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Stiefkind der Hauterkrankungen

22.11.2004
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.Vitiligo

Stiefkind der Hauterkrankungen

von Anke Pfleger, Eschborn

Schmerzen haben Vitiligopatienten keine. Doch der psychische Druck lastet schwer auf den Betroffenen, die sich immer wieder verstohlenen und neugierigen Blicken der Umwelt aussetzen müssen. Ärzte stufen die Erkrankung meist als kosmetisches Problem ein und lassen die Betroffenen mit ihrem Leidensdruck allein.

Dem Großteil der Bevölkerung ist Vitiligo unbekannt. Dabei können die Betroffenen ihre Krankheit kaum vor den Blicken anderer verbergen. Scharf begrenzte weiße Flecken zeichnen sich auf der Haut ab, so dass Vitiligo im Volksmund auch Weißfleckenkrankheit genannt wird. Patienten besitzen in der Oberhaut lokal begrenzt entweder keine oder nur noch funktionslose Pigment bildende Zellen (Melanozyten), die das der Haut ihre natürliche Farbe gebende Melanin nicht mehr produzieren.

Zumeist zeigen sich erste Flecken an den Fingerspitzen, die sich im Laufe der Zeit auf die gesamte Hand erstrecken können. Gesicht und andere Körperpartien bleiben oft nicht verschont. Viele Patienten fühlen sich mehr oder weniger entstellt.

An Vitiligo erkranken Frauen und Männer unabhängig von der Hautfarbe gleichermaßen (1). Bei der Hälfte der Betroffenen zeigen sich erste Symptome vor dem 20. Lebensjahr. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leidet mehr als 1 Prozent der Weltbevölkerung an der Hautkrankheit. Der gleiche Prozentsatz ist in Deutschland betroffen - in Asien und Indien sind es sogar 3 bis 4 Prozent.

Im Mittelalter wurden Überlieferungen zufolge Betroffene gejagt oder wie Aussätzige behandelt. Denn damals wie heute reagieren Mitmenschen mit der unbegründeten Angst, sie könnten sich anstecken. Gelegentlich wird Vitiligo auf Grund des ähnlichen Erscheinungsbilds mit Lepra verwechselt. In Indien wird Vitiligo daher auch als „Weiße Lepra“ bezeichnet (2). Eine Verwechslung tritt vor allem bei Menschen mit dunkler Hautfarbe auf. Durch die stärkeren Farbkontraste, die Vitiligo bei ihnen hervorruft, ist die Erkrankung noch deutlicher sichtbar als bei hellhäutigen Menschen (3).

 

Geschichte der Vitiligo Die erste schriftliche Darstellung der Krankheit findet sich in einem indischen Heiligenbuch namens „Atharva Verda“ aus dem Jahre 1400 v. Chr. (6). Bibel, Koran oder buddhistische Literatur beschreiben später ebenfalls die typischen Symptome von Vitiligo.

Zur Herkunft des Namens gibt es zwei Theorien. So könnte sich der Begriff von dem lateinischen Wort „vitium“ ableiten, das soviel bedeutet wie Defekt, oder aber von dem griechischen Wort „vitelius“, eine Bezeichnung für die weißen Flecken eines Kalbs.

 

Es resultieren weltweit Nachteile und Probleme im Beruf. Betroffene knüpfen nur sehr schwer soziale Kontakte (4). Darüber hinaus beurteilen Ärzte in der Regel eine Krankheit oft nach der körperlichen Einschränkung. Da Vitiligo weder das Leben verkürzt (5) noch die Leistungsfähigkeit mindert, wird der psychischen Belastung meist nicht genügend Beachtung geschenkt, so dass sich Betroffene mit ihrer Erkrankung allein gelassen fühlen.

