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Scheele-Familie feierte ihren 50. Geburtstag

09.11.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Scheele-Familie feierte ihren 50. Geburtstag

Standing ovations erhielt Professor Dr. Thorsten Beyrich, Greifswald, beim 50. Jubiläum der Scheele-Gesellschaft am 24. Oktober in Rostock, zu der Dr. Thomas Jira als Vorsitzender 200 Gäste begrüßen konnte. Vertreter des mecklenburg-vorpommerischen Ministeriums, der Universität und der Hansestadt Rostock sowie befreundeter Kammern und Vereine, aber auch Repräsentanten der pharmazeutischen Industrie sowie der Pharmazeutischen Institute Greifswald, Jena und Berlin waren in die Aula einer der ältesten deutschen Universitäten gekommen, um im festlichen Rahmen das langjährige Bestehen der traditionsreichen Vereinigung zu würdigen.

Beyrich, der selbst 25 Jahre als Vorsitzender die Scheele-Gesellschaft mitgeprägt hat, ließ die vergangenen Jahre Revue passieren. Ob in Binz, Neubrandenburg, Greifswald, Schwerin, Wismar, Zinnowitz, Klink oder Rostock: Scheele Tagungen sind der Wissenschaft verpflichtet und stehen damit eo ipso auf dem Feld der Tradition, "insofern Wissenschaft von Wiederholbarem lebt, das sich damit als Wahrheit offenbart", betonte der Direktor des Instituts für Arzneimittelkontrolle.

Individuelle und kollektive Identität

Tradition sei eine Kategorie der menschlichen Kultur, die sich zwar unter den jeweiligen Umständen anders ausformt, jedoch eine wichtige Voraussetzung für den Menschen bilde, individuelle und kollektive Identität im Wandel der Zeit zu finden. Die Aufnahme des Überkommenen allerdings zwinge dazu, es im Kontext gegenwärtiger Erkenntnisse zu sehen und somit dem Fortschritt anzupassen, sagte Beyrich. Auch der Apotheker werde seine Existenz nur bewahren können, wenn er einerseits zur Tradition stehe, und andererseits offen sei für die zielgerichtete Erneuerung seines Berufsfeldes im Sinne von Innovation.

Beyrich: "In diesem doppelten Sinne habe wir das Anliegen und die Aufgabe der Scheele-Gesellschaft zu sehen: durch Vermittlung der aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisse die Basis des pharmazeutischen Selbstverständnisses traditionell zu gewährleisten, zugleich aber im Kontext zur Umwelt richtungsweisende Zeichen zu setzen, um den Herausforderungen der Gegenwart gewachsen zu sein".

In den Zeiten vor der Wende, die durch die totalitäre geistige Bevormundung geprägt waren, sollten Scheele-Tagungen "gleichsam Oasen der Erfrischung sein", indem sie doch "Hirn und Herz in gleicher Weise erreichten". Menschliche Beziehungen hätten wachsen können, "eine Scheele-Familie konnte entstehen".

Wandel des Berufstandes

Die Veranstaltungen der Scheele-Gesellschaft und ihre Themen spiegelten den Wandel des Berufstandes wider. Unmerklich habe sich das Schwergewicht von der Erläuterung der Sachqualität des Arzneimittels hin zum Studium der Wirkqualität verschoben. Will der praktische Apotheker heute seiner akademischen Verantwortung gerecht werden, so muß er diesem Tatbestand ins Auge sehen und die Wirkqualität des Arzneimittels in den Mittelpunkt seines Berufsalltags stellen, betonte der Festredner.

Die Fähigkeit, sein solides Fachwissen zur Biochemie des Arzneimittels im lebenden Organismus personenbezogen zu vermitteln, wird seine gesellschaftliche Existenz und Notwendigkeit legitimieren; nicht aber das Festhalten an marktwirtschaftlich fragwürdigen Strukturen eines überkommenen Versorgungssystems, so Beyrich. Optimale Beratung sei eine Aufgabe, der die Person des Apothekers "sozusagen als Pharmakon" nur genügen könne, wenn sie sich auf die jeweils individuelle Persönlichkeit des Patienten einstellt, damit echte Kommunikation und "Heilung als psychosomatisches Ereignis" gelingt.

