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Der Euro im Gesundheitsmarkt

03.11.1997  00:00 Uhr

-Politik

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Der Euro im Gesundheitsmarkt

Die geplante einheitliche europäische Währung erleichtert nach Ansicht des FDP-Bundestagsabgeordneten Dieter Thomae in völlig neuen gesundheitspolitischen Aufgabenfeldern grenzüberschreitende Aktivitäten. Für den Vorsitzenden des parlamentarischen Gesundheitsausschusses zählen dazu die Entwicklung von Managed-Care-Strukturen oder das Disease Management.

Thomae erwartet, daß mit dem Euro Kostenunterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union schärfer hervortreten. Davon gehe ein Anpassungsdruck aus, der auch vor den nationalen Gesundheitssystemen inklusive der Arzneimittelversorgung nicht völlig haltmachen werde.

Im klassischen Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung habe die Europäische Kommission gegenwärtig nur vergleichsweise enge Befugnisse. Dessen ungeachtet dürfe nicht übersehen werden, daß Brüssel gemeinschaftsintern eine "systematische Diskussion über die Weiterentwicklung der sozialen Sicherungssysteme" anstrebe. Es bleibe abzuwarten, inwieweit diese Aktivitäten als Einfallstor zu einer wie auch immer gearteten "eigenen" Gesundheitspolitik genutzt würden. Nach Einschätzung des Politikers wendet sich gegenwärtig aber noch eine Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten dagegen.

BKK erwartet vom Euro mehr Kostentransparenz


Mit der neuen europäischen Gemeinschaftswährung verknüpft auch Wolfgang Schmeinck, Chef des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen, einige Hoffnung. Er erwartet vom Euro vor allem eine bessere Preisübersicht am Pharmamarkt. Darüber hinaus hält es der Kassenmanager für notwendig, daß die Krankenversicherungsträger innerhalb der Europäischen Union der grenzüberschreitend tätigen pharmazeutischen Industrie mit einer einheitlichen Strategie begegnen.

Zunehmend, so klagt Wolfgang Schmeinck, brächten Hersteller von der Europäischen Arzneimittelagentur zentral zugelassene Medikamente in der EU zu einem einheitlichen Preis auf den Markt. Dieser aber entspreche in vielen Fällen weder der angeblichen Innovation noch der zu erwartenden Absatzmenge oder gar den Herstellungskosten. Aus Sicht der Kostenträger seien die verlangten Preise vor allem dann nicht gerechtfertigt, wenn sich die industrielle Innovationsfreudigkeit lediglich auf geringfügige Veränderungen bereits bekannter Moleküle beschränke. Mitunter werde auch nur eine erweiterte Indikation beansprucht.

Schmeinck sieht die pharmazeutische Industrie auf europäischer Ebene gegenüber der Krankenversicherung im Vorteil. Das gemeinschaftsweite zentrale Zulassungsverfahren für Arzneimittel biete den Herstellern die Möglichkeit, den gesamten Markt für neue Produkte in einem Zuge als Absatzgebiet zu erschließen. Das erlaube der Branche zugleich, ihre Absatz- und Preisstrategie neu auszurichten.

Diesem Phänomen stünden die nationalen Gesundheitssysteme, insbesondere ihre Krankenversicherungen, nahezu hilflos gegenüber. Auf dieser Ebene fehle gegenwärtig ein Austausch von Informationen über die Erstattungsfähigkeit von Produkten und den zu erstattenden Preis. Statt dessen förderten isolierte nationale Aktivitäten zur Steuerung der jeweiligen Pharmamärkte eine nicht länger akzeptable Intransparenz.

PZ-Artikel von Jürgen Becker, Bonn
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