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Verdrängte Geschöpflichkeit: die Flucht vor dem Tod

27.10.1997
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Govi-Verlag

Verdrängte Geschöpflichkeit:
die Flucht vor dem Tod

Gesundheit ist in den westeuropäischen Ländern und den USA ein unausweichliches, unentfliehbares Dauerthema geworden, das immer mehr Lebenszeit und -energie bindet. Aus theologischer Perspektive fällt auf, daß Gesundheit sehr häufig mit religiöser Wertigkeit versehen wird. Oft geht es nicht mehr um das leibliche und seelische Wohl, sondern um die Verwirklichung von Heil. Healthism ist in den USA längst zum Gegenstand religionssoziologischer Forschung geworden und wird als Religionssystem untersucht.

Allerdings macht die Konzentration auf die Gesundheit das Leben nicht leichter. Widersprüche tauchen auf: Je mehr wir das Leben in die Hand zu bekommen scheinen, umso unerträglicher wird Krankheit als Lebensstörung. Je mehr das Leben verlängert werden kann, umso grausamer erscheint sein Ende. Derzeit erlebt unsere Gesellschaft eine eigentümliche Mischung von Abschiebung und Faszination des Todes. Einerseits gliedert sie Tod und Sterben aus dem Leben aus, auf der anderen Seite gibt es einen großen Markt für Bücher, die sich mit der ars moriendi beschäftigen.

Viele Widersprüche im Umgang mit Leben und Tod sind darin begründet, daß wir unsere eigene Geschöpflichkeit in vielfältiger und folgenschwerer Weise mißachten.

Merkmale der Geschöpflichkeit


Der Begriff der Geschöpflichkeit lokalisiert das Menschsein wie alles Geschaffene im Gegenüber zur Schöpfermacht Gottes. Das Verständnis menschlichen Daseins als ein geschöpfliches beinhaltet, daß menschliches Dasein immer in zwei Grundbeziehungen steht: im Verhältnis zu Gott als dem Ursprung allen Daseins und im Verhältnis zu allem anderen Geschaffenen. Menschliche Kultur ist geschöpfliche Kultur.

Geschöpfliches Dasein ist ein gegebenes, empfangenes; es steht nicht zu unserer Disposition. Diese Unverfügbarkeit des Daseins ist eine entscheidende Bedingung menschlicher Gesellschaft. Auf ihr ruht das Tötungsverbot, sie ist Grundlage der Personenwürde des Menschen, seiner Unantastbarkeit und seiner Freiheit. Dabei ist nicht zu übersehen, daß dem Menschen sein Dasein unverfügbar gegeben ist, damit er es gestaltet.

Am deutlichsten wird die Endlichkeit des Geschöpfes in seiner Sterblichkeit. Sie zeigt, daß geschöpfliches Dasein immer ein erschöpfliches ist, das mit seinen endlichen Ressourcen haushalten muß. Doch die begrenzte Quantität der Lebenszeit ist die Voraussetzung für die Qualität des Lebens. Christliche Hoffnung widerspricht dieser Endlichkeit nicht, sie lädt ein, darüber hinaus zu hoffen. Deshalb faßt sie sich im Hoffnungsbild von der Auferstehung der Toten zusammen, in der Hoffnung auf Neuschöpfung, nicht auf endlos verlängerte Lebenszeit.

Die verdrängte Geschöpflichkeit


Daß wir den Tod zu verdrängen versuchen, ist Teil des umfassenderen Versuchs, unsere Geschöpflichkeit zu verdrängen. Es besteht kein Zweifel, daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt die Grenzen der Verfügbarkeit, der Nutzbarmachung der Natur weit ausgedehnt hat. Können sie so weit gedehnt werden, daß Anfang und Ende des Lebens verfügbar werden? Das Streben nach Aufhebung der Grenzen und der Glaube an eine progressive Verfügbarkeit des menschlichens Lebens, der hinter vielen Ausprägungen des modernen Fortschrittsoptimismus steht, sind Hintergründe für die Verdrängung der Geschöpflichkeit.

Die Mechanismen sind den meisten wohlbekannt aus der Berufspraxis, aber auch dem Umgang mit uns selbst:
  • Ignorieren der Geschöpflichkeit durch die Konzentration auf das Nächstliegende;
  • Kompensation des Bewußtseins um die Endlichkeit des Lebens durch intensive Erlebniskultur;
  • Delegation der Verantwortung für die eigene Geschöpflichkeit
  • Betäubung des Wissens um die Endlichkeit
  • Versuch der aktiven Entfristung unseres Daseins durch Überlebensstrategien;
  • Fatalismus: die Aufgabe der Verantwortung für die eigene Geschöpflichkeit.

Wie ist der Verdrängung zu begegnen?

Der gelingende Umgang mit unserer Geschöpflichkeit ist eine allgemein menschliche Aufgabe, die nicht delegierbar ist. Wie alle Orientierungsfragen kann sie nur vom Menschen selbst in Gemeinschaft mit anderen beantwortet werden. Wir sollten all denen mit Skepsis begegnen, die uns anbieten, die Orientierungsfrage stellvertretend für uns zu lösen. Jeder kann sich fragen, was er in seinem Arbeitsfeld zum gelingenden Umgang mit der Geschöpflichkeit beitragen kann.

Wir tragen dazu bei, wenn wir die Kollaboration mit der Verdrängung verweigern. Das bedeutet gerade für Apotheker, daß sie zwischen Werbung und Aufklärung unterscheiden müssen und ihren Kunden oder Patienten auch Ent-Täuschungen zumuten müssen. Wir tragen dazu bei, indem wir Patienten und Kunden nicht auf ein Symptomenbild oder einen Befund reduzieren lassen, sondern als menschliches Geschöpf mit einer Erkrankung sehen, das durch ein unverfügbares, endliches Sein ausgezeichnet ist. Wir tragen dazu bei, indem wir uns nicht auf eine merkantile Funktion reduzieren lassen, als Anbieter medizinischer oder pharmazeutischer Produkte. Wir sind Menschen, die eine bestimmte Funktion menschlich wahrnehmen sollen. Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken sind deshalb vorrangig Stätten menschlicher Begegnung und erst dann Funktionsbereiche zur Erbringung von Leistungen.

Menschlich sein bedeutet, daß wir uns von Gott unterschieden sein lassen als seine Geschöpfe, die nicht seine Nachfolger sein wollen. Menschliches Handeln bewahrt dann seine geschöpfliche Sachlichkeit, wenn es nicht versucht, Heil zu schaffen, sondern sich auf das Menschenmögliche beschränkt: das Wohl des Menschen zu fördern.

Titelbeitrag von Professor Dr. Christoph Schwöbel, Institut für Systematische Theologie und Sozialethik, Kiel

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