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Herzogs Visionen

10.11.1997
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-Editorial

Govi-Verlag

Herzogs Visionen

von Dr Hartmut Morck,
Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung

Mit der am 5. November auf Einladung der drei Berliner Universitäten im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt gehaltenen Grundsatzrede zur Bildungsreform hat Bundespräsident Roman Herzog wieder einmal dem deutschen Volk den Spiegel vorgehalten und Nachdenken verursacht.

In allen Punkten kann ich dem Bundespräsidenten zustimmen und die Aufforderung, in der Bildungspolitik "Irrwege abzubrechen und falsche Mythen zu beseitigen" nur unterstützen. Auch für die augenblickliche Diskussion um eine neue Approbationsordnung für Apotheker sind in der Herzogschen Rede genügend Ansatzpunkte enthalten, die die Verantwortlichen mit bedenken sollten.

Ohne den Bundespräsidenten kritisieren zu wollen, fehlt mir bei seiner Bestandsaufnahme die Antwort auf die Frage, warum unser Bildungssystem in die von ihm aufgezeigte Sackgasse geraten ist und international einen so schlechten Ruf bekommen hat. Außerdem ist mir der eigentliche Adressat, an den diese Rede gerichtet war, nicht klar geworden. Haben die Schüler, die Lehrer, die Eltern oder die Universitäten dieses Chaos zu verantworten?

Die Antworten auf diese Fragen würden aus meiner Sicht auch den Weg aufzeigen, der das deutsche Bildungssystem aus der Krise führt.

Meines Erachtens liegen die Wurzeln in der falschen Vorstellung der 70er Jahre, alle Menschen hätten die gleiche Begabung, man müsse sie nur fördern. Diese Vorstellung, die insbesondere von den 68ern vehement vertreten und zur linksliberalen Ideologie wurde, ist inzwischen längst wissenschaftlich widerlegt worden. Trotzdem wird sie weiter verfolgt, weil viele 68er jetzt in politische Positionen aufgerückt sind, die es ihnen erlauben, ihre damaligen Ideale verwirklichen zu können. In den bildungspolitischen Etagen der Bundesländer orientiert man sich bis heute an den linksliberalen Ideologien der 70er Jahre. Das schlägt sich hauptsächlich in der Einführung integrierter Gesamtschulen nieder, die eben nicht in der Lage sind, die Herzogschen Forderungen nach Leistungsbezogenheit, Differenzierung und Praxisbezogenheit zu verwirklichen.

Soll also ein neues Bildungssystem geschaffen werden, dann müssen Landespolitiker umdenken. Eltern, Schüler, Studenten und Universitäten wären sicher dazu bereit. Nur die Politik hindert sie daran.

Ein weiterer Punkt, der das Bildungssystem in die Sackgasse geführt hat, ist die finanzielle Ausstattung von Schulen und Universitäten. Wer sich einmal mit den Etats dieser Einrichtungen beschäftigt hat, wird schnell verstehen, warum das deutsche Bildungssystem international einen schlechten Ruf hat. Die Universitäten sind finanziell so schlecht ausgerüstet, daß sie den Lehrbetrieb nicht den Herzogschen Vorstellungen entsprechend durchführen können. Auch hier ist die Politik die Hauptverantwortliche. Wenn Wissenschaft , wie Herzog es formulierte, die wichtigste Ressource in unserem rohstoffarmen Land ist, dann frage ich mich, warum man seit Jahrzehnten lang in die Kohle investiert, obwohl dies wirtschaftlich nicht rentabel ist. Das Geld wäre sicherlich besser in der Bildung, in der Erschließung des Wissens investiert gewesen. Gerade in der augenblicklich schwierigen Wirtschaftslage unseres Landes ist es wichtig, in die Ressource Wissen zu investieren. Auch hier ist die Politik der größte Hemmschuh, sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene. Um das Bildungssystem des 21.Jahrhunderts nach der Herzogschen Vision aufzubauen, müsen vor allem die Politiker umdenken. Top

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