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16.11.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Europäische Initiativen für die pharamzeutische Praxis

Bei der Weiterentwicklung der europäischen Pharmazie sollte die Apothekerschaft ihre Aktivitäten im öffentlichen Gesundheitswesen intensivieren, ohne dabei ihre Hauptaufgabe, die Sicherstellung und Optimierung der Arzneimittelversorgung, tangieren zu lassen.

Mit dieser programmatischen Kernaussage schloß der neugewählte Präsident Hans-Günter Friese die Jahrestagung des EuroPharm Forums, zu der Apotheker aus 33 europäischen Ländern Anfang November in Kopenhagen zusammengekommen waren. Als Bindeglied zwischen Wissenschaft und pharmazeutischer Praxis rückt EuroPharm Forum, das mit Unterstützung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) arbeitet, zunehmend in das Interesse der europäischen Gesundheitspolitik.

Nach vierjähriger Mitarbeit im Vorstand von EuroPharm Forum wurde ABDA-Präsident Friese für zwei Jahre zum Präsidenten der europäischen Apothekerorganisation gewählt. Dem neuen Vorstand werden ebenfalls angehören: Maja Jaksevac-Miksa, Kroatien, Reijo Purasmaa, Finnland, Dirk Broeckx, Belgien, Colette McCreedy, Großbritannien, Suzete Costa, Portugal, Mary Ann Sant Founier, Malta.

Unter dem Titel "Health 21" hat die WHO ihr gesundheitspolitisches Programm für Europa formuliert. Dr. J. E. Asvall, der Direktor des WHO-Regionalbüros Europa, erläuterte in Kopenhagen die wesentlichen Inhalte dieser "Health For All Policy" sowie die 21 Ziele, mit denen ein Aktionsrahmen für die Gesundheitspolitik im 21. Jahrhundert definiert wurde. Schlüsselforderungen sind Solidarität und Chancengleichheit für alle Mitgliedstaaten wie für alle europäischen Bürger. Asvall rief zu engerer Kooperation zwischen den europäischen Regierungen, Gesundheitsberufen und deren Berufsverbänden sowie den Universitäten auf.

Eine erste konkrete Zusammenarbeit könnte sich für EuroPharm Forum in einer EU-Studie zur Qualitätssicherung in der Gesundheitsförderung, in dem Allgemeinärzte und Apotheken einbezogen werden sollen, ergeben. Konzeption und Ziele stellte der Leiter des EU-Projektes, Professor Dr. Jürgen Pelikan, Wien, vor. Als eines der Hauptziele des bis Ende 2000 geplanten Projektes nannte er die Erarbeitung europäischer Leitlinien und Empfehlungen für die Implementierung der Gesundheitsförderung in öffentlichen Apotheken. Aufgrund der bereits vorhandenen vielfältigen Aktivitäten in diesem Bereich sieht Pelikan den Schwerpunkt des Projektes darin, durch Koordination nationaler und internationaler Initiativen Ressourcen zusammenzuführen und Synergien zu erschließen.

Großes Interesse fanden die von EuroPharm Forum erarbeiteten Projekte:
  • Fünf Fragen zum Arzneimittel
  • Good Pharmacy Asthma Services
  • Diabetesmanagement PharmaDiaß
  • Hochdruckmanagement CINDI
  • Raucherentwöhnung

Die Programme zu Bluthochdruck und Raucherentwöhnung wie auch die pharmazeutische Ausbildung standen im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Teils der Tagung.

Eine lebhafte Diskussion löste das Thema Raucherentwöhnung aus. Nachdem der WHO-Aktionsplan für ein tabakfreies Europa vorgestellt worden war, erörterte die Leiterin des EuroPharm Forum-Raucherprogramms die Möglichkeiten, wie sich Apothekerinnen und Apotheker sowie deren Berufsorganisationen hier engagieren können. Im Kern ging es darum, inwieweit sich Apotheker für eine Intervention einsetzen sollen, deren Umsetzung weit überwiegend aus verhaltenstherapeutischen, also nichtmedikamentösen Maßnahmen besteht, für die Apotheker nicht ausreichend qualifiziert sind. Entgegengehalten wurde dieser Argumentation der Aspekt der Gesundheitsaufklärung zur Vermeidung von Krankheitsrisiken, wie kardiovaskulären Folgeerscheinungen, wobei Apotheker eine wichtige Rolle spielen können. Handlungsbedarf läßt sich allein aus statistischen Angaben herleiten, nach denen während des nächsten Jahrzehntes mehr als zwölf Millionen Todesfälle, die auf Tabakrauchen zurückzuführen sind, erwartet werden.

Die Zusammenarbeit von EuroPharm Forum und dem WHO-Programm CINDI (Countrywide Integrated Noncommunicable Disease Intervention) hat zwischenzeitlich zu einem gemeinsamen Projekt zur Verbesserung des Hochdruckmanagements durch Einbeziehung der öffentlichen Apotheke geführt. Auf der Kopenhagener Tagung wurden die umfangreiche Konzeption sowie Leitlinien, wie das Programm in der Apotheke umgesetzt werden kann, vorgestellt und verabschiedet. Unterschieden werden darin drei Ebenen: Prävention durch angemessenen Lebensstil, Identifizierung von Hochdruckpatienten und Therapiemanagement. Die Umsetzbarkeit der Projektergebnisse in die pharmazeutische Praxis soll mit einer Pilotstudie in verschiedenen europäischen Ländern geprüft werden.