Unterschiedliche Formen

Ärzte teilen die Vitiligo in drei unterschiedliche Hauptformen ein: die generalisierte, lokalisierte und universelle Form. Die generalisierte Vitiligo tritt am häufigsten auf. Weiße Flecken entstehen in der Regel symmetrisch an mehreren Körperstellen. Mechanisch beanspruchte Hautareale sind bevorzugt betroffen. Dazu zählen sowohl druckbelastete Regionen wie Knöchel, Knie, Ellenbogen und Finger als auch zugbelastete Areale wie Augenlider, Mundwinkel und Achseln. Nicht selten sind die auf Vitiligoflecken wachsenden Haare weiß, da auch die Pigmentzellen der Haarzellen zerstört sind (1). Der typische Verlauf einer generalisierten Vitiligo ist durch schubweise Zunahme der weißen Flecken über zehn bis 20 Jahren gekennzeichnet. Anschließend kommt die Erkrankung zum Stillstand. Selten wird eine Rückbildung beobachtet.

Die lokalisierte Form betrifft nur ein oder wenige Körperareale und ist nicht symmetrisch. Sie entsteht innerhalb weniger Monate und verändert sich dann nicht mehr. In Ausnahmefällen kann jedoch eine lokalisierte Form in eine generalisierte Vitiligo übergehen.

Darüber hinaus wird die universelle Form unterschieden. Sie zeichnet sich durch eine beinahe vollständige Depigmentierung der Haut (mehr als 80 Prozent der Körperoberfläche) aus.

Auslösende Faktoren

Über Entstehung und Ursachen von Vitiligo ist bisher wenig bekannt. Bekannt ist, dass Melanozyten zunächst die Melanogenese einstellen. Diese Phase ist möglicherweise reversibel. Danach kommt es zur völligen Zerstörung der Melanozyten, die sich auf die Haarfollikel ausdehnen kann (1).

Als krankheitsauslösend werden immer wieder schwere Sonnenbrände und emotionale Stresssituationen wie Unfälle, Todesfälle in der Familie, Kriegsereignisse und schwere Erkrankungen angesehen (1). Auch Hautverletzungen sind als Auslöser bekannt. Bestimmte Herz- und Blutdruckmedikamente, zum Beispiel Betablocker sowie Calciumantagonisten stehen im Verdacht, Provokationsfaktoren zu sein.

Zur Entstehung der Vitiligo gibt es mehrere Theorien:

  • genetische Hypothese,
  • Autoimmunhypothese,
  • neurale Hypothese,
  • Radikalentheorie und
  • Selbstzerstörungshypothese.

Vermutlich ist die Pathogenese der Vitiligo nicht ausschließlich durch eine Hypothese erklärbar. Wahrscheinlich ist, dass mehrere Faktoren kombiniert zur Erkrankung führen (1, 6).

Familiäre Häufung

Wissenschaftler gehen davon aus, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, da familiäre Häufungen zu beobachten sind. Nahe Verwandte von Patienten haben ein 4,5fach höheres Risiko zu erkranken als Personen ohne Vitiligo in der Familie. Der genaue Erbgang ist nicht bekannt, aber vermutlich müssen mehrere Erbfaktoren gleichzeitig in Kombination an Nachkommen weitergegeben werden, damit die Krankheit zum Ausbruch kommt.

Die im Moment im Vordergrund stehende Hypothese betrachtet Vitiligo als Autoimmunkrankheit. Bei Patienten fanden Forscher sowohl autoreaktive Antikörper als auch zytotoxische T-Lymphozyten gegen melanozytäre Antigene. In den Vitiligoflecken und in der angrenzenden klinisch normalen Haut konnten Immunglobulin IgG und in den Infiltraten CD3+-, CD4+- und CD8+-T-Zellen nachgewiesen werden (6).

