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Niemand weiß, wer die Spinne im Netz sein wird

27.10.1997
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Niemand weiß, wer die Spinne im Netz sein wird

Könnten vernetzte Praxen und Strukturverträge neue Wege der ärztlichen Versorgung sein? Diese Frage diskutierten Experten auf einem Symposium von Boehringer Ingelheim und Knoll am 25. Oktober im Kongreßzentrum des ZDF in Mainz. Einig war man sich über das Ziel aller Bemühungen: die Verbesserung der medizinischen Versorgung bei möglichst nicht steigenden Kosten. Nur wer die Spinne im Netz sein würde, darüber gingen die Meinungen auseinander.

Dr. Hartmut Schmall, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), bot erneut Dienstleistungen der Apotheken in vernetzten Praxen an, die Ärzte darin unterstützen könnten, den Überblick über das Ausmaß ihrer Verordnungen zu bekommen. Wesentlich schneller als die Kassenärztlichen Vereinigungen könnten die Apothekenrechenzentren Daten und Verordnungsanalysen liefern. Die Vermeidung asymmetrischer Informationen zwischen Ärzten und Apothekern, die Verbesserung der Compliance und die Bewältigung des zunehmenden Kostendrucks aufgrund der Einnahmenproblematik der Krankenversicherungen seien eine gemeinsame heilberufliche Aufgabe, die nur in einer heilberuflichen Allianz gelöst werden könne.

Schmall rief zu gegenseitigem Respekt auf. Die Diagnose- und Therapiehoheit des Arztes und der pharmazeutische Sachverstand des Apothekers müßten sich ergänzen. Die pharmazeutische Betreuung diene der Erhöhung der Anwendungssicherheit und nicht der Therapiekontrolle des Arztes. Sie könne nur wirksam im Zusammenspiel zwischen Patient, Arzt und Apotheker sein. Ziel sei es, die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Durch den richtigen und effektiven Arzneimitteleinsatz könnten Kosten im Gesundheitssystem gespart werden, erklärte Schmall. Die an den vernetzten Praxen beteiligten Parteien hätten bedauerlicherweise bislang keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Die Apotheker könnten weitere Einsparpotentiale erkennen und die ökonomische Verantwortung mittragen. Sie könnten nach Schmalls Worten auch neue Versorgungsformen unterstützen, wenn die Qualität gesichert sei.

Einen Schlagabtausch lieferten sich Dr. Hans-Friedrich Spies, 2.Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, und der Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands, Otto Späth. Der HAV-Vorsitzende forderte die KV auf, die "sittenwidrigen und ethisch-moralisch nicht vertretbaren Bonusverträge" zurückzunehmen. Es könne nicht angehen, daß Ärzte durch Einsparungen bei der Arzneimittelverordnung ihr Honorar aufbesserten. Die KV wird nach den Worten von Spies "diesen sinnvollen Vertrag" nicht zurückziehen, weil es sich um eine berechtigte Honorierung der Arbeit in Qualitätszirkeln handele.

Vernetzte Praxen stehen, so Spies, für die Gesundheitsreform an sich. Dieser Versuch, Strukturen des Managed Care auf das deutsche Gesundheitssystem zu übertragen, beinhalte auch, daß "sich Patienten neu sortieren müssen", also gegebenenfalls auf Rechte wie die Primärarztwahl verzichten. Gleichzeitig sieht der KV-Vize in den neuen Vertragsformen eine Chance der niedergelassenen Ärzte. Einnahmenprobleme der GKV forderten vom Patienten höhere Eigenbeteiligung, zum Beispiel in Form einer Zusatzversicherung.

Die interessanteste Frage aber sei, wer das Zentrum des Netzes besetzen werde. Hier geht es um Macht im Gesundheitswesen, sagte Spies. Beruhigend sollte auf die Apotheker wirken, daß Erfahrungen in den USA zufolge die Arzneimittelausgaben in den Netzen über kurz oder lang steigen, da immer mehr Patienten vor einer Fehleinweisung geschützt und ambulant behandelt würden.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Mainz
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