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Die Bevölkerung erwartetvon uns Problemlösungen

20.10.1997  00:00 Uhr

-Apothekertag 1997

Govi-Verlag


Die Bevölkerung erwartet
von uns Problemlösungen

ABDA-Präsident Hans-Günter Friese stellte seinen mit langanhaltendem Beifall erwiederten Lagebericht zum 49. Deutschen Apothekertag unter das Leitthema "In die Zukunft investieren". "Wir müssen als Pharmazeuten möglichst viele unserer heute verfügbaren Ressourcen in die eigene Zukunft und die Zukunft unserer Gesellschaft investieren", bekräftigte Friese.

Der ABDA-Präsident wies auf einen Paradigmenwechsel hin. Die pharmazeutische Verantwortung habe sich von der Produktqualität des Arzneimittels zu einer Einsatz- und Anwendungsqualität weiterentwickelt. Der eigentliche Umdenkprozeß bestehe darin, daß die Gesellschaft diese Einsatz- und Anwendungsqualität von Arzneimitteln als fundamentales Problem auch unter ökonomischen Gesichtspunkten aufgegriffen und begriffen habe.

Unbestritten sei, daß viele Millionen Male im Jahr die Einsatz- und Anwendungsqualität von Arzneimitteln in Deutschland verbessert werden könnte. Die Bevölkerung erwarte von den Heilberuflern umfassende Problemlösungen. Dieser Herausforderung werde sich der Berufsstand stellen. In der Praxis würde nur in jedem zweiten Fall das Arzneimittel richtig angewandt. Das heißt, ein Therapieerfolg stellt sich nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 45 Prozent ein. "Eine erschreckend niedrige Zahl", so Friese. Der Patient sei demnach der Unsicherheitsfaktor Nummer 1 in der Medikation.

Eine moderne Gesellschaft wird nach Frieses Auffassung nicht bereit sein, das heutige Ausgabenvolumen für eine derart niedrige Therapieerfolgswahrscheinlichkeit aufzuwenden. Das sei kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen. Die Gesundheitspolitik werde deshalb immer mehr die Qualitätssicherung und die Erhöhung der Therapieerfolgsquote zur zentralen Aufgabe der Heilberufler machen. Das sei der neue Paradigmenwechsel, der Umdenkprozeß, der das Berufsbild des Apothekers verändern werde. Hier gebe es finanzielle Einsparpotentiale, die mehr brächten als das "zitronenhafte Auspressen der Festbeträge".

Wichtigster Ansatzpunkt sei die Verbesserung der Patientencompliance, die zu einer Reduktion der Morbidität und des Mortalitätsrisikos führen werde. Die Compliance aber könne nur in einem auf den konkreten Einzelfall maßgeschneiderten Dialog verbessert werden: "One-for-all-Lösungen, Blaupausen und Gesprächsschablonen funktionieren nicht". Schließlich wird die Gesellschaft aufgrund des Umdenkprozesses künftig die Apotheker für Non-Compliance mit zur Verantwortung ziehen, ist Friese überzeugt. "Wir werden dabei die Erfahrung machen, daß Qualität mit Qual - sich um den Patienten bemühen - zusammenhängt".

Die zweite fundamentale Ursache mangelnder Einsatzqualitäten von Arzneimitteln liegt in der asymmetrischen Information der Heilberufler über die Medikation des Patienten, so der ABDA-Präsident. Der Hausarzt kenne nicht die Medikation des Spezialisten und umgekehrt. Und beide kennen nicht die Selbstmedikation. Daraus folgt: eine nicht synchronisierte Medikation ist stets ein potentieller Einsatz- und Anwendungsfehler. Die einzige mögliche Lösung dieses Problems sei das Kommunikationsdreieck Arzt-Patient-Apotheker. Darüber hinaus würden die Gesellschaft und damit auch die Apotheker von den neuen Informationstechnologien und Daten gezwungen, diese zur Intensivierung der heilberuflichen Kommunikation zu nutzen.