Im Serum von Patienten finden sich Autoantikörper gegen Melanozyten, die positiv mit dem Ausmaß der Depigmentation korrelieren. Diese so genannten Vitiligoantikörper können in vitro Pigmentzellen abtöten. Sie werden jedoch nicht bei allen Erkrankten gefunden und kommen auch bei Menschen ohne diese Hauterkrankung vor (6). Weiterhin konnten Antikörper gegen Tyrosinase, ein Schlüsselenzym der Melanogenese, bei 77 Prozent der Patienten mit lokaler oder generalisierter Vitiligo nachgewiesen werden. Tyrosinase katalysiert die Synthese der ersten beiden Vorstufen des Melanins. Bei gesunden Probanden waren keine Antikörper feststellbar. Die Antikörperaktivität ist in aktiver, sich verändernder Vitiligo stärker ausgeprägt als in stabilen Phasen (7).

Oft mit Schilddrüsenleiden assoziiert

Häufig geht Vitiligo mit der Autoimmun- und Schilddrüsenkrankheit Hashimoto-Thyreoiditis einher. Assoziationen mit anderen Autoimmunkrankheiten wie Morbus Addison, Diabetes mellitus Typ 1, Alopecia areata, einige Gastritisformen oder Morbus Basedow sind in der Literatur beschrieben, wurden aber in einer größeren epidemiologischen Studie nicht signifikant häufiger nachgewiesen (8). Andererseits sprechen manche Vitiligopatienten auf eine lokale oder systemische Therapie mit Glucocorticoiden an. Diese Behandlung soll wie bei anderen Autoimmunprozessen die Bildung und Wirkung reaktiver Autoantikörper und autoaggressiver T-Lymphozyten reduzieren. Gegen die Vernichtung von Melanozyten durch einen Autoimmunprozess spricht die Tatsache, dass es einem Forscherteam vor drei Jahren gelang, intakte Melanozyten aus weißen Vitiligoherden zu kultivieren (9).

Die neurale Hypothese entstand vor rund 40 Jahren (10). Sie stützt sich auf Beobachtungen von Patienten, die eine Nervenverletzung erlitten und daraufhin eine Vitiligo in dem denervierten Hautareal zeigten. Im Tiermodell ließen sich depigmentierte Areale dokumentieren, nachdem Nervenfasern durchtrennt worden waren. Eine Studie zeigte, dass Neuropeptid Y sowohl im Serum von Patienten als auch in der Gewebeflüssigkeit von Vitiligoherden erhöht ist (11). Zudem konnten Veränderungen der peripheren Nervenendigungen in den Randarealen von depigmentierten Flächen beobachtet werden (6).

Diskutiert wird ebenfalls die Möglichkeit, dass nach intensivem, lang anhaltenden Stress neurochemische Mediatoren aus dem Nervengewebe freigesetzt werden, die Melanozyten zerstören. Gestützt wird diese Annahme durch das Auftreten der Vitiligo nach emotionalem Stress und in neurologisch geschädigten Hautarealen, zum Beispiel bei kindlicher Virusenzephalitis, Multipler Sklerose mit Horner Syndrom und peripheren Nervenverletzungen.

Attacke durch freie Radikale

Die Tatsache, dass die weißen Flecken bei manchen Patienten nach schweren Sonnenbränden oder anderen Hautverletzungen auftraten, lässt einen Zusammenhang mit freien Radikalen vermuten. Hohe Konzentrationen an freien Radikalen in der Haut tragen zur Zerstörung von Membranen, Zellorganellen und zu Chromosomenschäden bei und könnten somit einer Vitiligo Vorschub leisten.

Die Selbstzerstörungshypothese geht davon aus, dass ein intermediär toxischer Metabolit der Melaninsynthese bei Versagen von antioxidativen Selbstschutzmechanismen Melanozyten zerstört. Eine zentrale Rolle spielt das Enzym Katalase, dessen Funktion bei Vitiligopatienten gestört ist. Durch den Enzymdefekt können Wasserstoffperoxid und andere reaktive Sauerstoffspezies in der Haut nicht ausreichend abgebaut werden. Die erhöhten Konzentrationen begünstigen die Zerstörung der Melanozyten (6).

