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Ansatzpunkte für die Therapie

23.11.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

NEURODERMITIS

Ansatzpunkte für die Therapie

Circa zweieinhalb Millionen Menschen in Deutschland leiden an Neurodermitis. Die Zahl der Erkrankungen steigt jährlich um mindestens sieben Prozent. Das atopische Ekzem bildet mit anderen atopischen Erkrankungen wie der Rhinokonjunktivitis allergica und dem Asthma bronchiale allergicum eine Trias, sagte Dr. Regina Fölster-Holst, Kiel, während der wissenschaftlichen Fortbildung der Apothekerkammer Schleswig-Holstein am 8. November 1998 in Damp.

Fölster-Holst sprach von genetisch bedingten, IgE-vermittelten Überempfindlichkeitsreaktionen auf bestimmte Umweltfaktoren, die sich in diesen Krankheiten manifestieren. Zu 80 Prozent tritt das Leiden bereits in den ersten zwei Lebensjahren auf, doch zeigt letztendlich erst der Verlauf der Erkrankung, ob eine Neurodermitis vorliegt, so die Referentin, die als Kriterien Juckreiz, typische Morphologie und Verteilung sowie das Auftreten von Rezidiven nannte.

Die Neurodermitis ist keine Nahrungsmittelallergie, doch reagieren circa 20 Prozent der erwachsenen Neurodermitiker auf Nahrungsmittel wie Ei, Milch, Nüsse, Soja, Getreide, betonte Fölster-Holst. Pauschale Diäten seien sinnlos, nur mit einer speziellen Eliminationsdiät lasse sich gegebenenfalls ein Effekt erzielen.

Harnstoff zur Verbesserung der Wasserbindungskapazität

Bei der Neurodermitis ist nicht nur die Reservoir-, sondern auch die Barrierefunktion der Hornschicht sowie das Verhältnis der Lipide zwischen den Hornzellen gestört, betonte Professor Dr. Wolfgang Wohlrab aus Halle. Die Wasserbindungskapazität der Haut ist gering, so der Referent, der die Bedeutung von Harnstoff als Moisturizing-Faktor beim atopischen Ekzem hervorhob. Der Wirkstoff, der zur Keratolyse und Hydratisierung des Stratum corneum führt, besitze einen antipruriginösen Effekt und antibakterielle Wirksamkeit, zudem wirke er nicht allergisierend.

In der externen Therapie der Neurodermitis komme Harnstoff eine immer wichtigere Rolle aufgrund verbesserter Kenntnisse der Eigenschaften und der Pharmakokinetik zu. Der Referent verwies auch auf die verbesserte Hydrocortison-Penetration durch Harnstoff. So könne man mit geringeren Hydrocortison-Konzentrationen den gleichen therapeutischen Effekt erreichen. Generell käme in der Dermatologie der Grundlage im Vergleich zum Wirkstoff immer mehr Bedeutung zu.

Topische Steroide sind Mittel der Wahl

Von der gestörten Barriere, die sich schon makroskopisch zeigt, sprach auch Privatdozent Dr. Dietrich Abeck, München. Auch er hob die Bedeutung wirkstofffreier Grundlagen und Ölbäder als Basisbehandlung zur Wiederherstellung der gestörten Barrierefunktion hervor. In seiner Klinik werde seit vier Jahren nicht mehr mit Harnstoff gearbeitet, da Kleinkinder das Brennen des Wirkstoffes nicht tolerieren.

Topische Corticoide, speziell Prednicarbat, Hydrocortisonaceponat und Mometasonfuroat, seien noch immer Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der Entzündung. Die Haut sei unmittelbar nach dem Ölbad besonders aufnahmebereit. Patienten sollten das Präparat möglichst abends aufgetragen, da der Juckreiz dann am stärksten ist, so Abeck. Als nichtsteroidales Antiphlogistikum komme trotz Auftreten schwerster Kontaktekzeme in ein bis zwei Prozent der Fälle Bufexamac zum Einsatz, sagte der Referent, der als Alternative auch die Teer- und Ammoniumbituminosulfat-haltigen Externa erwähnte.

Cephalosporine und Gentianaviolett gegen S. aureus

Staphylococcus aureus gehört bei Neurodermitis zur Hautflora, so Abeck. Er sprach von einer großen Assoziation des Erregers mit dem atopischen Ekzem. Cephalosporine der ersten Generation wie Cefalexin und Cefadroxil könnten als Mittel der Wahl zur systemischen Therapie eingesetzt werden. Die lokale Applikation von Gentianaviolett 0,3 Prozent bessere die Neurodermitis und korreliere mit der Abnahme der Keimzahl von Staphylococcus aureus. Als Alternative könne die Haut unter anderem mit Triclosan und Chlorhexidin gepflegt werden. Man wisse noch zu wenig über die Nebenwirkungen der UV-A1-Therapie, deshalb könne diese nicht als Standard bei Kindern gelten.

