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Folsäure und ihre Funktionen: Lebensvitaminvon Anfang an

17.11.1997
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Govi-Verlag

Folsäure und ihre Funktionen: Lebensvitamin von Anfang an

Folsäure, ein Vitamin der B-Gruppe, kommt in außerordentlich kleinen Konzentrationen in praktisch jeder lebenden Zelle vor. Ohne dieses Vitamin wären Zellwachstums- und Zelldifferenzierungsprozesse nicht möglich. Zwei Anwendungsgebiete der Folsäure sind in den letzten Jahren intensiv erforscht worden: Die Folsäuresupplementation um den Zeitpunkt der Konzeption herum zur Prävention der Fehlbildung Neuralrohrdefekt und die Senkung des Homocysteinblutspiegels durch Folsäure zur Vorbeugung einer Arteriosklerose.

Chemisch setzt sich Folsäure (Pteroylglutaminsäure) aus einem Pteridinring, p-Amino-Benzoesäure und einem oder mehreren Glutanmisäureresten zusammen. Die natürlich vorkommenden Folsäuren mit bis zu sieben Glutaminsäureresten werden auch als Folate bezeichnet. Die Folsäure zählt zu den wasserlöslichen Vitaminen.

Der Mensch kann Folsäure nicht synthetisieren und ist deshalb auf die Zufuhr mit der Nahrung angewiesen. Dieses Vitamin ist vor allem in Leber, Niere, Hefe, Keim- und Kleieanteil des Getreides, Nüssen und vielen Gemüsesorten enthalten, während Fleisch, Fisch und die meisten Obstsorten relativ folsäurearm sind. Die Wasserlöslichkeit, Licht- und Hitzeempfindlichkeit der Substanz bedingen erhebliche Zubereitungsverluste. Die in der Nahrung vorkommenden Polyglutamate der Folsäure sind nur zum Teil bioverfügbar. Darum wird der Folsäuregehalt in Folatäquivalenten angegeben und damit die effektiv für den Organismus verfügbare Menge beschrieben.

Folsäure wird im Dünndarm durch aktiven Transport und passive Diffusion aufgenommen und auf alle Gewebe verteilt. Als Hauptspeicherorgan reguliert die Leber die Versorgung anderer Organe. Die Ausscheidung erfolgt mit Harn, Faeces und Galle. Folsäure ist an der DNA-Synthese (Pyrimidine, Purine), am Aminosäurestoffwechsel (verschiedenste Umwandlungen) und am Nervenstoffwechsel (Neurotransmitter-, Myelin- und Phospholipidsynthese) beteiligt. Sie ist damit für Zellteilung sowie Differenzierungs- und Wachstumsprozesse im Organismus essentiell.

Ein Folsäuremangel kann durch ungenügende Zufuhr des Vitamins infolge von Fehl- oder Unterernährung oder Resorptionsstörungen auftreten. Ebenso kann ein erhöhter Bedarf, zum Beispiel bei Wachstumsprozessen, Hämodialyse oder in Schwangerschaft und Stillzeit, die Ursache sein. Auch Pharmaka wie Antiepileptika und Folsäureantagonisten beeinträchtigen die Folsäureversorgung. Ein Folsäuremangel durchläuft verschiedene Stadien bis hin zur megaloblastischen Anämie. Weitere Symptome sind Schleimhautveränderungen im Bereich der Mundhöhle, gastrointestinale Störungen (Durchfälle), Wachstumsstörungen, Herabsetzung der Antikörperbildung, Störung der Fortpflanzung, Auftreten von Mißbildungen sowie in seltenen Fällen ein hirnorganisches Psychosyndrom, Störungen der Pyramidenbahn und Neuropathien.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt Jugendlichen ab 13 Jahren und Erwachsenen eine tägliche Zufuhr von 150 µg Folsäure. Verschiedene Verzehrsstudien haben gezeigt, daß etwa drei Viertel der Bevölkerung nicht die von der DGE empfohlenen Mengen zu sich nehmen, die Versorgung mit diesem Vitamin also kritisch ist.

Folsäure wird zur Therapie und Prävention von Folsäure-Mangelzuständen verschiedener Ursachen eingesetzt. Oral eingenommene Folsäure wird rasch und nahezu vollständig resorbiert. Die therapeutische Breite ist groß und Nebenwirkungen sind nur in Einzelfällen (Allergien) oder bei Anwendung hoher Dosen zu erwarten. Vor der Behandlung einer megaloblastischen Anämie mit Folsäure ist ein Vitamin-B12-Mängel, der die gleiche Blutbildveränderung hervorruft, auszuschließen.

Weil der Organismus für Zellwachstumsprozesse Folsäure benötigt, ist der Bedarf in der Schwangerschaft stark erhöht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt die Folsäurezufuhr auf das Doppelte, also 300 µg zu erhöhen. In der Stillzeit sollte die Mutter 225 µg täglich zu sich nehmen.

Besonders wichtig ist, daß Frauen zusätzlich Folsäure perikonzeptionell einnehmen, das heißt etwa vier Wochen vor und nach der Konzeption. Zahlreiche Studien haben gezeigt, daß dadurch das Risiko für eine Fehlbildung des Neuralrohrs erheblich gesenkt werden kann. Eine gemeinsame Empfehlung der Gesellschaften für Ernährung, Gynäkologie und Geburtshilfe, Humangenetik, Kinderheilkunde und Neuropädiatrie rät zur Vermeidung des Neuralrohrdefekts zusätzlich zur Aufnahme mit der Nahrung perikonzeptionell 0,4mg Folsäure pro Tag in Tablettenform einzunehmen. Frauen mit einer vorausgegangenen Schwangerschaft mit Neuralrohrfehlbildung sollen täglich 4mg Folsäure einnehmen beziehungsweise die derzeit verfügbaren Präparate mit 5mg pro Dosis. Viele Studien belegten, daß Homocystein, ein Stoffwechselprodukt, ein Risikofaktor für Arteriosklerose ist und Folsäure den Homocysteinblutspiegel senken kann. Die Vitamine B6 und B12 wirken sich ebenfalls günstig auf den Homocysteinspiegel aus.

Da die Versorgung mit dem wichtigen Vitamin Folsäure über die Nahrung nicht ausreichend zu sein scheint, wäre eine Anreicherung von Nahrungsmitteln in Erwägung zu ziehen oder, falls das keine Akzeptanz findet, sollten zumindest angereicherte und entsprechend deklarierte Produkte dem Verbraucher auf dem Markt angeboten werden.

PZ-Titelbeitrag von Veronika Egen, München

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