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Penciclovir, ein neues Zytostatikum"

27.10.1997
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Govi-Verlag

Penciclovir, ein neues Zytostatikum"

Kurz nach Einführung von Famciclovir (Famvir® Zoster 250 mg, Famvir® 125 mg, -250 mg) im Jahr 1994 und Valaciclovir (Valtrex®) im Jahr 1995 kam Anfang 1997 ein weiteres Virustatikum in den Handel: Penciclovir, der aktive Metabolit von Famciclovir. Während Famciclovir und Valaciclovir systemisch - zur Behandlung von Herpes zoster und Herpes genitalis - eingesetzt werden, wird das Penciclovir-haltige Fertigarzneimittel zur Lokalbehandlung des Herpes labialis angewendet.

Aciclovir (Zovirax® und andere), ein Guanin-Derivat, war das erste Nukleosid-Analogon, das in den siebziger Jahren für die moderne antivirale Therapie der Herpes-Erkrankungen (lokal bei Herpes simplex, systemisch bei Herpes zoster) in den Markt eingeführt wurde. Im Gegensatz zu Aciclovir, das im Fall von Herpes labialis allenfalls bei Anwendung im frühen Prodromalstadium den Heilungsverlauf günstig beeinflußt, nimmt Penciclovir für sich in Anspruch, auch noch im fortgeschrittenen Stadium, wenn bereits Bläschen aufgetreten sind, die Heilung zu beschleunigen.

Penciclovir [9-(4-Hydroxy-3-hydroxymethylbut-1-yl) guanin] ist der Hauptmetabolit von Famciclovir. Der Wirkstoff wird in den virusinfizierten Zellen zum eigentlich virustatisch aktiven Metaboliten, Penciclovirtriphosphat, umgewandelt.

Indikationen und Anwendung


Vectavir® Creme ist zugelassen zur Beschleunigung der Krustenbildung beim natürlichen Heilungsverlauf von akuten Episoden leichter Formen, des rezidivierenden Herpes labialis. Die Creme sollte möglichst unmittelbar nach Auftreten der ersten Symptome (Prodromalstadium) in zweistündigen Abständen (mindestens sechs- bis achtmal täglich, am zweiten Behandlungstag möglichst zehn- bis zwölfmal) auf die Lippen aufgetragen werden. Die Behandlungsdauer beträgt vier bis fünf Tage.

Wirkung und Wirkungsmechanismus/Wirkspektrum


In virusinfizierten Zellen wird Penciclovir (PCV) durch ein virusspezifisches Enzym, die Thymidinkinase, rasch zum Monophosphat phosphoryliert. Diese Reaktion kann aufgrund der Abhängigkeit von einem viralen Enzym nur in Zellen erfolgen, in denen sich das Virus vermehrt. Anschließend katalysieren zelluläre Enzyme die weitere Umsetzung des Monophosphats über das Diphosphat in das Triphosphat.

Das Triphosphat, die eigentlich virustatisch wirksame Form von Penciclovir (PCV-TP), verdrängt aufgrund seiner Strukturanalogie zum Guanosin-Triphosphat kompetitiv das natürliche Substrat Desoxyguanosin-Triphosphat von der viralen DNS-Polymerase. Zu dieser besitzen die Nukleosid-Analoga eine - verglichen mit zellulären DNS-Polymerasen - wesentlich stärkere Affinität. Unter Abspaltung von Diphosphat wird Penciclovir-Triphosphat in die virale DNS eingebaut. Durch den Einbau des Strukturanalogons in den DNS-Tochterstrang erfolgt dort ein Abbruch der Synthese, so daß kein neues Virus-Genom gebildet werden kann. Dieser Abbruch der Virusgenom-Synthese hemmt effektiv die Bildung neuer Viren.

Das Wirkspektrum von Penciclovir umfaßt in vitro die doppelsträngigen DNS-Viren aus der Familie der Herpesviren. Neben den Herpes-simplex-Viren (HSV) Typ 1 (Erreger von Herpes labialis) und 2 (Erreger von Herpes genitalis) sind dies das Varizella-Zoster-Virus (VZV) und das Epstein-Barr-Virus (EBV).

Die Auswertung zweier großer, placebokontrollierter klinischer Studien zeigte, daß Penciclovir nicht nur bei frühzeitigem Behandlungsbeginn wirksam war, sondern auch dann noch, wenn die Therapie erst im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung begonnen wurde.

Penciclovir scheint damit einen gewissen "zeitlichen Vorteil" gegenüber Aciclovir zu besitzen. Frühere Untersuchungen haben nämlich gezeigt, daß Aciclovir allenfalls bei Anwendung im frühesten Prodromalstadium eine positive Wirkung auf den Heilungsverlauf besitzt.

Um diesen möglichen Vorteil von Penciclovir gegenüber Aciclovir abzusichern, wäre allerdings eine direkte Vergleichsstudie mit beiden Substanzen wünschenswert. Trotz des möglicherweise vorhandenen zeitlichen Vorteils sollte auch Penciclovir zum Erreichen eines optimalen Behandlungserfolges so früh wie möglich, am besten bei den ersten Anzeichen einer Herpes-labialis-Infektion und anschließend alle zwei Stunden auf die betroffenen Stellen aufgetragen werden.

PZ-Artikel von Rolf Thesen, EschbornTop>

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