Eine deutliche Besserung der Neurodermitis-Symptome und eine Reduktion der Keimzahl sei mit feuchten Umschlägen unter Zusatz von 0,5 Prozent Chlorhexidin zu erzielen. Moderne Antihistaminika wie Cetirizin, Loratadin und Terfenadin "bringen wenig oder gar nichts", so Abeck. Aufgrund ihrer sedierenden Wirkung zeige der Einsatz von Doxylamin, Dimetinden und Hydroxyzin mehr Erfolg. Es sei Aufgabe des Arztes, auf die jeweiligen Bedürfnisse des Patienten einzugehen.

Revolution in der Dermatologie durch Einsatz von FK 506

Von einem ständigen Dialog zwischen Immunsystem und Psyche sprach Professor Dr. Thomas Bieber, Bonn, der die Präsenz von IgE-Molekülen und hochaffinen IgE-Rezeptoren an epidermalen Langerhans-Zellen als Ausgangspunkt einer neuen wissenschaftlichen Theorie schilderte. Bieber verwies auf die Rezeptor-vermittelte Neu-Synthese und Freisetzung zahlreicher Entzündungsmediatoren. Die Rezeptor-Expression korreliere mit dem IgE-Spiegel im Blut.

Um die Aktivität der Langerhans-Zellen zu hemmen, sollten Allergene gemieden werden. Die konsequente Sanierung von Teppichböden und Möbeln, die von Hausstaubmilben besiedelt sind, könne den Schweregrad einer Neurodermitis signifikant verbessern. Die Langerhans-Zellen könnten außerdem durch UVB-Bestrahlung und Steroide positiv beeinflußt werden.

Mit einer Revolution in der Dermatologie sei durch den Einsatz der Makrolide und Immunsuppressiva FK 506 und SDZ ASM 981 zu rechnen. FK 506, erstmals vor zehn Jahren aus Streptomyces tsukubaensis isoliert und als Tacrolimus zur Behandlung einer manifesten Transplantatabstoßung nach Nierentransplantation im Handel, könne ein atopisches Ekzem hemmen. Studien zeigen, daß die Rezeptor-Expression durch FK 506 komplett herabreguliert wird, so Bieber. Er betonte, daß es durch die topische Therapie mit FK 506 auch zu einer kompletten Remission der Hautveränderungen im Gesicht- und Halsbereich komme.

Trotz möglicher Nebenwirkungen wie Herpes-Infektionen und Brennen der Haut bei erstmaliger Applikation sei mit positiven Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen zu rechnen. Als mögliche weitere Indikationen neben der Neurodermitis nannte Bieber Psoriasis vulgaris, chronisches Ekzem, Alopecia areata und Lichen ruber planus. Langzeiteffekte blieben abzuwarten, räumte der Referent ein. Man müsse noch lernen, mit der Substanz umzugehen.

Streß-Management-Methoden

Betroffene wünschen sich mehr Verständnis, Sensibilität und Rücksicht, auch von den behandelnden Ärzten. Das zeigte ein Rollenspiel mit Betroffenen. Die Psychologin, Professor Dr. Gabriele Niebel, Kiel, zeigte auf, daß Neurodermitis-Patienten unter Attraktivitätsverlust leiden und die negativen Reaktionen anderer fürchten. Die Erkrankung habe Auswirkungen auf Haushaltsführung, Mobilität, soziale Interaktionen, Freizeit, Arbeit, Partnerschaft und Sexualität.

Der Patient müsse lernen, mit Streß umzugehen. Er müsse Selbstvertrauen gewinnen, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit reduzieren, Aberglaube und Schuldgefühle abbauen und auf Rückfälle vorbereitet sein. Niebel stellte verschiedene Komponenten der Schulungsprogramme vor, zum Beispiel Progressive Muskelentspannung sowie Streß-Management-Methoden, die sich auch bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern bewährt hätten.

Eine hohe Hauttemperatur, hohe Umgebungstemperaturen, Feuchtigkeit und Schwitzen, Veränderung der Blutzirkulation, niedrige Adrenalinsekretion, Mangel an körperlicher Aktivität, langes Sitzen und Arzneimitteleinnahme sind objektive Bedingungen, die die Juckreizschwelle senken können, sagte Niebel. Depressive Stimmungslage, Müdigkeit, psychisches Trauma, chronischer Streß, Konfrontation mit belastender Thematik, unstrukturierte Aufgabenstellung, mentale Belastung sowie Aufmerksamkeitslenkung auf die Haut seien subjektive Faktoren, die dazu führen, daß Neurodermitiker leichter einen Juckreiz empfinden.

PZ-Artikel von Christiane Berg, Damp

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