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Aus Pflanzen isolierte Wirkstoffe gegen HIV

10.11.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Aus Pflanzen isolierte Wirkstoffe gegen HIV

Das National Cancer Institute der USA durchsucht seit Jahren Unmengen von Pflanzenspezies nach neuen Wirkstoffen gegen Krebs. Inzwischen wurden die Screening-Programme um Tests gegen das HI-Virus erweitert. 4500 Pflanzenproben werden pro Jahr durch die In-vitro-Schleusen geschickt: Was danach für weitere Versuche übrigbleibt, faßte Professor Dr. Arnold J. Vlietinck von der Universität in Antwerpen, Belgien, auf dem Kongreß der Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung in Regensburg zusammen.

Nach mehr als 50 Jahren Forschung seien noch nicht einmal 20 Wirkstoffe gegen Virusinfektionen bei der Food and Drug Administration der USA (FDA) zugelassen, zählte Vlietinck auf. Die Mehrzahl der Substanzen gegen HIV sind Nukleosidanaloga, deren Wirkung sich auf die Hemmung von Protease und Reverser Transkriptase (RT) beschränkt. Das Screening-Programm läßt die Hoffnungen auf neue Wirkstoffe steigen. Zumindest in vitro greift eine ganze Reihe von Pflanzeninhaltsstoffen an den verschiedensten Stationen in den Lebenszyklus des Virus ein.

Das Virus dockt an der Wirtszelle an und verschmilzt mit ihr. Schon hier könnte der erste Angriffspunkt für Medikamente sein. Sulfatierte Polysaccharide behindern den Kontakt des viralen Hüllproteins gp 120 mit dem CD4-Rezeptor auf Monozyten und Makrophagen. Sie hemmen auch die Bildung von Synzytien, die durch die Fusion gesunder mit infizierten Zellen entstehen. Sulfatierte Polysaccharide wurden aus Viola yedoensis, Prunella vulgaris oder Althernanthera philoxeroides gewonnen. Alle drei Pflanzen sind als Antiinfektiva aus der traditionellen Chinesischen Medizin bekannt. Die Sulfatgruppen sind für die Wirkung dieser Polymere essentiell. Vlietinck berichtete, daß sich auch andere Strukturen mit vergleichbaren Bindungsstellen durch Sulfatierung in HIV-wirksame Strukturen umwandeln lassen.

Lektine hemmen Fusion und Synzytien-Bildung, indem sie mit Mannose- oder N-Acetylglucose-reichen Hüllproteinen interagieren. Manche werden bereits klinisch getestet. Papaverin hemmt in Kombination mit AZT die HIV-Replikation und HIV-induzierte zytopathische Effekte. Die Phase der klinischen Studien haben auch die Naphtylisochinolinalkaloide Michellamin A bis C erreicht. Michellamin B sei am wirksamsten.

Das Dimer aus der tropischen Liane Aristocladus korupensis wirkt gegen HIV 1 und 2. Es hemmt die Bildung von Synzytien, aber zusätzlich auch die Aktivität der RT. Die ungewöhnliche Struktur ist darüber hinaus leicht löslich und chemisch stabil.

Die besten Chancen: (-)-Calanolid B


Auch die Calanolide A und B hemmen die RT. Anders als die Michellamine wirken Calanolide allerdings nur gegen HIV 1. Vlietinck räumte den Calanoliden von allen Inhaltsstoffen seines Vortrags die besten Chancen ein. Sie werden bereits in Phase III klinisch getestet, sie erfüllen die Anforderungen an Bioverfügbarkeit, Stabilität und Toxizität, und sie sind leicht zu gewinnen: Mit 48 Prozent ist (-)-Calanolid B Hauptbestandteil im Latex des tropischen Regenwaldbaumes Calophyllum teysmannii. Ursprünglich wurden die Calanolide aus den Blättern des malaysischen Regenwald-Baumes Calophyllum lanigerum isoliert. Hier waren die Ausbeuten jedoch sehr schlecht, und synthetisch konnte bisher nur razemisches Calanolid hergestellt werden.

Die Translation der viralen Erbinformation wird durch sogenannte SCRIPs (single chain ribosome inactivating proteins) gehemmt. Pokeweed antiviral Protein (PAP) aus Phytolacca americana oder Trichosanthin aus den Wurzelknollen von Trichosanthes kirilowii sind solche SCRIPs. Sie hemmen die Virus-Replikation in akut und chronisch infizierten Lymphozyten. Trotz schwerer Nebenwirkungen (Immunogenität und anaphylaktisches Potential) wurde Trichosantin in Phase I und II klinisch getestet.

Castanospermin (aus Castanospermum australe) und 1-Deoxynojirimicin (aus Omphalea diandra) sind Alkaloide mit Wirkung auf Glucosidase oder Mannosidase. Die Enzyme spalten Zucker von Oligosacchariden, damit die sich zu größeren Komplexen zusammenlagern können.

Schließlich kann auch der Austritt des fertigen Virus aus der Zelle gestört werden. Über die Zerstörung der Zellmembran wirken hier beispielsweise Hypericin oder Photosensitizer. Für die systemische Therapie reicht nach Vlietincks Ansicht die Wirkung von Hypericin jedoch nicht aus.

Auch die Entwicklung neuer Wirkstoffe ändert nichts am Primat der Kombinationstherapie, so Vlietinck abschließend. Nur so ließen sich Vor- und Nachteile sinnvoll ausgleichen: Denn am einen Ende der Skala gebe es Substanzen mit niedriger Spezifität, breiter Aktivität, niedriger Resistenzgefahr, aber einem gewissen Toxizitätspotential; am anderen Ende stünden Substanzen mit hoher Spezifität, niedriger Toxizität, aber dafür einer erhöhten Resistenzgefahr.

PZ-Artikel von Stephanie Czajka, Regensburg
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