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Bei Brustschmerz vertrödelt Patient kostbare Zeit

26.10.1998
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Bei Brustschmerz vertrödelt
Patient kostbare Zeit

»Im internationalen Vergleich kann sich die Herzinfarkttherapie in Deutschland sehen lassen. Trotzdem muß sie noch besser werden«, resümierte Professor Dr. Jochen Senges, Klinikum Ludwigshafen, erste Ergebnisse des Myokard-Infarkt-Registers (MIR). Mit fast 15 000 Patienten ist MIR das bisher größte Herzinfarktregister in Europa.

Seit dem 1. April 1997 werden alle Patienten mit akutem Myokardinfarkt an 211 Kliniken in Deutschland in dieses von Zeneca finanziell unterstützte Projekt eingeschlossen. "Hauptintention für MIR war, herauszufinden, inwieweit sich die Therapie im Klinikalltag von den theoretischen Empfehlungen unterscheidet", erklärte Senges.

Zudem beschreibt MIR die Charakteristika der derzeitigen Herzinfarktpatienten sowie das Risiko, trotz der modernen Behandlungsmöglichkeiten an einem Infarkt zu sterben. Sein großer Pluspunkt ist, daß es den aktuellen Stand der Therapie widerspiegelt, weil viele Kliniken für die Teilnahme gewonnen und die Patienten unselektiert in das Register aufgenommen wurden. Senges sieht in MIR ein sinnvolles Instrument der Qualitätskontrolle, da jede teilnehmende Klinik sich mit der Gesamtgruppe vergleichen kann.

Alarmierendes Ergebnis: Rund die Hälfte der Patienten starben sofort oder innerhalb von vier Wochen an ihrem Infarkt. Das liege vor allem daran, daß rund 60 Prozent der Patienten bei plötzlich einsetzenden Brustschmerzen zu lange warten, bis sie einen Arzt rufen, erklärte Senges. Die Prähospitalzeit, also die Zeit zwischen Schmerzbeginn und Erreichen der Klinik, sollte idealerweise nicht über einer Stunde liegen. Tatsächlich lag sie aber meist bei drei Stunden. Nur 13 Prozent machten sich innerhalb einer Stunde auf den Weg ins Krankenhaus.

Deshalb Senges Appell: "Bei schlagartig einsetzenden Brustschmerzen, die länger als 20 Minuten andauern, sofort den Hausarzt rufen. Falls dieser nicht unverzüglich kommen kann, an den Notarzt wenden!" Obwohl Verwechslungen mit Lunge, Rheuma oder Magenschmerzen vorkämen, liege die Zahl der Fehleinweisungen überraschenderweise recht niedrig. Nur jeder fünfte hatte keinen akuten Herzinfarkt.

Während des Klinikaufenthaltes verstarb jeder siebte Patient. Auch mit diesem Ergebnis schneide man im internationalen Vergleich gut ab. Es zeige aber die Diskrepanz zwischen den Empfehlungen zur Herzinfarkttherapie in Richtlinien und deren Umsetzung im klinischen Alltag, so Senges. 43 Prozent der Patienten erhielten eine akut-rekanalisierende Therapie zur Öffnung des Infarktgefäßes, davon 36 Prozent mittels einer Lyse und 8 Prozent per PTCA (percutane transluminale Koronarangioplasie). "In Zukunft müssen wesentlich mehr Patienten mit Lyse oder Ballondilatation behandelt werden. Die Zahl muß auf rund 85 Prozent gesteigert werden", forderte Senges.

Die medikamentöse Begleittherapie in der Akutphase mit ASS, Betablockern und ACE-Hemmern, für die in Studien eine prognoseverbessernde Wirkung belegt werden konnte, war zufriedenstellend. Nahezu 100 Prozent der Patienten erhielten ASS. Etwas zurückhaltender verordneten Ärzte Betablocker und ACE-Hemmer. Sie wurden nur jeweils bei 53 Prozent der Betroffenen angewandt. Senges: "Das könnte besser sein. 70 Prozent der Patienten müßten entweder mit der einen oder anderen Arzneistoffgruppe therapiert werden."

Was die Medikation bei Entlassung angeht, sei vor allem ein Manko in der Verschreibung von CSE-Hemmern zu beklagen. Nur 34 Prozent haben laut MIR-Auswertung Statine erhalten. Angesichts der Tatsache, daß lipidsenkende Arzneistoffe neben einer Umstellung der Ernährung zum positiven Verlauf der Erkrankung wesentlich beitragen, sei die Zahl der CSE-Hemmer-Verordnungen zu niedrig, meinte Senges. Die Erkenntnis, daß ASS, Betablocker und ACE-Hemmer in der Dauermedikation nötig sind, habe sich bei den Ärzten dagegen besser durchgesetzt (83, 68 und 74 Prozent).

PZ-Artikel von Elke Wolf, Frankfurt am Main

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