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Hoechst eröffnet Genomzentrum bei München

27.10.1997  00:00 Uhr

-Wirtschaft & Handel

Govi-Verlag

Hoechst eröffnet Genomzentrum bei München

Mit einem Aufwand von zehn Millionen DM hat Hoechst Marion Roussel (HMR), die Pharmagesellschaft der Hoechst AG, in Martinsried bei München ein Zentrum für Angewandte Genomforschung errichtet. Am 20. Oktober wurde es im Beisein von Bundesforschungsminister Jürgen Rüttgers und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber eingeweiht.

Der Aufbau des Genomforschungszentrums in Martinsried zähle zu den wichtigsten Zielen der Unternehmensstrategie; Hoechst Marion Roussell werde damit weiterhin zu den Pionieren der Biotechnologie gehören, sagte Dr. Frank Douglas vom Forschungsvorstand. Das Zentrum vor den Toren Münchens soll eng mit dem amerikanischen Genomzentrum in Cambridge/Massachusetts zusammenarbeiten und zugleich die Expertise der beiden kalifornischen Kooperationspartner Incyte und Lynx einbeziehen.

Aufgabe der Genomforschungszentren ist es, aus der Fülle der etwa 50.000 Gene einer Zelle die krankheitsrelevanten Gene herauszufiltern. Der Biochemiker Professor Dr. Norbert Riedel, verantwortlich für die Biotechnologieforschung bei HMR, sprach von einem Paradigmenwechsel: Statt mit der Analyse und dem Studium einzelner Gene beschäftigt sich die Genomforschung mit der Gesamtheit der Genexpression in einem Krankheitsstadium. Funktionelle Genomforschung identifiziert die Gene, die wichtige Zielstrukturen für die Arzneimittelfindung und die therapeutische Intervention darstellen. Die Forscher sprechen von validierten Targets. In Martinsried arbeiten sie mit niederen Modellorganismen und Wirbeltieren. In der Hefe sollen Targets aufgespürt werden, um schwere Candida-albicans-Infektionen zu bekämpfen; der Nematode C. elegans dient der Erforschung von ZNS-Erkrankungen wie Morbus Alzheimer, und das Genom des Zebrabärblings gilt als Modell für bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Zentrum mit 15 bis 20 Mitarbeitern befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Max-Planck-Institut für Biochemie, dem Klinikum Großhadern, dem Innovations- und Gründerzentrum, dem Genzentrum der Universität München sowie mehreren Biotech-Firmen. Gemeinsam mit den noch im Bau befindlichen Universitätsinstituten für Pharmazie, Chemie und Biologie soll hier ein europaweit führender Campus der Biowissenschaften entstehen, erklärte Ministerpräsident Stoiber beim Rundgang durch die Labors. Bereits heute befinde sich ein Fünftel der biotechnologisch orientierten Arbeitsplätze in und um München. Die Einweihung betrachtet er als großen Schritt auf dem Weg der Landeshauptstadt zum Spitzen-Biotech-Standort Deutschlands und Europas, aber auch als Bestätigung der bayerischen Politik, die mit erheblichen Beträgen das Modell BioRegio Bayern fördert.

Die Biotechnologie sei zweifellos eine Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts mit glänzenden Wachstumschancen, sagte der Forschungsminister. Er setzt auf Aufklärung: "Das beste Mittel gegen Angst sind klare Informationen." Achtzig Prozent der Bevölkerung akzeptierten inzwischen die Gentechnik in der Medizin. Rüttgers befürwortete nachdrücklich, daß in Martinsried Grundlagen- mit angewandter Genomforschung verknüpft werden soll.

PZ-Artikel von Brigitte M. Gensthaler, München
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