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KTB Freiburg geht in Krebstherapieeigene Wege

19.10.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

KTB Freiburg geht in Krebstherapie
eigene Wege

Hell schimmern Teppichböden in den Gängen. Auf breiten Polstersesseln in dezenten Pastelltönen warten Patienten, bis sie in ein Behandlungszimmer gerufen werden. "Psychologen haben herausgefunden, daß bestimmte Farben nicht konditionieren. Wenn der Patient wieder nach Hause kommt, verbindet er nicht bestimmte Farbtöne mit seiner Krankheit." Das ist wichtig für die Menschen, von denen Professor Dr. Gerd Nagel spricht; sie haben Krebs. Nagel leitet die Klinik für Tumorbiologie (KTB) in Freiburg.

Die Atmosphäre wirkt in Freiburg anders, als in normalen deutschen Krankenhäusern: Sie erinnert an ein Hotel. Nicht kalte sterile Flure die durch Glasscheiben den Blick in blau oder grün geflieste Räume freigeben, sondern helle, freundliche Gänge, bunte Bilder an den Wänden, überall Pflanzen. "Dieses Haus hat seinen eigenen Flair. Wir haben sehr viel Wert darauf gelegt, intensiv auf unsere Patienten einzugehen; Zeit für sie zu haben. Auch das kann den Heilerfolg maßgeblich beeinflussen."

Im Sommer 1993 wurde die KTB eingeweiht. Anfangs arbeiteten hier 120 Menschen. Als Klinik ist das Zentrum zunächst dem Patienten und seiner optimalen Versorgung verpflichtet. Darüber hinaus versteht es sich aber auch als Leistungszentrum der klinischen Krebsforschung.

Die Idee, eine Institution zu gründen, in der einerseits krebskranke Menschen optimal betreut, therapiert sowie rehabilitiert werden und andererseits Wissenschaftler an neuen Behandlungsansätzen der Onkologie forschen, kam Nagel bereits Mitte der achtziger Jahre. Er hielt es für notwendig, den Patienten innerhalb der Schulmedizin Alternativen anzubieten, damit sie nicht in die Paramedizin "abdriften" (siehe auch Interview). Den Anstoß gaben ihm auch die Patienten. "Sie regten mich dazu an, die Krebsmedizin ganzheitlicher anzugehen." Für den Onkologen ein umstrittenes Terrain. Der Begriff der Ganzheitlichkeit sei eigentlich von der paramedizinischen Szene besetzt. "Wenn man ein solches Wort in den Mund nimmt, ist man in der Forscherszene bald der Außenseiter." Schnell wurde dem Onkologen klar: Ein solches Projekt gehört zwar in die Nähe einer Universität, braucht aber den nötigen Freiraum. Für Nagel war der Breisgau optimaler Standort. "An der Freiburger Uni zeigten sich ein paar starke Köpfe sehr aufgeschlossen." Heute wirtschaftet die KTB zwar privat, ist aber durch einen Kooperationsvertrag mit der Universität verbunden.

"Wir wollen nicht die klassische Krankenhausatmosphäre", betont Nagel. Deshalb sollen die Patienten auch möglichst selbständig bleiben. Sie machen meist ihre Betten selbst und gehen prinzipiell zum Essen in die Kantine. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten kommen Patienten ins Gespräch, tauschen ihre Erfahrungen aus. Zusätzlich bietet die KTB täglich ein vielseitiges Programm. Ein Plan neben dem Kantineneingang informiert, wann und wo die Frühgymnastik, der Töpfer- oder Kochkurs, Vorträge sowie verschiedene Entspannungs- und Meditationsübungen stattfinden. In einem Raum im Erdgeschoß der Klinik gibt es Waschmaschinen und Trockner. Wer will, kann hier seine eigene Wäsche waschen. Die Philosophie der Klinik: Müssen Patienten mehr selbst machen, verhindert das die Krankenhaus-typische Regression. Sie bleiben selbstbestimmt, aktiver und entdecken die Bedeutung der Selbsthilfe für ihre Genesung.

