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Von Schoko-Cornflakes-Riegeln biszur genetischen Diagnostik

30.11.1998  00:00 Uhr

-Medizin

Govi-Verlag

GENTECHNIK

Von Schoko-Cornflakes-Riegeln bis zur genetischen Diagnostik

Gentechnisch hergestellte Medikamente werden inzwischen selbst von sehr kritisch eingestellten Menschen akzeptiert. Bei Umfragen innerhalb der Bevölkerung bewerteten zwei Drittel der Befragten gentechnisch veränderte Produkte mit medizinischer Relevanz positiv. Die gleiche Anzahl fände jedoch gentechnisch veränderte Lebensmittel bedenklich. Damit ist die Entwicklung solcher Nahrungsmittel für die Bevölkerung ein "nicht notwendig erscheinendes Ziel", so Professor Dr. Ludger Honnefelder vom Philosophischen Seminar der Universität Bonn während des Bad Nauheimer Gesprächs, das die Landesärztekammer Hessen Ende Oktober in Frankfurt am Main organisierte.

Unter dem Motto "Was nützt die Gentechnik dem Menschen?" informierten Vertreter der Industrie und Universitätsprofessoren während der Podiumsdiskussion über das immer noch umstrittene Thema. "Ein erkennbarer Nutzen gentechnisch veränderter Pflanzen für den Verbraucher wurde bisher nicht durch ein konkretes Beispiel belegt", sagte auch Dr. Gunter Fricke, Leiter des Qualitätsmanagements bei Nestlé in Frankfurt. Mögliches Ziel sei aber die Anreicherung beziehungsweise die Veränderung von Inhaltsstoffen in Nahrungsmitteln. "Demnächst wird es Reis mit einem erhöhten Vitamin-A-Gehalt geben", berichtete Fricke. In Asien sei Vitamin-A-Mangel eine weitverbreitete Erscheinung und führe häufig zur Erblindung. Durch Verzehr des mit dem lebenswichtigen Vitamin angereicherten Reises könnten die Menschen davor bewahrt werden. Außerdem werde angestrebt, Allergene aus Lebensmitteln zu entfernen. Ein anderes Projekt sei die Veränderung von Kartoffeln, die beim Frittieren dann nicht so viel Fett aufnähmen.

Die "grüne Gentechnologie", bei der gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, gebe es seit Jahren, so Fricke. Die Anzahl der Feldversuche weltweit sei von einem im Jahr 1986 auf über zwanzigtausend im Mai 1998 angestiegen. Führend seien nach wie vor die Vereinigten Staaten, an zweiter Stelle stehe die Europäische Union.

Auf dem deutschen Markt gebe es inzwischen sechs Produkte, die mit genetisch veränderten Zutaten hergestellt werden, darunter Frühlingsrollen, ein Schoko-Cornflakes-Riegel und Kliniknahrung. Großbritannien liegt mit 46 Produkten, die aus gentechnisch veränderten Zutaten hergestellt werden, bisher in Europa an der Spitze. Nach einer Verordnung der EU vom Mai diesen Jahres müssen genetisch veränderte Zutaten gekennzeichnet werden.

Reicht die Kennzeichnungspflicht, um den Verbraucher zu informieren?

Kritische Stimmen aus dem Publikum bezweifelten in der anschließenden Diskussion, die Dr. Michael Schaefer vom Laboratoire de Chimie Biophysique Institut Bel Universtité Louis Pasteur in Strasbourg moderierte, daß die Kennzeichnung den Verbraucher tatsächlich informiert. Durch Pollenflug könnten die Fremd-Gene auf andere Pflanzen übertragen werden, und Produkte aus diesen Pflanzen würden anschließend ohne Kennzeichnung verkauft. Die Experten auf dem Podium führten dagegen an, daß die Lebensmittel demnächst daraufhin untersucht würden, ob der Anteil veränderter Sequenzen einen Grenzwert überschreite. Ist dieser erreicht, müßten die Lebensmittel markiert werden, bleiben die Werte darunter, entfalle die Kennzeichnungspflicht.

Gentechnik bei Entwicklung und Produktion neuer Medikamente

"Im Grunde genommen ist die Gentechnologie eine Querschnittstechnologie" betonte Dr. Dr. Robert Geursen von Hoechst Marion Roussel, Frankfurt. Allein in der Pharmaindustrie werde sie nicht nur in der Forschung angewendet, sondern auch bei der Produktion. Bekanntestes Beispiel ist das gentechnisch hergestellte Humaninsulin. "Jedes neue Medikament kommt im Laufe seiner Entwicklung mit der Gentechnik in Kontakt.", sagte Geursen. Was früher ein Chemiker innerhalb von einem Jahr mit 100 Molekülen bei der Entwicklung neuer Medikamente erreicht habe, könne heute ein Wissenschaftler mit einem Roboter und 10 000 Molekülen innerhalb einer Woche schaffen.

Gentechnologie sei die Schlüsseltechnologie, um Volkskrankheiten zu heilen, biete die einzige Möglichkeit, seltene Erbkrankheiten zu behandeln und garantiere sichere Arbeitsplätze in Deutschland. Auf die Frage nach den eher dürftigen Erfolgen bei der somatischen Gentherapie antwortete Geursen: "Es ist zu früh, um darüber zu spekulieren, ob man Erfolg haben wird." Knackpunkt ist die Übertragung des Erbmaterials, die sich zur Zeit noch als sehr schwierig darstellt.

