. Agonisten sind nur dann zum Rezeptor affin, wenn dieser in aktiver Konformation vorliegt. Die Bindung an den Rezeptor bedeutet eine Stabilisierung des Systems. Agonisten haben dagegen keine Affinität zum Rezeptor in inaktiver Form. "Umgekehrt läuft es bei den Antagonisten: Diese fischen sich die inaktive Rezeptorkonformation heraus und verhindern, daß Agonisten die aktive Konformation vorfinden", erklärte Mohr.

Mohr hält das neuere Agonist-Antagonist-Modell für attraktiv und lieferte auch gleich zwei Begründungen. Zum einen erkläre es, warum die strukturell unterschiedlichsten Antagonisten den M2-Rezeptor zu hemmen vermögen. Die Antagonist haben die unterschiedlichsten Bindungsorte am Rezeptor. "Nach dem neueren Modell muß nicht ein Schlüssel in ein Schloß passen, sondern der Antagonist muß den inaktiven Zustand der Rezeptorkonformation stabilisieren, egal wie und wo er andockt", formulierte Mohr. Deshalb spiele der variable Bindungsort am M2-Rezeptor auch keine Rolle.

Zum zweiten könne man mit dem Modell Erkrankungen wie die Pubertas praecox oder das autonome Adenom der Schilddrüse verständlicher erklären. Beispiel Pubertas praecox: Durch Rezeptormutationen seien verschiedene Rezeptorpopulationen des Luteinisierenden Hormons in gesteigertem Maß in der aktiven Konformation vorzufinden. Deshalb wird vermehrt Testosteron ausgeschüttet, was zur verfrühten Pubertät führt. Der Referent glaubt, daß dieses Modell nicht nur für G-Protein-gekoppelte Rezeptoren interessant sein könnte, sondern daß es eventuell auch auf andere Rezeptoren ausgedehnt werden kann.

Vollwaschgang in Sachen Enzymatik

Der Marktanteil von Pharmaka, die gezielt Enzymsysteme aktivieren oder hemmen, wird in den nächsten Jahren weiter steigen. Zudem kommen die Biokatalysatoren nicht nur als Targets für innovative Wirkstoffe in Betracht; sie bilden auch die Grundlage für eine immer empfindlichere und spezifischere Diagnostik. Mit einem Vollwaschgang in Sachen Enzymatik wappnete Professor Dr. Theo Dingermann, Frankfurt, fortbildungswillige Apothekerinnen und Apotheker für die Zukunft.

Inzwischen haben Wissenschaftler mehr als 4000 verschiedene Enzyme identifiziert und in sechs große Klassen eingeteilt. Oxidoreduktasen wie beispielsweise die Alkoholdehydrogenase katalysieren Reaktionen, bei denen Protonen oder Elektronen übertragen werden. Die Enzymgruppe der Transferasen überträgt ein Atom oder eine Atomgruppe zwischen dem Substratpaar. Ein bekanntes Beispiel ist die Catechol-O-Methyl-Transferase (COMT), die den Abbau von Catecholaminen katalysiert. Hydrolasen spalten kovalente Bindungen und verbrauchen dabei ein Wassermolekül. Das geschieht unter anderem im Angiotensin-Stoffwechsel: ACE katalysiert die Bildung des Dipeptids Angiotensin II aus dem Dekapeptid Angiotensin I. Dagegen spalten die Lyasen Gruppen ohne Wasserverbrauch ab und hinterlassen eine Doppelbindung. Ein Enzym dieser Gruppe ist die Ammoniaklyase. Die Enzymgruppe der Ligase katalysiert die Bindung zwischen zwei Substraten, meist unter ATP-Verbrauch. So werden beispielsweise DNA-Fragmente miteinander verbunden. Die sechste Gruppe faßt sogenannte Isomerasen zusammen. Enzyme wie die Retinal-Isomerase sind an Molekülumlagerungen beteiligt.

Die Bezeichnung Biokatalysator verdanken Enzyme ihrer Eigenschaft, chemische Reaktionen schon bei Raumtemperatur und neutralem pH-Wert in Gang zu bringen. Sie setzten dabei die Aktivierungsenergie herab. Nach Meinung Dingermanns eine bemerkenswerte Leistung, da Umsetzungen ohne die Katalysatoren im Reagenzglas oft nur bei extrem hohen Temperaturen und unphysiologischen pH-Werten ablaufen.