Augenuntersuchung kann nützen

Ärzte diagnostizieren die Vitiligo anhand der Anamnese und einer histologischen Hautuntersuchung. Unter dem Elektronenmikroskop zeigt die Haut gar keine oder seltener Reste von Melanozyten. Da bei 40 Prozent der Patienten Pigmentveränderungen im Auge vorkommen, kann eine augenärztliche Untersuchung zur Diagnose beitragen.

Eine Heilung ist bisher nicht möglich. Sämtliche Therapieansätze zielen darauf ab, die Flecken zu verkleinern oder weniger sichtbar zu machen. So bedeutet jede Repigmentierung für Betroffene einen Erfolg, der von Ärzten häufig unterschätzt wird. Die Betroffenen sprechen individuell sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Behandlungen an, so dass eine Therapieempfehlung nur eingeschränkt möglich ist. Vor- und Nachteile jeder Therapie sollten gemeinsam mit dem Patienten besprochen und abgewogen werden. Erschwerend kommt hinzu, dass gesetzliche und private Krankenkassen in den meisten Fällen keine Kosten übernehmen.

 

Ansprechpartner der Selbsthilfe Der Deutsche Vitiligo Verein e. V. Hamburg setzt sich für die Finanzierung von Forschungs- und Behandlungsprojekten von Vitiligo ein. Mitglieder erhalten halbjährlich die Zeitschrift DVV® Vitiligo-Information, die aktuelle Therapien und Forschungsarbeiten über Vitiligo beinhaltet. Zudem sind spezialisierte Kliniken aufgeführt. Des Weiteren organisiert der Verband regelmäßig Treffen mit Ärzten und Wissenschaftlern, die in ihren Vorträgen über aktuelle Entwicklungen referieren.

Deutscher Vitiligo Verein Hamburg e. V, Friedensallee 27, 25436 Tornesch, Telefon (0 41 22) 96 00 90 oder (040) 57 86 90, Fax (0 41 22) 96 00 91, www.vitiligo-verein.de

Der Vitiligo-Bund informiert Betroffene über die Krankheit, die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und die neuesten Erkenntnisse der Forschung. Weiterhin setzt er sich für den Aufbau eines Selbsthilfenetzwerks in Deutschland ein, unterstützt neue Selbsthilfegruppen mit Informationsmaterial und hilft bei der Organisation von Treffen und Vorträgen und bei der Erstellung einer Website. Der Bund ist Veranstalter des Deutschen Vitiligo-Tags und stellt Kontakte zu Kliniken, Fachärzten, Wissenschaftlern und Unternehmen her. Weitere Informationen unter www.vitiligo-portal.de.

 

Licht soll Melanozyten anregen

Die systemische PUVA-Therapie mit 8-Methoxypsoralen oder Trimethylpsoralen gilt als wirksamste Behandlung der Vitiligo, solange noch Melanozyten vorhanden sind (1). Bei 60 Prozent der Patienten bessern sich die Flecken im Gesicht und am Hals. Schlechter sind die Ergebnisse an Händen und Füßen. Die Erfolge sind bei Patienten mit dunklem Hauttyp meist ausgeprägter als bei helleren. Die Therapie erfordert eine konsequente Bestrahlung zweimal wöchentlich. Ein erster Erfolg kann nach 30 bis 40 Behandlungen erwartet werden. In manchen Fällen sind 100 bis 300 Behandlungen nötig, um eine Repigmentierung zu erzielen. Möglicherweise regt PUVA die verbliebenen Melanozyten in Vitiligoherden oder in Rändern der Läsionen zu Hypertrophie und Proliferation an. Nach Absetzen der Therapie können Rezidive auftreten.