Inwieweit die pharmazeutische Ausbildung ausreichende Grundlagen für eine stärker dienstleistungsorientierte Berufsausübung in der pharmazeutischen Praxis schafft, war Gegenstand eines intensiven Positions- und Gedankenaustausches. Vorträge über die Ausbildungssituation in verschiedenen Ländern Europas sowie ein Vorschlag zur Verankerung der Pharmazeutischen Betreuung während der universitären Ausbildung schufen hierfür die Grundlage. Als Beispiel einer "Erfolgsgeschichte" trug Dr. Christiane Eckert-Lill, ABDA-Geschäftsbereich Pharmazie, die laufenden Vorarbeiten zur Novellierung der deutschen Approbationsordnung vor. Als Resultat der intensiven Diskussionen einigten sich die Ländervertreter auf ein Konzept für eine gemeinsame Erklärung, die von den Gremien von EuroPharm Forum noch ausgearbeitet und verabschiedet werden muß.

In einer Posterausstellung nahm die ABDA die Gelegenheit wahr, einen Überblick über die deutschen Projekte zur Implementierung der Pharmazeutischen Betreuung zu geben. Dr. Bettina Wick vom ABDA-Geschäftsbereich Pharmazie erläuterte den zahlreichen Interessenten Details der derzeit laufenden 13 Studien.

PZ-Artikel von Susanne Hof, Kopenhagen

 

PZ-INTERVIEW

Pharmazeutische Basisarbeit auch
in Europa einbringen

Deutsche Pharmazeuten und Berufspolitiker sind seit Jahren auch in den Gremien der europäischen Organisationen in leitenden Funktionen tätig. Dr. Dieter Steinbach war Präsident der FIP (Fédération internationale pharmaceutique), Professor Dr. Ernst-Dietrich Ahlgrimm stand an der Spitze des Zusammenschlusses der Apotheker in der europäischen Union (ZAEU). Jetzt ist ABDA-Präsident Hans-Günter Friese als erster Deutscher zum Präsidenten des EuroPharm Forums gewählt worden (siehe PZ 46, Seite 24). Die PZ fragte, welche Aufgaben und Ziele er im neuen Amt sieht.

PZ: Herr Friese, herzlichen Glückwunsch zur Wahl. Welche Ziele hat das Europharm Forum?

Friese: EuroPharm Forum ist ein Zusammenschluß von 33 nationalen pharmazeutischen Organisationen und der Regionaldirektion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kopenhagen. Die Organisation versucht insbesondere für die westeuropäischen Länder das pharmazeutische Berufsbild weiterzuentwickeln und den Apotheker als Arzneimittelexperten auch im öffentlichen Gesundheitsdienst zu positionieren. Den mittel- und osteuropäischen Ländern bieten wir unser Know-how an, um ihnen beim Auf- und Ausbau der Strukturen für eine gute Arzneimittelversorgung zu helfen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit ist es, das öffentliche Bewußtsein für bestimmte Volkskrankheiten zu schärfen. In Arbeitsgruppen, den "task forces", werden Projekte erarbeitet, wie Patienten und Kunden über die Apotheken und das pharmazeutische Tun besser zum Beispiel mit Diabetes oder Asthma umzugehen lernen.

PZ: Warum haben Sie bei einem derzeit schon vollgepackten Terminkalender dieses weitere Amt angenommen?

Friese: Die Arbeit im Vorstand in den vergangenen vier Jahre hat mir gezeigt, daß es außerordentlich wichtig ist, die Berufspolitik auch auf europäischer Ebene mit zu gestalten und die Verantwortung des Apothekers in diesem System zu betonen. Wir haben in Deutschland viel geschafft und geschaffen, was den Bewußtmachungsprozeß der pharmazeutischen Leistungen in der Bevölkerung angeht und was auch das ABDA-Konzept zur Verbesserung der Arzneimittelversorgung durch den Apotheker angeht. Das muß auch auf europäischer Ebene eingebracht werden.

PZ: Auf welche Unterstützung können Sie zurückgreifen?

Friese: Ich stütze mich natürlich auf den Vorstand von Europharm Forum, auf die Task-force-Manager, also die Arbeitsgruppenleiter, sowie auf das exzellent arbeitende Generalsekretariat in Kopenhagen. Hier werden die Sitzungen hervorragend vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet. Inhaltlich und politisch-organisatorisch werde ich selbstverständlich von der ABDA unterstützt - hier insbesondere von der Arzneimittelinformationsstelle und das Brüsseler Büro.

PZ: Haben Sie für die nächsten zwei Jahre Ihrer Amtszeit ein spezielles Programm?

Friese: Zunächst werde ich die bisher gute Arbeit weiterführen. Dann werden wir versuchen, zu den bisher 33 Mitgliedern weitere Länder der insgesamt 51 in Frage kommenden für das Europharm Forum dazu zu gewinnen. Wir wollen natürlich neue Projekte starten und sehen, daß die Protokolle und Guidelines dann in den Mitgliedsländern auch umgesetzt werden. Wir müssen unsere Ergebnisse auch öffentlich machen. Wir können nur dann erfolgreich politisch agieren, wenn wir über unsere pharmazeutische Basisarbeit sprechen. Insofern wünsche ich mir eine gute Zusammenarbeit zwischen Europharm Forum und dem PCNE, dem "pharmaceutical care network", einer Gruppe von Apothekern, die auf wissenschaftlicher Basis arbeitet und die insbesondere die Pharmazeutische Betreuung fördert. Wir wollen inhaltliche Grundlagen geben für die politische Arbeit in Brüssel, so daß unsere Ergebnisse in die Gesundheitsberichterstattung der EU einfließen können.

Interview von Gisela Stieve, Eschborn

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