In seinem Vortrag ging Dingermann auf die sogenannten allelischen Enzymproteine ein. Nicht bei allen Organismen einer Art codieren identische Gene für ein spezifisches Enzym. Durch eine genetische Variation kann ein abweichendes Protein gebildet werden, daß auch in seiner Funktion beeinträchtigt ist. Bei Personen, die ein derartiges Allel besitzen, können deshalb auch Arzneimittel unterschiedlich wirken. So stellten Wissenschaftler fest, daß der Stoffwechsel von Organismen, deren Enzym-codierende Gene variieren, schneller oder langsamer acylierte oder hydroxylierte.

Die Enzymkinetik bildet eine wichtige Grundlage für das Verständnis von enzymatischen Prozessen. Die Menge an vorliegendem Substrat bestimmt bis zu einer gewissen Konzentration die Reaktionsgeschwindigkeit. Ist wenig Substrat verfügbar, liegen Enzymmoleküle vorwiegend als freie Enzyme und nicht als Enzym-Substrat-Komplexe vor. Die Reaktionsgeschwindigkeit ist proportional der Substratkonzentration. Erst wenn alle Enzyme belegt sind, kann die Umsetzungsgeschwindkeit nicht weiter gesteigert werden. Eine wichtige Kenngröße für jedes Enzym-Substrat-Paar ist deshalb die Substratkonzentration, die nötig ist, um die halbmaximale Geschwindigkeit zu erreichen. Sie wird als Km-Wert oder Michaelis-Menten-Konstante bezeichnet.

Enzymatische Reaktionen können beeinflußt werden, indem man die Enzymaktivität oder –konzentration ändert. Effekte, die durch Regulation der Aktivität erzielt werden, treten meist schneller ein, da sie nicht von Neusynthese oder Degradation der Enzyme abhängen. Die Enzymaktivität kann durch sogenannte isosterische und allosterische Mechanismen reguliert werden. Bei der isosterischen Regulation konkurrieren ähnliche Enzyme oder Substrate. Bestes Beispiel ist die kompetitive Enzymhemmung, aus pharmazeutischer Sicht die wichtigste Variante. Eine zweite Substanz konkurriert mit dem Substrat um das aktive Zentrum des Enzyms. Dingermann nannte in diesem Zusammenhang die HMG-CoA-Hemmmer. Das Cholesterol-bildende Enzym wird durch eine dem Substrat ähnliche Struktur, die nicht umgesetzt werden kann, blockiert.

Die Suizidinhibtion ist ein Sonderfall der isosterischen Regulationsmechanismen. In diesem Fall wird das konkurrierende Substrat auch umgesetzt, die Reaktion läuft aber nicht vollständig ab. Bestes Beispiel: Ethinylestradiol. Das Estrogen inhibiert Cytochrom P450 3A4, das für den schnellen First-pass-Effekt von Estradiol und Estron verantwortlich ist. Weil Ethinylestradiol das Enzym hemmt, durch das es selbst metabolisiert wird, verlängert sich seine eigene Halbwertszeit; es wird oral bioverfügbar.

Im Gegensatz zur isosterischen Regulation treten allosterische Regulatoren nicht mit dem aktivem Zentrum des Enzyms in Wechselwirkung. Sie lagern sich an eine andere Stelle des Katalysators. Dingermann: "Diese Position ist auch hochspezifisch für Effektor und Enzym und stellt bezüglich der Oberflächenstruktur die gleichen Ansprüche." Bindet eine Substanz an das allosterische Zentrum eines Enzyms, verändert sich die Topologie des aktiven Zentrums. Die Aktivität kann zu- oder abnehmen. NO-Donatoren, also Prodrugs, die im Laufe der Biokonversion Stickstoffmonoxid freisetzen, können dieser Gruppe zugeordnet werden. Das Monoxid aktiviert die lösliche, intrazelluläre Guanylat-Cyclase, indem es die zwei Untereinheiten dieses Enzyms zusammenführt.

Als problematisch bezeichnete Dingermann, wenn Enzyme durch Pharmaka ungewollt aktiviert oder inhibiert werden. Dies führe zu Wechselwirkungen und Unverträglichkeiten. Der Wirkmechanismus entsprechender Arzneistoffe müsse deshalb genau untersucht werden, um schwere Komplikationen zu verhindern.

Nur Lifestyle oder wirklich therapeutisch sinnvoll

Was ist innovativ und bereichert die medikamentöse Therapie? Die Pharmaindustrie führte in diesem Jahr bislang 33 neue Medikamente auf dem deutschen Markt ein. Die wirklichen Innovationen lassen sich nach Meinung von Dr. Hartmut Morck jedoch an einer Hand abzählen. Der Chefredakteur der PZ stellte in Gießen seine Spitzenkandidaten vor.