120 Millionen DM kostete der Bau der Klinik. Allein 60 Millionen DM wurden in den angegliederten Forschungsturm investiert. Inzwischen verbrauchen 100 bis 120 Wissenschaftler einen Jahresetat von 14 bis 16 Millionen DM. Das Land schießt zwar Gelder zu, der Löwenanteil stammt jedoch aus der Industrie, öffentlichen Fördereinrichtungen und den beiden Fördergesellschaften. Bei der Arzneimittelentwicklung setzen die Freiburger vor allem auf antiangiogenetisch wirksame Wirkstoffe aus der Natur. In Kooperation mit der Pharmaindustrie wurde bereits ein neues Präparat entwickelt, das ab Herbst 1998 im eigenen Haus klinisch getestet wird. Weitere Schwerpunkte: Die Forscher koppeln spezifische Antikörper an Immunotoxine, die nur in der Tumorzelle wieder abgespalten werden. Zusätzlich versucht man liposomal verkapseltes Doxorubicin gezielt in Krebszellen zu schleusen. Im Auftrag des Landes Baden-Württemberg prüfen Wissenschaftler aber auch unkonventionelle Therapieansätze. Das Team der KTB sucht und prüft wirksame Leitsubstanzen pflanzlicher Immunmodulatoren wie Mistel und Sonnenhut.

Seit Mitte 1994 sind die 200 Betten im KTB ständig voll belegt. Das Hospital teilt sich in einen Rehabereich mit 120 Plätzen und eine Akut-Klinik. Hier werden 80 Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen behandelt. "Wir nehmen Patienten auf, für die es keine Standardtherapie mehr gibt. Die Kranken wissen mittlerweile, daß wir als forschende Einrichtung immer noch mal eine Idee haben, wenn andere schon aufgeben." Die reine Tumorbehandlung wird in der KTB immer mit einer auf den Menschen zentrierten Behandlung kombiniert. Jeder Patient erhält obligat eine psychologische Betreuung, Ernährungsberatung, ausführliche Informationen über zusätzliche unkonventionelle Behandlungsansätze und zur Selbsthilfe. Das komme der Denkweise der Krebskranken sehr entgegen, meint Nagel.

In der Reha-Klinik werden hauptsächlich Knochemarktransplantierte und Patienten mit gravierenden psychosomatischen Beschwerden betreut. Neben der Landesversicherungsanstalt überweist auch die BfA Patienten nach Freiburg. Dabei kommt ein Drittel der Patienten aus Baden-Württemberg, der Rest aus der gesamten Bundesrepublik. Trotz intensiver Betreuung verfügt die KTB bei Standardleistungen über dieselben Personalschlüssel wie jede andere Klinik. "Wir sind selbstverständlich an die Pflegesätze und Vorgaben der Krankenkassen gebunden", betont Nagel. Die zusätzliche psychologische Rundumbetreuung der Patienten kostet jedoch Zeit und viel Personal. In der KTB arbeiten deshalb Psychologen, Mal- und Musiktherapeuten sowie Ernährungsberater. In einer eigenen Schulküche lernen Patienten, Speisen zuzubereiten, die ihren Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Solche Angebote werden mit Sondermitteln finanziert. Entweder die Patienten zahlen gewisse Extraleistungen selbst oder die beiden Fördergesellschaften steuern etwas bei. Beide Gesellschaften schießen dem Haus jährlich zwei Millionen DM zu.

"Die Medizin im kommenden Jahrtausend wird sich gewaltig ändern", erwartet der Klinikleiter. Klassische Therapie mit salutogenetischen Ansätzen zu ergänzen, sei ein Trend der Zeit. Die Klinik für Tumorbiologie ist kein exotischer Einzelfall, sondern geht anderen Häusern in Deutschland lediglich einen Schritt voraus.

PZ-Interview

"Die Apotheker helfen bei der Orientierung"

Professor Dr. Gerd Nagel beklagt, daß viele seiner Kollegen nicht ausreichend auf die Psyche und Wünsche von Krebskranken eingehen. Mehr Vertrauen hat er da schon zu den Apothekern, die er stärker in die Beratung von Tumorpatienten einbinden will.

PZ: Herr Nagel, Sie sagen, daß viele Ärzte die Bedürfnisse ihrer Krebspatienten nicht verstehen; woran liegt das?

Nagel: Ärzte und Patienten haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von der Krebsentstehung. In den Augen der Medizin ist Krebs eine Krankheit, in den Augen der Patienten ein Symptom, also ein Zeichen einer darunter liegenden Grundstörung. Und diese Grundstörung ist nach Patientenmeinung eine Abwehrstörung, die durch falsche Lebensweise, falsche Ernährung, durch chronische Vergiftung oder durch Einflüsse kosmischer Bestrahlung entsteht. Die Patientendenkweise ist völlig anders als die der Ärzte.