Anstelle von PUVA kommt auch die systemische Gabe von Phenylalanin (PAUVA) oder Khellin (KUVA) mit nachfolgender UVA-Bestrahlung infrage (12). Vorteilhaft ist die fehlende Phototoxizität (1). Die Wirksamkeit wird unterschiedlich beurteilt; Langzeitstudien gibt es nicht. Darüber hinaus sind weder Khellin noch Phenylalanin offiziell zugelassen für die Photochemotherapie.

Die Einnahme von Betacaroten führt zu gelblich-orangefarbener Tönung der Haut durch Ablagerung in der Hornschicht. Die Therapie beginnt mit drei- bis fünfmal 25 mg täglich und wird nach circa fünf Wochen auf ein- bis zweimal täglich 25 mg reduziert. Bei Leber- und Nierenschäden ist die Anwendung kontraindiziert.

Gestützt auf die Radikalentheorie werden antioxidative Substanzen eingesetzt. Eine Begleitbehandlung ist zum Beispiel mit Selen (100 μg pro Tag) und Vitamin E (400 mg täglich) möglich.

Es ist bekannt, dass Licht der Wellenlänge 311 nm eine gute Pigmentierung der weißen Areale anregt. Das Licht stimuliert die Hypophyse, mehr Pigment bildendes Hormon zu produzieren. Darüber hinaus wandern Melanozyten aus den Haarfollikeln oder der umgebenden gesunden Haut in die weißen Flecken ein. Die Behandlung erfolgt circa dreimal in der Woche in einer Ganzkörper-Lichtkabine, die mit UVB 311 nm-Röhren ausgestattet und als Heimtherapie möglich ist. Generell ist mit einer Behandlungsdauer von sechs bis zwölf Monaten zu rechnen. Eine Repigmentierung gelingt oft besonders erfolgreich im Gesicht und am Körper. Vitiligoherde an Händen oder Füßen sprechen dagegen seltener auf die Bestrahlung an.

Für kleinere Stellen kommt die äußerliche Anwendung von 8-Methoxypsoralenlösung und nachfolgende UVA-Bestrahlung infrage. Alternativ können auch Khellin- oder Vitamin-D-haltige Salben (Psorcutan®, Curatoderm®, Silkis®) aufgetragen werden (12). Bei der Bade-PUVA-Therapie wird der Wirkstoff ins Badewasser gegeben.

Laser gegen Vitiligo

Neu auf dem Gebiet der Lichttherapie ist die Excimer-Laser-Behandlung, die in den USA seit Mai 2001 von der FDA (Food and Drug Administration) zur Behandlung der Vitiligo zugelassen ist. Betroffene Hautstellen werden punktuell mit UV-Licht der Wellenlänge 308 nm bestrahlt. Die Lasertherapie hat gegenüber der herkömmlichen UV-Lichttherapie den Vorteil, dass gesunde Haut verschont bleibt und so die Gesamtkörperlichtbelastung reduziert werden kann. Zudem penetriert Licht der Wellenlänge 308 nm in tiefere Schichten der Haut als herkömmliche UVB-Strahlung mit 311 nm (13). Auch diese Behandlungsmethode spricht nicht an allen Körperstellen gleich gut an. Während in der Körpermitte und im Gesicht bis zu 90 Prozent Repigmentierung erreicht werden kann, ist dies an Unterarmen und Beinen nur bei 5 bis 30 Prozent der Fall (14). Die Therapie erfolgt in der Regel ein- bis zweimal in der Woche. Insgesamt ist mit 20 bis 25 Sitzungen zu rechnen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Dunklere Haut reagiert deutlich besser als helle, kleine Herde besser als große, neue besser als schon lang bestehende. Bei Kindern ist eine höhere Repigmentierungsrate möglich (15).

Topische Therapie

Zu den herkömmlichen immunsupprimierenden Therapien gehört der lokale Einsatz von Corticoiden. Mit Hydrocortison, Triamcinolon oder Betamethason, zumeist in Verbindung mit Dimethylsulfoxid (DMSO), wurde bei kleineren Vitiligoherden und bei Kindern eine Repigmentierung in 10 bis 84 Prozent der Fälle erzielt (1). Nebenwirkungen wie Hautatrophie oder Steroidakne schränken die topische Langzeitanwendung von Glucocorticoiden ein.