Monogenische Erkrankungen und Volkskrankheiten

"Es gibt fast keine Krankheit, bei der genetische Faktoren nicht beteiligt sind", führte Professor Dr. Peter Propping vom Institut für Humangenetik der Universität Bonn aus. In den letzten zwanzig bis dreißig Jahren hätten vor allem monogenische Krankheiten die Humangenetik beflügelt. Sie entstehen durch den Defekt in einem einzelnen Gen. Davon seien bisher 6000 verschiedene bekannt; die meisten von ihnen treten sehr selten auf. Für die Wissenschaft sind sie von außerordentlicher Bedeutung, weil ihre Erforschung grundlegende Mechanismen aufdeckt.

Häufig werde die Frage nach der Beteiligung genetischer Faktoren bei den Volkskrankheiten wie Diabetes oder Atherosklerose gestellt. Bei der Entstehung von Diabetes falle zum Beispiel nur in seltenen Fällen ein einzelnes Gen aus, in der Regel handele es sich um mehrere Defekte. Die genetische Epidemiologie sei besonders wichtig, wenn Wissenschaftler erforschen, inwieweit genetische Faktoren an Volkskrankheiten beteiligt sind: "Der Flaschenhals in der medizinisch-genetischen Forschung ist die Untersuchung bestimmter Patienten- und Familienkollektive", erklärte Propping. Leider würden solche Studien nicht unbedingt in dem Maß gefördert wie die Grundlagenforschung in wissenschaftlichen Labors.

Chorea Huntington als Alptraum der genetischen Diagnostik

Mit der Diagnostik von Erbkrankheiten müsse man besonders vorsichtig umgehen, betonte Propping. "Der Alptraum der prädiktiven Diagnostik ist Chorea Huntington". Die als Veitstanz bekannte Erbkrankheit kann bereits sicher diagnostiziert werden, Therapiemöglichkeiten gibt es zur Zeit allerdings nicht. Damit könne man einem Patienten mitteilen, daß er in einigen Jahren an Chorea Huntington erkranken wird, helfen könne man ihm jedoch nicht. "Jede Diagnostik muß in eine genetische Beratung eingebettet sein", so Propping. Die Patienten müßten detailliert aufgeklärt werden, und sie sollten selbst entscheiden, ob sie sich einer genetischen Diagnostik unterziehen möchten oder nicht. Bei einigen Krankheiten könne eine frühe Diagnose verhindern helfen, daß die Krankheit überhaupt ausbricht. So kann man bei der genetischen Disposition zu Krebserkrankungen systematische Vorsorgeprogramme einleiten. "Heute muß niemand mehr am Coloncarcinom sterben", sagte Propping. Jedoch sei es schwierig, derart komplexe Untersuchungen und Vorsorgeprogramme zu verwirklichen.

Die genetische Beratung müsse durch die Richtlinien der Berufsstände garantiert werden, meinte Propping. Die Richtlinien seien dafür ausreichend und könnten besser angepaßt werden als Gesetze. Der Humangenetiker hielt eine gesetzliche Regelung jedoch für nötig, damit Träger bestimmter Gene nicht diskriminiert werden können, vor allem wenn es um Versicherungen geht.

Gentechnologie aus der Sicht eines Philosophieprofessors

Bei der Frage nach dem Nutzen der Gentechnologie müßten zwei Punkte bedacht werden, so Honnefelder: "die Legitimität der Ziele und die Vertretbarkeit des Mittels selbst". In einer Studie des Berliner Wissenschaftszentrums sei zum Beispiel untersucht worden, ob die Freisetzung gentechnisch veränderter, herbizidresistenter Pflanzen im Vergleich zu herkömmlichen Züchtungen mit zusätzlichen Risiken behaftet ist. Niemand hätte in der Studie ein Problem benennen können, das mit gentechnisch veränderten Pflanzen auftritt und mit gezüchteten Pflanzen nicht. "Wir dürfen uns nicht nur durch das Wort Gen beeinflussen lassen", so Honnefelder. Er riet daher zu einer "Step by Step"-Evaluation, bei der das Risiko jedes weiteren Schrittes einzeln überprüft wird.

Eingriffe in die Keimbahn und das Klonen von Menschen sind verboten

Besonders große ethische Probleme sieht auch Honnefelder bei der genetischen Diagnostik und dem Gentransfer. Die somatische Gentherapie ließe sich rechtfertigen, da hier jeder Mensch frei entscheiden könne, ob er sich einem solchen Eingriff unterzieht. Von Eingriffen in die Keimbahn sind jedoch Generationen betroffen und weder Patient noch Arzt können diese Entscheidung für alle Nachkommen treffen. Daher hat der Europarat Eingriffe in die Keimbahn und das Klonen von Menschen verboten.

Die Analyse des menschlichen Genoms bewertete Honnefelder positiv; das Streben nach Wissen sei menschlich. Allerdings müßten Gesetze den Umgang mit dem erworbenen Know-how regeln. "Der Preis für das neue Wissen ist ein ungeheures Maß an Selbstbeschränkung. Die Angst der Bevölkerung vor der Gentechnik ist eigentlich die Angst davor, ob wir der moralischen Herausforderung gewachsen sind", so Honnefelder.

PZ-Artikel von Ulrike Wagner, Frankfurt am Main

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