Wir Mediziner haben ein Denkgebäude aus unserem pathogenetischen Paradigma entwickelt. Wir sehen - und das ist auch richtig so - primär die Krankheit im Menschen. Aber es gibt eben eine andere, nämlich die salutogentische Sicht.

Die Kritik der Patienten an der Schulmedizin richtet sich aber nicht in erster Linie gegen die Möglichkeiten, die sich die wissenschaftlich orientierte Medizin in den letzten 150 Jahren erarbeitet hat. Kritisiert wird vielmehr, daß der Mensch in seinem Kranksein zu kurz kommt. Hier wird er von der Medizin zu wenig verstanden.

PZ: Sie sagen, der Mensch kommt in seinem Kranksein zu kurz. Was fehlt ihm in der Schulmedizin?

Nagel: Er sucht nach einer Möglichkeit, seine körpereigenen Abwehrkräfte zu stärken und so zur Bewältigung seiner Erkrankung, zur Verbesserung seines Schicksals beizutragen. Weil die Schulmedizin auf diese Dimension des Krankseins zu wenig eingeht, sucht der Patient Hilfe bei der unkonventionellen Medizin und zwar in Homöopathie, Anthroposophie oder gar in esoterischen Richtungen.

Damit kein Mißverständnis entsteht: Unsere Patienten wissen die Schulmedizin durchaus zu schätzen. Aber sie wollen nicht ausschließlich Objekt medizinischer Behandlung sein, sondern sich selbst gegen ihr gnadenloses Schicksal zu Wehr setzen. Sie wollen aus der Rolle des passiven Opfers heraustreten, in die Rolle dessen, der sich aktiv gegen dieses Schicksal wehrt.

PZ: Warum fällt es der Schulmedizin so schwer, auf diese offensichtlichen Bedürfnisse der Patienten einzugehen?

Nagel: Das liegt an der allgemeinen Entwicklung der westlichen Medizin. Vor 150 Jahren setzte sich die Meinung durch, daß man durch die Erkennung von Pathomechanismen, von Krankheiten und von Erregern alle Krankheiten heilen kann. Seitdem steht in der Schulmedizin die Krankheit und nicht der Patient im Zentrum.

PZ: Also ein rein mechanistisches Denken?

Nagel: Eher einseitig als mechanistisch. Wie mangelhaft die vereinfachte mechanistische Sicht ist, zeigen komplexe Krankheitsbilder, wie moderne Zivilisationsschäden oder Tumorerkrankungen, oder psychosomatische Erkrankungen. Hier hat die Medizin kaum einen Fortschritt gemacht. Wir sind dort vorangekommen, wo wir einfach in Kausalketten denken können. Dort sind die Fortschritte der Medizin beachtlich.

Die salutogenetische Denkweise, daß ein Mensch ja auch durch seine eigenen Körperkräfte gesund werden kann, ist dem pathogenetischen Denken so fern, daß wir sie außen vor gelassen haben. Seit mehr als hundert Jahren interessiert es die Medizin nicht mehr, wie der Körper das Wunder vollbringt gesund zu werden oder gesund zu bleiben. Erst in den vergangenen 20 Jahren hat sich zaghaft eine salutogenetische Forschung etabliert.

PZ: Was machen Sie in Ihrer Klinik anders als Ihre schulmedizinischen Kollegen?

Nagel: Lassen Sie es mich so sagen: Wir fördern die Synthese zwischen pathogenetischem und salutogenetischem Denken. Neben der Krankheitstherapie beschäftigen die Patienten grundsätzlich vier Dinge: Zuerst der psychische Streß, der den Krankheitsverlauf beschleunigt haben soll. Mit Hilfe von psychischer Betreuung wollen die Kranken aus dem Streß heraus.

Der zweite Punkt ist der Wunsch, sich aktiv gegen ein düsteres, nicht erkennbares Schicksal zu wehren. Das meinen die Patienten mit dem Wort "Abwehr". Dazu brauchen sie so etwas in der Hand wie eine Waffe, ein Hilfsmittel. Das Mittel wird zum Mittler. Hier kommen die Mistel oder die Antioxidantien ins Spiel. Es wird nicht gefragt, ob das Mittel pharmakologisch wirkt. Was zählt ist, ob es den Patienten in seiner Konzeption, in seinem Kampf, unterstützt; ob er daraus Kraft nimmt, darauf bauen kann.

Die Ernährung ist das Nächste. Viele Menschen haben das Gefühl, mit der Nahrung Schlacken und Giftstoffe aufzunehmen. Manche glauben auch an ein Heilprinzip in der Natur, das auf gesunder, natürlicher und biologischer Ernährung basiert. Wir essen gewissermaßen Heilkraft.