Bei ausgedehnter Vitiligo und dunkelhäutigen Patienten mit unbefriedigender Repigmentierung kommt eine Depigmentierung der Restherde normaler Haut in Betracht. Cremes mit 20 Prozent Hydrochinon-monobenzylether werden speziell angefertigt und zweimal täglich drei bis zwölf Monate lang aufgetragen (12). Die Depigmentierung ist irreversibel. Als unerwünschte Wirkungen können Brennen und Juckreiz, bei einem von sieben Patienten auch eine allergische Kontaktdermatitis auftreten (1).

Seit kurzem setzen manche Therapeuten Tacrolimus lokal zur Behandlung der Vitiligo ein. In zwei nicht kontrollierten Fallbeobachtungen an einem und sechs Patienten wurden Repigmentierungsraten zwischen 25 und 100 Prozent beobachtet (16, 17). Die Mediziner verabreichten Tacrolimus-Salbe in einer Konzentration von 0,1 Prozent zweimal täglich. Vorteil des Wirkstoffs gegenüber Corticosteroiden ist, dass er keine Hautatrophie auslöst, womit auch eine Anwendung in sensiblen Bereichen wie im Gesicht möglich wird. In einem Fallbericht wurde eine 95-prozentige Repigmentierung nach einer kombinierten Schmalband-UVB/Tacrolimus-Therapie beobachtet (17). Von einer Kombination von photochemischen Therapien mit topischem Tacrolimus wird gegenwärtig jedoch abgeraten.

Mithilfe von speziellen wasserfesten Make-ups (zum Beispiel Dermacolor®, Dermablend®) lassen sich Hautunregelmäßigkeiten effektiv abdecken. Einzelne Krankenhäuser und Visagisten bieten Seminare zum Erlernen der Camouflagetechnik an.

Zur Pflege von Vitiligohaut steht ein Gel zur Verfügung (zum Beispiel Vitix®), das die Pigmentierung anregen soll. Das Kosmetikum enthält die antioxidativen Enzyme Katalase und Superoxiddismutase (SOD), die nach Angaben des Herstellers, die Wirkung von UV-Therapien beschleunigen sollen.

Pigmentzellen anzüchten

Bei der Methode der autologen Melanozytentransplantation werden gesunde körpereigene Pigmentzellen isoliert und im Labor auf ein Vielfaches angezüchtet. Die weißen Hautareale werden lokalanästhetisch betäubt und die Oberhaut mit einem Schleifgerät oder einem Laser entfernt. Im Anschluss werden die gezüchteten Pigmentzellen mit einer Haftsalbe aufgetragen. Innerhalb von sechs bis zwölf Wochen ist das Wachstum der neuen Pigmentzellen zu erwarten. Jedoch ist die Methode nur bei einer stabilen Vitiligo indiziert. Die Maximalgröße der Areale sollte 300 cm2 nicht überschreiten. Eine anschließende Bestrahlung mit UVB 311 nm oder Excimer-Laser ist zur Optimierung des Behandlungserfolgs möglich.

Für alle Behandlungsmethoden gilt, dass der Erfolg nicht immer erhalten bleibt. Es gibt immer Patienten, die einen neuen Krankheitsschub erleben müssen. Dies kann bislang nur mit Glucocorticoiden verhindert werden.

Keine Angst vor Sonne

In der Vergangenheit rieten Mediziner Vitiligopatienten häufig, Sonne zu meiden. Dies ist heute nicht mehr gültig. Im Gegenteil, heute empfehlen Ärzte ihren Patienten, sich der Sonne auszusetzen. Vorraussetzung ist jedoch ein ausreichender Sonnenschutz. Einzelne Ärzte halten sogar eine leichte Rötung der weißen Flecken für erstrebenswert.

