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Laborwerte: Die Zahlen allein sagen noch nichts

03.11.1997  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Laborwerte: Die Zahlen allein sagen noch nichts

Rund 25 Prozent der deutschen Apotheken tun es - im Süden offenbar mehr, im Norden weniger. Gemeint ist die Bestimmung von Blutparametern bei Apothekenkunden, und die Zahl der durchführenden Apotheken geht auf Schätzungen zurück, genaue Angaben fehlen. An erster Stelle der untersuchten Parameter steht der Blutzucker, gefolgt von Faktoren wie Cholesterol und y-GT (y-Glutamyltransferase), berichtete Dr. Vera Zylka-Menhorn am 19. Oktober bei einem PZ-Forum anläßlich des Expopharm-Kongresses in Düsseldorf.

Gemeinsam mit Professor Dr. Gerd Assmann, Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin der Universität Münster, lieferte sie Hintergründe und gab Tips zur Interpretation von Laborwerten in der Apotheke. "Die Werte allein sagen noch gar nichts", betonte sie und wurde darin von Assmann bestätigt. Er machte dies am Beispiel der Fettstoffwechselstörungen deutlich: "Aus medizinischer Sicht macht hier nur die kombinierte Bestimmung von Gesamt-Cholesterol, LDL-Cholesterol und möglichst auch noch den Triglycerid-Werten Sinn".

Welche Blutfettwerte sind gefährlich?


Assmann berichtete von der Münster Heart Study, die das relative Risiko für die Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit (KHK) in Abhängigkeit von den Blutfettwerten untersucht. Seit über zehn Jahren führe man in Nordrhein-Westfalen ein Screening der Bevölkerung durch, inzwischen seien über 35.000 Personen einbezogen. Nach Bestimmung ihrer Blutparameter werden sie im Hinblick auf die Entwicklung von Krankheiten wie Herzinfarkt oder Schlaganfall über mehrere Jahre weiterbeobachtet. "Das KHK-Risiko hängt selten von einem einzigen Faktor ab", betonte Assmann, "sondern von einer Kombination aus mehreren Faktoren". Zur Risikoabschätzung habe man daher neben den Blutfettwerten auch Parameter wie Alter und Geschlecht, Familienanamnese, Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck sowie die Lebensgewohnheiten berücksichtigt.

Einen relativ großen Stellenwert zur Prädiktion des KHK-Risikos spielt laut Assmann der Quotient aus Gesamt- und gefäßprotektivem HDL-Cholesterol. Liegt dieser über 5, geht man von einem vergleichsweise hohen KHK-Risiko (fast 10 Prozent) aus, und eine ärztliche Untersuchung ist unverzichtbar, so die Faustregel. In der Münster Heart Study wurden solche hohen Werte bei über 50 Prozent der Personen ermittelt.

Auf Basis der Studiendaten habe eine internationale Kommission zur KHK-Pävention (International Task Force for Prevention of CHD) für 1998 eine Richtlinie vorbereitet, berichtete Assmann. Sie empfiehlt unter anderem, bei Personen mit mehreren Risikofaktoren das gefäßschädigende LDL-Cholesterol langfristig auf Werte unter 100 zu senken. In der Regel erfolge dies durch die Gabe von CSE-Hemmern, die laut Assmann innerhalb weniger Tage eine deutliche LDL-Cholesterol-Senkung bewirken können. Die Richtlinie verweise aber auch darauf, daß die Behandlung sich immer an der allgemeinen Risikoabschätzung des Patienten orientieren müsse. Bei Vorliegen eines einzigen isolierten Risikofaktors sei in der Regel keine Therapie erforderlich.