Und das vierte Thema, das Krebskranke beschäftigt, ist die Verbesserung der Lebensqualität. Hier wird viel nach Phytopräparaten gefragt.

PZ: Das scheint von der Schulmedizin so weit nicht entfernt zu sein.

Nagel: Nein. Natürlich nicht. Es ist überhaupt nicht schwierig, dem Patienten in seinen Bedürfnissen im Rahmen unseres konventionellen Medizinparadigmas zu begegnen. Ich brauche dazu nicht zur Alternativmedizin, zur Aryuveda oder zur chinesischen Medizin zu gehen.

Wenn die Schulmedizin ihre eigenen Alternativen nutzt, dann braucht es nicht die alternative Medizin. Mit anderen Worten, unsere alternativmedizinische Szene ist im Großen eine Kompensationsmedizin für Defizite, die die Schulmedizin aufweist. Aber wenn man diese Defizite innerhalb der Schulmedizin abbaut, dann gehen die Patienten auch nicht mehr zur Alternativmedizin.

PZ: Nach welchen Kriterien wählen Sie Methoden aus, die Sie in Ihrer Klinik anwenden? Gibt es eine wissenschaftliche Evaluation der Behandlungserfolge?

Nagel: Vom Land Baden-Württemberg haben wir den Auftrag erhalten, unkonventionelle Mittel in der Krebsmedizin wissenschaftlich zu überprüfen. Doch ist dies extrem schwierig. Zum Beispiel bei Phytopräparaten: Wirksubstanzen sind zum großen Teil nicht bekannt. Wie sollen wir Minimaleffekte von Mitteln messen bei krebskranken Patienten, die gleichzeitig viele andere pharmakologisch potente Medikamente einnehmen? Wir setzen unkonventionelle Mittel in der Krebstherapie aber nicht nur in Studien, sondern auch in Selbsthilfekonzepten ein.

PZ: Selbst wenn die Wirksamkeit schulmedizinisch nicht begründet werden kann?

Nagel: Auch dann, allerdings unter der Prämisse, daß das Präparat sicher ist und nicht aus der Außenseitermedizin stammt.

PZ: Wenn Sie die Wirkung wissenschaftlich nachweisen können, dann ist die Methode nicht mehr unkonventionell.

Nagel: Die Schulmedizin hat aus der Paramedizin immer wieder Methoden integriert, nachdem diese Methoden überprüft und als wirksam befunden worden waren. Beispiel eines Grenzmittels zwischen Schul- und Naturmedizin ist die Mistel. Es gibt wissenschaftliche Hinweise darauf, daß Mistellektine eine Antitumorwirkung haben. Sie hat sicher eine immunmodulierende Funktion. Nun muß der Stellenwert der lektinstandardisierten Mittel, wir arbeiten mit Lektinol, abgesichert werden.

PZ: Glauben Sie, daß sich der von Ihnen propagierte ganzheitliche Ansatz in der Krebstherapie durchsetzen wird und die Schulmedizin allgemein stärker auf unkonventionelle Methoden zurückgreift?

Nagel: Ich denke, es ist ein Trend der Zeit, das pathogenetische Paradigma durch salutogenetisches Denken zu ergänzen. Wir sind hier anderen vielleicht einen Schritt voraus.

Aber nicht wir haben die Ideen des ganzheitlichen Ansatzes in die Welt gesetzt. Solche Ideen entstehen in einer bestimmten Zeit in einer Gesellschaft. Die Schulmedizin an den Hochschulen, heute noch erstarrt in ihrer einseitigen, an Krankheiten orientierten Denkweise, wird sich öffnen müssen, wenn sie die Akzeptanz der Gesellschaft behalten will. Sie wird nicht Paramedizin, aber gesellschaftskonform werden.

PZ: Herr Nagel, welche Rolle spielen Apotheker für Krebspatienten?

Nagel: Mehr und mehr Krebskranke suchen bei Apothekern Rat, weil sie mit ihrem Arzt nicht über ihre eigenen Krankheitsvorstellungen, die dem naturheilkundlich-salutogenetischen Denken entsprechen, reden können. Apotheker haben es gelernt, das Denken von Patienten nachzuvollziehen und darauf einzugehen, ohne den Boden des kritischen Denkens zu verlassen.

Wir wissen das ziemlich genau, weil wir unsere Patienten fragen, warum sie überhaupt auf unkonventionelle Methoden gekommen sind. Dann kommt immer wieder der Apotheker ins Spiel. Die Patienten sagen: "Ich konnte mit meinem Arzt nicht über Mistel reden. Aber mit meinem Apotheker schon."