Studien zufolge haben Vitiligopatienten trotz funktionsloser oder fehlender Melanozyten kein höheres Risiko, an den häufigsten sonneninduzierten Hautkrebsen wie dem Basalzell- und dem Stachelzellkarzinom zu erkranken (19). Eine Erklärung könnte das Tumorsuppressorgen p53 liefern, das in hoher Konzentration bei Betroffenen vorliegt und sie vor diesen „hellen“ Hautkrebsarten schützen könnte (20). P53 schützt jedoch nicht vor schwarzem Hautkrebs. Das Risiko an einem Melanom zu erkranken, ist bei Vitiligopatienten erhöht.

Hoffnung auf Heilung

Kürzlich konnten Forscher Gene identifizieren, die an der Entstehung von Vitiligo beteiligt sind. Sie entwickelten einen Wirkstoff, der demnächst in ersten klinischen Studien auf seine Wirksamkeit getestet wird. Eine mögliche Markteinführung des Medikaments wird jedoch nicht vor 2009 erwartet.

Andere Wissenschaftler arbeiten an einer Creme, die Pseudokatalase, ein der natürlichen Katalase nachgeahmtes, aber in der Effektivität verbessertes Enzym enthält, das H2O2 abbaut. Schwierigkeiten bereitet jedoch die ungenügende Penetration des Enzyms durch die Haut.

Die Expression von IL-12 ist in den Hautflecken von Vitiligopatienten statistisch signifikant höher als bei gesunden Kontrollpersonen. Dies könnte ein Hinweis auf die mögliche Beteiligung des Interleukins an der Pathogenese sein. Sollte sich diese Vermutung in Studien bestätigen, wäre eine Therapie mit Antikörpern gegen IL-12 denkbar.

Nach der Beobachtung eines kanadischen Ärzteteams zeigte ein Vitiligopatient, der mit hohen Dosen Simvastatin behandelt wurde, eine deutliche Regression der Erkrankung (21). HMG-CoA-Reduktase-Hemmer senken nicht nur Blutfette, sondern sollen ebenfalls immunsuppressiv wirken. Diese Beobachtung würde nicht nur die Autoimmunhypothese bestärken, sondern könnte einen weiteren Ansatzpunkt für die Behandlung der Vitiligo bedeuten.

 

Interview: Die Therapie beginnt im KopfViele Kranke suchen den Kontakt zu anderen Betroffenen. Der Gründer und Vorsitzende der Vitiligo-Selbsthilfegruppe Rhein-Main, Markus Nickel, schildert seine Erfahrungen mit der Erkrankung und in der Selbsthilfegruppe.

PZ: Wie reagierte Ihr Umfeld, als bei Ihnen die ersten Zeichen der Erkrankung sichtbar wurden?

Nickel: Ich leide an einer fortschreitenden Vitiligo, die sich nur langsam weiterentwickelt. Als die Krankheit im Alter von 15 Jahren ausbrach, waren nur wenige weiße Hautpartien an Händen und am Körper sichtbar. Deshalb hatte ich in der Schule keine Schwierigkeiten. Dennoch befürchtete ich, dass jeder meine weißen Flecken sofort wahrnehmen und mich als andersartigen Menschen ansehen würde.

PZ: Was war der Auslöser für die Gründung einer Selbsthilfegruppe?

Nickel: Eine Zeit lang litt ich persönlich sehr stark unter Vitiligo. Von den Ärzten fühlte ich mich allein gelassen. Häufig musste ich mir anhören: „Das ist keine wirkliche Krankheit. Da kann man nichts machen. Wenn Sie wollen, können Sie die betroffenen Stellen mit Camouflage abdecken oder ich kann Ihnen Blut abnehmen.“ Ich kam mir überhaupt nicht ernst genommen vor. Ich wollte irgendwas bewegen, vor allem aber mir selbst helfen. 1990 gründete ich dann die Selbsthilfegruppe.