Da ist zunächst der erste nicht nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer Nevirapin (Viramune® von Boehringer Mannheim), der inzwischen die HIV-Therapie bereichert. Das Dipyridodiazepin-Derivat bindet direkt an die Reverse-Transkriptase und blockiert so das katalytische Zentrum des Enzyms. In einer kanadischen Studie konnte bei 60 Prozent der Aids-Patienten unter Nevirapin nach 72 Wochen keine Virus-DNA im Plasma nachgewiesen werden. Neben der guten Klinik verfügt der RT-Hemmer auch über ein günstiges Resistenzmuster.

Als wirklich innovativ bezeichnete Morck auch Topiramat (Topamax® von Janssen Cilag). Das Fructosederivat wurde als Add-on-Therapeutikum zur Behandlung von Epileptikern zugelassen. In seiner chemischen Struktur unterscheide sich das Arzneimittel grundsätzlich von allen anderen Antiepileptika. Topiramat wirke zudem über drei verschiedene Mechanismen: Es inaktiviert spannungsabhängige Natriumkanäle, aktiviert GABA-Rezeptoren und hemmt die glutaminerge Erregungsleitung. Bei allen anderen Antiepileptika konnten bislang maximal zwei Wirkkomponenten beschrieben werden.

Auch der neue Leukotrien-Rezeptor-Antagonist Montelukast (Singulair® von MSD) bereichert nach Meinung Morcks die Asthmatherapie. Das Antiasthmatikum blockiert die Leukotrien-Rezeptoren in den oberen Atemwegen und bremst so Entzündungen, Bronchokonstriktion und Schleimsekretion. Die Ergebnisse klinischer Studien hätten jedoch aufgrund seiner relativ geringen Wirksamkeit für Ernüchterung gesorgt. Das Medikament könne deshalb die bewährten Glucocorticoide und Sympathomimetika nicht ersetzen, sondern sei lediglich als Add-on-Therapeutikum geeignet.

Leider gibt es noch keine vergleichende Untersuchung der beiden Thrombozytenaggregationshemmer Tirofiban und Abciximab, so Morck. Das neue Tirofiban (Aggrastat® von MSD), ein nichtpeptisches Tyrosinderivat, das an den Glykoprotein-IIb/IIIa-Rezeptoren der Thrombozyten bindet und ihr Zusammenlagern verhindert, stelle aber durchaus eine Alternative zum Antigen-Präparat dar. Tirofiban ist bislang zur Behandlung einer instabilen Angina pectoris und des Myokardinfarkts in Kombination mit Heparin und ASS zugelassen.

Rituximab, ein monoklonaler Antikörper, der als Monotherapeutikum gegen rezidivierende niedrig maligne und follikuläre Non-Hodgkin-Lymphome eingesetzt wird, bereichert seit 1998 die Palette der Zytostatika. Für Morck eine echte Innovation. Die Klinik spreche für sich, Rituximab (MabThera® von Hoffmann-La Roche) stelle zudem einen völlig neuen Therapieansatz dar. Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Mediziner können mit vier Infusionen über 22 Tage ambulant behandeln. Außerdem ist die Chemotherapie vergleichsweise gut verträglich.

Bleiben nur noch die beiden sogenannten Lifestyle-Drogen, die 1998 mit großem Erfolg in Deutschland eingeführt wurden. Beim Sildenafil (Viagra® von Pfizer) habe der Hersteller durchaus geschickt einen Nebeneffekt als Hauptwirkung vermarktet. Der Phosphodiesterasehemmer sei ursprünglich zur Behandlung der Angina pectoris entwickelt worden. Untersuchungen hätten dann aber seine mangelnde Wirksamkeit am Herzen belegt. Die Struktur des Potenzmittels sei auch nicht neu, so Morck, und verwies in diesem Zusammenhang auf Pentoxyphillin. Morck warnte sein Auditorium, stets die Risiko-Nutzen-Relation im Auge zu behalten. Durch den unkritischen Einsatz von Sildenafil und Nitraten sei es alleine in den USA in einem Vierteljahr zu 77 Todesfällen gekommen.

Kritisch äußerte sich Morck auch zum neuen Lipasehemmer Orlistat (Xenical® von Hoffmann-La Roche). Aufgrund der unangenehmen Nebenwirkungen wie Durchfall und Fettstühle seien die Patienten sicherlich nicht besonders compliant. Zusätzlich könnten fettlösliche Vitamine viel schlechter resorbiert werden. Der Wert dieses Präparates bliebe in Expertenkreisen nach wie vor umstritten. Immerhin habe die FDA Orlistat in den USA noch nicht zugelassen.

PZArtikel von Ulrich Brunner und Elke Wolf, Gießen

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