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Schutz für gesunde und kranke Gefäße

09.11.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Schutz für gesunde und kranke Gefäße

Primär- und Sekundärprävention bei atherosklerotischen Erkrankungen – was ist gesichert, was spekulativ? Grundlagenforschung und viele klinische Studien haben in den letzten Jahren mehr Licht in das Dunkel der veränderten Gefäße gebracht.

Wenn eine Atherosklerose klinisch manifest wird, haben sich die Blutgefäße bereits erheblich und teilweise irreversibel morphologisch verändert. Die ersten Ansätze (fatty streaks) findet man oft schon ab dem 20. Lebensjahr. Doch es gibt viele Ansätze, in das multifaktorielle Geschehen einzugreifen, auch im Sinne der Prävention, betonte der Kölner Pharmakologe, Professor Dr. Wolfgang Klaus, bei einem Presseseminar der Firma Bayer in Konstanz.

Doppelstrategie mit Vitamin E und ASS

Das wichtigste lipophile Antioxidans im menschlichen Körper, das D-alpha- oder RRR-alpha-Tocopherol, wirkt als Radikalfänger und vermindert die Lipidperoxidation in Monozyten sowie die Anhaftung dieser Zellen an das Endothel. Doch das Molekül kann mehr. Es beeinflußt die Proteinkinase C und hemmt damit die Proliferation glatter Gefäßmuskelzellen. Professor Dr. Henning Schröder aus Halle schreibt dem Tocopherol eine Botenstoff- und Sensorfunktion für oxidative Prozesse zu.

In zwei großen fragebogengestützten Studien an Gesunden konnte Vitamin E, nicht aber Multivitamine das relative Risiko für eine koronare Herzkrankheit senken. Notwendig ist jedoch eine Langzeitanwendung, da Effekte frühestens nach einem bis zwei Jahren deutlich werden. Schröder: "Eine Vitamin-E-Kur ist sinnlos."

Klare Daten zur Primärprävention von kardiovaskulären Erkrankungen und Krebs soll die Women’s Health Study an etwa 40000 postmenopausalen Krankenschwestern liefern. Sie nehmen jeden zweiten Tag 600 IE Vitamin E und 100 mg ASS. Die Ergebnisse, die nach der Jahrtausendwende erwartet werden, sollen klären, ob die Supplementierung mit Vitamin E auf breiter Basis empfehlenswert ist. Die Dosisuntergrenze liegt wahrscheinlich bei 100 IE.; als Tagesdosis empfiehlt Schröder 200 bis 400 IE D-a-Tocopherol. Bei höherer Dosierung wird auch mehr Substanz ausgeschieden.

Wahrscheinlich wirkt die Kombination von Vitamin E mit ASS additiv bis überadditiv. Nach neuesten Erkenntnissen aktiviert die Säure den endogenen Oxidationsschutz, indem sie die Ferritin-Synthese anregt, sagte Privatdozent Dr. Rainer Böger aus Hannover. Der Nutzen von ASS in der Primärprävention ist für Männer mit hohem Herzinfarktrisiko belegt. Allerdings gibt es auch Vorbehalte, weil man Hirnblutungen, vor allem bei Hypertonikern, fürchtet.

Böger resümierte zwei Studien, die in diesem Jahr neue Erkenntnisse lieferten. In der Thrombosis Prevention Trial, an der knapp 5500 Männer mit hohem KHK-Risiko teilnahmen, reduzierte ASS das Herzinfarktrisiko um 20 Prozent, ohne das Blutungsrisiko signifikant zu erhöhen. In der Hypertension Optimal Trial mit fast 19000 Hypertonikern zeigte sich, daß auch gut eingestellte Hochdruckpatienten von Acetylsalicylsäure profitieren. Das Herzinfarktrisiko sank, ohne daß das Risiko von Hirnblutungen stieg.

Instabile Plaques platzen leicht

Die Erfolge der Cholesterolsynthese-(CSE)-Hemmer haben zu einem Umdenken in der KHK-Therapie geführt, berichtete Professor Dr. Dirk Müller-Wieland. Die Prognose eines KHK-Patienten orientierte sich früher am Stenosegrad der Gefäße. Doch viel wichtiger scheint die Zahl und Struktur oder Verletzbarkeit der Plaques zu sein. Instabile Plaques haben einen großen lipidreichen Kern und eine dünne fibröse Kappe. Diese reißt leicht ein und kann einen akuten thrombogenen Prozeß bis hin zu instabiler Angina pectoris oder Herzinfarkt auslösen. CSE-Hemmer scheinen die Plaques zu stabilisieren, deren lipidreichen Kern zu reduzieren und die endotheliale Funktion zu verbessern.

Da CSE-Hemmer die Koronarletalität und die Gesamtsterblichkeit hochsignifikant senken können, sollten alle Patienten mit KHK diese Arzneistoffe bekommen, unterstrich Müller-Wieland aus Konstanz. Gleichermaßen gefährdet seien Typ-II-Diabetiker. Deren LDL-Cholesterol sollte unter 100 mg/dl gesenkt werden.

Ob die Kombination von CSE-Hemmer (Cerivastatin) und einem Calcium-Antagonisten (Nifedipin) Vorteile bei der endothelialen Dysfunktion bringt, werden die prospektiv angelegten ENCORE-I- und -II-Studien zeigen. Studie I prüft die Schnelleffekte der Medikation auf das Endothel bei 400 KHK-Patienten nach Ballondilatation. Die zweite Studie ist auf zwei Jahre angelegt und soll die Progression der Atherosklerose an 200 KHK-Patienten nach Dilatation erfassen.

PZ-Artikel von Brigitte M. Gensthaler, Konstanz
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