PZ: Kommen in die Selbsthilfegruppe Patienten, bei denen Vitiligo stark ausgeprägt ist, zum Beispiel im Gesicht? Wie gehen sie mit der Erkrankung um?

Nickel: Bei den Menschen, die stark betroffen sind, gibt es zwei Gruppen. Der kleinere Teil beschäftigt sich nicht so sehr mit der Erkrankung. Sie kommen gut damit zurecht. Und dann gibt es eine recht große Gruppe von Betroffenen, die sich nicht mit Vitiligo abfinden will und kann. Ich denke insbesondere an Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe. Diese Leute haben sehr große Probleme, weil sie auf der Straße angesprochen werden.

PZ: Sind bei den Treffen auch Familienmitglieder anwesend?

Nickel: Ja, insbesondere Eltern mit Kindern, die an Vitiligo erkrankt sind. Kinder leiden ganz besonders unter ihrer Krankheit, wenn sie von Mitschülern gehänselt und ausgegrenzt werden. Oft sind Selbsthilfegruppen für betroffene Familien die einzige Anlaufstelle.

PZ: Mit welchen Vorurteilen sehen sich die Patienten konfrontiert?

Nickel: Es handelt sich weniger um Vorurteile als um Ängste, die aus Unwissenheit resultieren. Häufig geht das Umfeld davon aus, dass man einen Pilz hat. Ich habe von einem Patienten gehört, der die Sauna deshalb verlassen musste. Manchmal wird man auch angepöbelt.

PZ: Wie verhält sich ein Betroffener am besten in einer solchen Situation?

Nickel: Der Regelfall ist leider so, dass man zunächst sprachlos ist, wenn man rüde angesprochen wird. Besser ist es, den Kontakt zu suchen und zu erklären, woran man leidet. Ich rate auch jedem dazu, sein Umfeld über die Erkrankung zu informieren. Das erleichtert unheimlich.

PZ: Der Verdacht des Geschäftemachens drängt sich bei manchen Therapieformen auf, die im Internet angepriesen werden. Wie schätzen Sie das ein?

Nickel: Das ist eine Gratwanderung. Für Vitiligotherapien gibt es in der Regel keine oder wenige Studien. Insgesamt forschen auch nur sehr wenige Wissenschaftler auf dem Gebiet.

PZ: Was wünschen Sie sich für die Patienten?

Nickel: Ich wünsche mir in erster Linie Aufklärung. Wir haben eine Krankheit, die keiner ernst nimmt, weil wir nicht körperlich darunter leiden – wohl aber psychisch. Die Menschen sollten wissen, was Vitiligo ist und damit umgehen können. Die Betroffenen sollten sich nicht mehr vor Blicken oder unangenehmen Fragen verstecken müssen. Zum anderen wünsche ich mir ein Medikament gegen Vitiligo. Aber ich glaube, der erste Schritt ist der wichtigere. Sich zu Hause zu verstecken, ein Mittel auf die Haut aufzutragen und zu hoffen, dass es besser wird, ist nicht wirklich eine Therapie. Die Therapie beginnt im Kopf.

  • Kontakt: Vitiligo Selbsthilfegruppe Rhein-Main, Markus Nickel, Martinstraße 19, 64285 Darmstadt, Fax: (01 21) 25 18 25 30 29, Telefon: (0 61 51) 99 42 42, www.vitiligo-rhein-main.de.

 

Literatur

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Die Autorin

Anke Pfleger studierte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Pharmazie und erhielt im Januar 2002 ihre Approbation. Nach dem praktischen Jahr in einer öffentlichen Apotheke arbeitete sie als Apothekerin in der Hirsch-Apotheke in Wiesbaden, bevor sie im November 2003 ihr Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung begann.

 

Anschrift der Verfasserin:
Anke Pfleger
Carl-Mannich-Straße 26
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pfleger@govi.de

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