Harnsäure ist das Endprodukt des Purin-Stoffwechsels, erinnerte Zylka-Menhorn. Die Normwerte im Serum setzen sich beim Gesunden zu etwa gleichen Teilen aus der körpereigenen Harnsäuresynthese und der nahrungsbedingten Purinzufuhr zusammen und sind geschlechtsabhängig. Bei Männern liegen sie zwischen 3,5 und 7,1 mg/dl, bei Frauen zwischen 2,5 und 5,9 mg/dl. Bei Erhöhung der Serum-Werte könne es - müsse aber nicht zwangsläufig - zur Gicht kommen, so Zylka-Menhorn. "Nicht alle Patienten mit erhöhten Harnsäurewerten bilden eine Gicht aus, allerdings steigt die Wahrscheinlichkeit dafür mit der Dauer und der Höhe der Spiegel".

Gicht entsteht durch die Ausfällung von Harnsäurekristallen (Natriumurat) bei Überschreitung der Sättigungsgrenzen in Serum oder Urin, wobei eine Abhängigkeit von Temperatur und pH-Wert besteht; betroffen sind Gelenke und Sehnen, als Komplikation auch die Nieren. Ein Gichtanfall äußert sich durch anfallsartig (meist nachts) auftretende pochende, zunehmende Schmerzen, später kommen Rötung und Schwellung, eventuell Fieber hinzu.

Männer sind häufiger betroffen als Frauen, und die überwiegende Mehrheit der Patienten (95 bis 98 Prozent) leidet an einer sekundären Form der Gicht, die in engem Zusammenhang mit Übergewicht oder übermäßigem Alkoholgenuß, aber auch mit bestimmten Erkrankungen (Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Hypertonie, Nierenfunktionsstörungen) oder Schwangerschaft steht. Auch durch Fasten werde der Harnsäurespiegel erhöht. Als Harnsäure-erhöhend wirke sich außerdem die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente aus. Als Beispiele nannte die Medizinerin Diuretika (Thiazid-Typ), einige Betablocker und Tuberkulostatika sowie Zytostatika.

Die wichtigste Indikation für eine Harnsäurebestimmung in der Apotheke sind Gelenkschmerzen des Patienten sowie Symptome, die den Verdacht auf eine Harnsäureerhöhung nahelegen, führte Zylka-Menhorn aus. Bei der Interpretation der gemessenen Werte müsse man berücksichtigen, daß nicht jeder Mensch mit erhöhten Spiegeln auch tatsächlich krank ist, betonte Zylka-Menhorn. Wie sehr das Gichtrisiko mit Dauer und Höhe der Serum-Harnsäurespiegel ansteigt, verdeutlichte Zylka-Menhorn an folgenden Zahlen: Bei Werten zwischen 8 und 9 mg/dl erleiden 25 Prozent der Betroffenen irgendwann einen Gichtanfall, bei Werten über 9 mg/dl ist dies meistens der Fall.

Der erste Schritt zur Reduktion der erhöhten Harnsäurespiegel muß laut Zylka-Menhorn eine Normalisierung des Körpergewichts sein, gefolgt von diätetischen Maßnahmen. Gichtpatienten sollten auf Innereien, Wild, Eier, Sardinen, Sardellen, Shrimps sowie auf übermäßigen Kaffee- und Alkoholkonsum verzichten. Alkohol hemme vorübergehend die Harnsäureausscheidung über die Nieren und steigere den Nukleotidmetabolismus in der Leber. Allerdings sei auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten (bis zu 3 Liter pro Tag).

Als medikamentöse Maßnahmen bei akutem Gichtanfall nannte Zylka-Menhorn Colchicin und nicht-steroidale Antirheumatika. Während der symptomfreien Intervalle und bei chronischer Gicht werde unter anderem das Urikostatikum Allopurinol zur Reduktion der Harnsäureproduktion eingesetzt, zur Harnsäureausschwemmung kommen Urikosurika wie Probenecid oder Sulfinpyrazon zur Anwendung und zur Alkalisierung des Harns Natriumcarbonat oder -citrat. Letztere sollen durch Verschiebung des pH-Werts ein Ausfällen der Harnsäure in den Nieren verhindern.

PZ-Artikel von Bettina Neuse-Schwarz, Düsseldorf
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