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Grüne Gentechnik für bessere Nahrungsmittel

09.11.1998  00:00 Uhr

-Medizin

Govi-Verlag

Grüne Gentechnik für bessere Nahrungsmittel

In den nächsten 25 Jahren wird die Weltbevölkerung um fünfzig Prozent zunehmen, die ackerbaulich nutzbare Fläche aber bestenfalls gleichbleiben. Bessere landwirtschaftliche Methoden alleine reichen nicht aus, um die Versorgung sicherzustellen. Können Gentechnik und Biotechnologie die pflanzliche Primärproduktion effektiv steigern?

Gentechnisch veränderte Pflanzen können Nährstoffe besser aufnehmen, Pathogene leichter abwehren und sind toleranter gegenüber Streß. Stoffwechselengpässe werden von Forscherhand beseitigt und das Wachstum beschleunigt. Trotz leistungsfähiger Produktion könnten so Ressourcen geschont werden. Davon ist Dr. Günter Donn, Leiter der zellbiologischen Forschung bei der Hoechst Schering AgrEvo in Frankfurt, überzeugt.

Herbizidtoleranter Raps

Der Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen nimmt weltweit rasant zu: von 11 Millionen Hektar 1997 auf 27,8 Millionen 1998 und schätzungsweise 42 Millionen Hektar im nächsten Jahr. Spitzenreiter ist Soja (über 14 Millionen Hektar 1998), gefolgt von Mais, Baumwolle, Raps und der Kartoffel. Hauptsächlich handelt es sich um Pflanzen, denen eine Herbizidtoleranz oder Insektenresistenz oder beide Merkmale mitgegeben wurden. Donn erläuterte bei einem Pressegespräch in Grünwald bei München, welche Vorteile herbizidresistente Pflanzen bieten: Pflanzenschutzmittel werden nicht mehr prophylaktisch, sondern nur noch bei Bedarf ausgebracht.

Erstmals könnten verwandte Wildpflanzen – bei Raps zum Beispiel Ackersenf und Wildrübsen – aus den Kulturen entfernt und eine mögliche Kreuzung zwischen Kultur- und Wildpflanze verhindert werden. 1995 wurden in Kanada die ersten Rapssorten zum Anbau freigegeben, die das Herbizid Glufosinat vertragen; heute belegt diese Pflanze bereits ein Viertel der kanadischen Rapsanbaufläche.

Glutenfreier Weizen

Der Verbraucher erhalte ressourcenschonend hergestellte Lebensmittel, die weniger unerwünschte Inhaltsstoffe enthalten, zum Beispiel Rapsöl ohne Erucasäure. Auch Allergiker oder kranke Menschen können laut Donn von der Pflanzenbiotechnologie profitieren. So wird an allergenfreiem Reis, glutenfreiem Weizen oder Maniok mit geringerem Gehalt an cyanogenen Glykosiden gearbeitet – interessant für Entwicklungsländer.

Man kann Pflanzen aber auch veranlassen, bestimmte Stoffe vermehrt zu produzieren. Absehbar ist die Entwicklung von Gemüse mit erhöhtem Vitamingehalt, Obst und Gemüse mit Schutzproteinen gegen Magen- und Darmerkrankungen und von Pflanzen, die beispielsweise Waschmittelenzyme liefern.

Die bei der gentechnischen Manipulation eingebrachten Resistenzgene seien aus wissenschaftlicher Sicht zwar ungefährlich, aber für Verbraucher und Landwirte nutzlos, meinte Donn. Da sie für die heutigen Genübertragungsarbeiten nicht mehr zwingend nötig sind, würden sie bei neuen Versuchen auch nicht mehr verwendet.

Kennzeichnung obligat

Die Kennzeichnung ist seit Mai 1997 in der Novel-Food-Verordnung europaweit einheitlich geregelt. Seit September dieses Jahres müssen alle Produkte gekennzeichnet sein, in denen gentechnisch veränderte DNA oder Proteine nachweisbar sind. Das betrifft unverarbeitete Lebensmittel und Folgeprodukte wie Tomatenmark, Sojamehl oder Rapsöl. Bei nicht unterscheidbaren Folgeprodukten (raffiniertes Sojaöl) ist die Kennzeichnung freigestellt.

Das Problem sei nun, Grenzwerte für die kennzeichnungspflichtige Menge an gentechnisch verändertem Erbgut zu definieren, berichtete Dr. Wolfgang Faust, Leiter der Unternehmenskommunikation bei AgrEvo. Die empfindlichen Nachweismethoden erfassen auch Spuren von fremdem Erbgut, das beispielsweise beim Transport von unveränderten Sojabohnen als Verunreinigung eingebracht wurde. In der EU würden derzeit Werte zwischen einem und drei Prozent diskutiert.

PZ-Artikel von Brigitte M. Gensthaler

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