Faszinierende Entwicklungen

"Bewußt oder unbewußt haben wir alle eine faszinierende Entwicklung durchlaufen", setzte Beyrich fort. Es interessiere nicht mehr nur der Inhaltsstoff einer Droge allein, sondern auch der Weg seiner Biogenese. "Wir sehen den Arzneistoff nicht mehr als statische Gegebenheit, sondern wissen um seine zeitliche Begrenztheit. Die einst stabile Tablette oder Salbe hat zum Zeit-programmierbaren therapeutischen System geführt. Die Kenntnis des Wirkstoff-Rezeptor-Komplexes erst ist das Wissen, das den Wirkstoff zum Arzneimittel werden läßt".

Zukunft lasse sich nicht prognostizieren, sondern nur provozieren. Sicher sei, daß diese Zukunft durch die Datenflut der Multi-Media-Welt von einem Übermaß an Informationen geprägt sein und Aufmerksamkeit somit zur knappsten aller Ressourcen werden wird. Mit Themen, die die Aufmerksamkeit des Apothekers über das Arzneimittel hinaus auf den Menschen richteten, ist es der Scheele-Gesellschaft bereits in der Vergangenheit stets gelungen, Aufmerksamkeit zu wecken, sagte Beyrich. Er setzt auch in der Zukunft auf ein gesundes Gleichgewicht von Tradition und Innovation.

50 Jahre Pharmaziegeschichte

Im Namen des Vorstandes der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft - DPhG, zu der die Scheele-Gesellschaft als Landesgruppe Mecklenburg-Vorpommern zählt, gratulierte Professor Dr. H.P.T. Ammon, Tübingen. "50 Jahre Scheele-Gesellschaft sind auch 50 Jahre Pharmaziegeschichte in zwei gesellschaftlich absolut konträren Systemen", sagte er. In der Scheele-Gesellschaft hätten die Pharmazeuten einen Ort gefunden, an dem sie sich in fast familiärer Atmosphäre hätten austauschen können. Die Scheele-Gesellschaft habe sich immer als ein integrierendes Element zwischen den einzelnen Fächern und Themen verstanden und es auf diese Weise verstanden, für seine Mitglieder attraktiv zu sein.

Highlight der Apothekerfortbildung

Auch Ministerialrat Dr. Klaus Fischer, Sozialministerium Schwerin, betonte, daß er die Gesellschaft stets als Bindeglied und Mittler zwischen wissenschaftlicher Forschung und Lehre und praktischer Pharmazie verstanden habe. Die Veranstaltungen der Scheele-Gesellschaft seien stets ein Highlight der Apothekerfortbildung und des pharmazeutischen Gedankenaustausches gewesen. Fischer sieht es als gutes Zeichen, daß sich mehr als die Hälfte aller Apotheker Mecklenburg-Vorpommerns zur Mitgliedschaft in der pharmazeutischen Gesellschaft bekennt. Diese vermittle doch gemeinsam mit der Apothekerkammer die wissenschaftliche Substanz für die adäquate akademische Tätigkeit des Berufsstands.

Geglückte Synthese aus Wissenschaft und Praxis

Grüße der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände - ABDA, der Bundesapothekerkammer - BAK und des Deutschen Apothekerverbandes - DAV überbrachte Dr. Hermann Vogel, Ehrenpräsident der Bayerischen Landesapothekerkammer. Die Apothekerschaft müsse sich auch künftig wissenschaftlich orientieren. Die Kollegen und Kolleginnen aus der Forschung dürften bei all ihren Tätigkeiten nicht den Bezug zur Praxis verlieren.

Glückwünsche überbrachte auch der Präsident der Apothekerkammer Mecklenburg-Vorpommern, Wilhelm Soltau. Er dankte für Einsatz und Engagement. Soltau betonte, daß sich der Apotheker in seinem Bemühen um das Wohl des Patienten von niemandem übertreffen lassen darf. Auch der Vorsitzende des Apothekerverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Gerhard Behnsen, gratulierte zur gelungenen Synthese aus Wissenschaft und Praxis und zum kollegialen Miteinander, das man in der Scheele-Gesellschaft angesichts des Druckes von außen über all die Jahre habe aufrecht halten können.

Der wissenschaftliche Part der Veranstaltung war dem Thema "Weibliche Hormontherapie - Risiko oder Chance?" gewidmet. Professor Dr. Klaus Friese, Rostock, berichtete über die Hormonsubstitution der reifen und älteren Frau. Den Einsatz von Hormonen "zwischen Kontrazeption und Kinderwunsch" schilderte Professor Dr. Roland Sudik, Neubrandenburg. Dr. Bernd Düsterberg, Berlin, stellte Hormone und innovative Arzneimittel vor.

PZ-Artikel von Christiane Berg, Rostock
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