Die Apotheker helfen bei der Orientierung, sie haben heute sehr oft eine Lenkungsfunktion übernommen für Patienten, die einen ganz bestimmten Weg suchen. Er ist ein Ratgeber. Wo zu viele Informationen den Patienten verwirren, hilft er bei der Orientierung. Ich denke jedoch, daß manche Apotheker noch besser ausgebildet werden sollten, um ihre Funktion als Wegweiser an einen ganz wichtigen strategischen Knotenpunkt noch besser zu erfüllen.

PZ: Sind Sie sich denn der Unterstützung Ihrer Kollegen sicher, wenn Sie die Apotheker als Partner mit ins Boot holen wollen? Ärzte schätzen es nicht immer, wenn sich Apotheker in die Behandlung von Krebskranken einmischen.

Nagel: Mir geht es nicht um den Apotheker als Co-Therapeuten, sondern als Orientierungshilfe. Gemeint ist nicht die Orientierung über Diagnosen, sondern zu Lebenskonzepten, Selbsthilfe-Strategien, zur Seriosität bestimmter unkonventioneller Methoden. Den Patienten muß geholfen werden, damit sie zwischen seriösen und unseriösen Angeboten auf dem Medizinmarkt unterscheiden können.

Apotheker haben bei der Patientenberatung eine wichtige Funktion. Das Ziel ist ein kompetenter Patient. Deswegen ist es mir ein Anliegen, Apotheker noch intensiver auf ihre Möglichkeiten, Chancen, aber auch Aufgaben, die sie haben, hinzuweisen. Deshalb müssen wir uns fragen, ob Apotheker in dieser Hinsicht ausreichend ausgebildet und geschult werden. Kennen sie den Krebssektor und die Denkmechanismen von Patienten gut genug? Und wenn nicht, dann meine ich, sollte man hier auch ganz spezielle Schulungen für Apotheker anbieten.

Ein weiterer Punkt ist die Qualitätssicherung innerhalb der Medizin. Wir müssen sehen, daß wir heute immer mehr überinformierte Patienten haben und die vor lauter Information desorientiert sind. Sie bekommen Ratschläge vom Arzt, vom Apotheker, vom Physiotherapeuten, vom Nachbarn, über das Internet, über telefonische Beratungsdienste und soziale Beratungsstellen in den Dörfern.

Und hier muß man dem Menschen sagen, welche Informationen für ihn gut sind und welche nicht. Wir erbringen deshalb seit einigen Jahren immer mehr Beratungsleistungen, auch sogenannte Second Opinions. Das sind zweite Meinungen, die sich Patienten auf Eigeninitiative einholen. Apotheker vermitteln oft derartige Kontakte zwischen Patienten und dem Gutachter, der die Zweitmeinung abgibt.

Wir haben extra einen telefonischen Beratungsdienst eingerichtet, bei dem man eine Second Opinion erbeten kann (Siehe Kasten). Kranke Menschen können uns anrufen, wir nennen ihnen dann Ärzte in ihrer Region, die ihnen weiterhelfen. Nach meinen Gesprächen mit Apothekern kommt es häufig vor, daß ein Patient in der Offizin um Rat fragt. Der Apotheker sollte dann wissen, wo es kompetente Institutionen gibt, die eine Second Opinion abgeben können.

PZ: Sie sehen im Apotheker also einen Berater, der verhindern soll, daß ein Patient der Schulmedizin verloren geht?

Nagel: Es geht nicht darum, den Patienten der Schulmedizin zu erhalten. Patienten können und sollen die Medizin und ihren Arzt frei wählen. Es geht darum, Patienten zu helfen, die richtige Entscheidung zu treffen und vor allem auch, sie vor Schaden zu bewahren. Dazu sind Apotheker besonders prädestiniert.

Sie sind eine hochprofessionalisierte Gruppe, die sich für ihre Patienten Zeit nimmt. Patienten trauen sich ganz schlicht ihrem Apotheker mehr Fragen zu stellen, als ihrem Arzt. Wenn sich der Arzt auf eine Position als Spezialist für die Krankheit im Menschen zurückgezogen hat, wird der Apotheker stärker auf den Menschen in der Krankheit eingehen. Dies ist eine gute Ergänzung beider Berufsgruppen.

PZ-Artikel von Ulrich Brunner und Daniel Rücker, Freiburg

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