Als weiteres Problem sprach Friese an, daß sich die Schere zwischen Lebenserwartung und beschwerdefreier Lebenserwartung in den vergangenen Dekaden geöffnet habe. Für das Jahr 2039 werden in Deutschland 2,4 Millionen Schwerstpflegefälle prognostiziert - mit der Folge gigantischer, volkswirtschaftlich nur schwer zu verkraftender Kosten. Auch deshalb müsse das Leistungspaket "Arzneimittelversorgung" konsequent zu einem umfassenden pharmazeutischen Betreuungspaket und einer heilberuflichen Allianz für den Patienten geschnürt werden.

Friese zog ein Zwischenfazit: Zu jeder Zeit kann und muß die Arzneimittelversorgung nicht mehr und nicht weniger als das Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Gegebenheiten sein. Gesellschaftlicher Wandel bedeutet daher auch Wandel in der Arzneimittelversorgung und Änderungen im Berufsbild und der Berufsausübung. "Wir wollen und werden keine Blockierer oder passive Mitläufer, sondern aktiven Gestalter in allen Fragen der Arzneimittelversorgung sein. Wir fühlen uns fit für das Jahr 2000 und danach."

Friese wies aber auch auf die besonderen Risiken hin, die sich im Gesundheitswesen im Verbund mit einer zunehmenden und politisch geförderten Singularisierung der Interessen - in einer "Gesellschaft der Ichlinge" - ergeben.

Hintergrund: trotz geringerer Ausgaben verzeichnen die Krankenkassen arbeitsmarktbedingt geringere Einnahmen und damit ein höheres Defizit. Die Politik habe darauf reagiert und die beiden GKV-Neuordnungsgesetze erlassen. Insbesondere die in § 73 a SGB V vorgesehenen Strukturverträge bergen Gefahren für die Versorgung. Die neue bilaterale Vertragsfreiheit werde von Ärzten und Kassen genau so benutzt, wie wir es befürchtet und prognostiziert haben, erklärte Friese mit dem Hinweis auf die in Berlin, Brandenburg und Hessen abgeschlossenen "Bonusverträge". Aus dem harmlosen Slogan "Vorfahrt für die Selbstverwaltung" sei die knallharte Formel "Minderverordnung gleich Mehrhonorar" geworden. Der Weg in die "Gesellschaft der Ichlinge" sei gesetzlich legitimiert. Die bilateralen Strukturverträge heben den mehr als 750 Jahre gültigen Grundsatz auf, wonach der Arzt weder mittelbar noch unmittelbar am Arzneimittel verdienen soll.

Weitere Gefahrenmomente sieht Friese in der Forderung nach dem Wegfall der Apothekenpflicht, der Freigabe der Arzneimittelpreise, der Ermöglichung von Versandhandel und Kettenapotheken. Fremd- und Mehrbesitzverbot, Apothekenpflicht und Preisbindung von Arzneimitteln seien keine "benefits" für die Offizinapotheker. Mit ihnen gehen vielmehr zahlreiche Verpflichtungen, Einschränkungen und Auflagen einher, die die Apotheker dem Gesamtwohl verpflichten. Ohne diese Regulative gebe es auf dem deutschen Arzneimittelmarkt rüde Hardsellingmethoden wie im Konsumgütereinzelhandel.

Unwirsch zeigte sich der ABDA-Präsident gegenüber unkalkulierbaren Vorstellungen deutscher und anderer Gesundheitsökonomen und amerikanischen Gesundheitsmanagern, die das bewährte deutsche System mit amerikanischen Methoden beglücken wollen. Er rief dazu auf, deren Strategie einer ausschließlichen Gewinnmaximierung zu entlarven. Wie wichtig und wertvoll das deutsche Gesundheitssystem unseren Bürgerinnen und Bürgern ist, zeige sich daran, daß fast alle der 40 Millionen Einwohner, die pro Jahr ins Ausland reisen eine Reisekrankenversicherung abschließen, deren wichtiges Leistungsmerkmal der Rücktransport ins deutsche Gesundheitswesen ist.

Der Blick nach vorn

Friese richtete den Blick nach vorn. Die Gesellschaft müsse Abstand nehmen von der hohen Kunst des Problematisierens. Diese Neigung des Berufsstandes wie der Deutschen allgemein lasse wertvolle Aufbruchstimmung in der Paralyse enden. Der gesellschaftliche Paradigmenwechsel verlange jedoch nach Investitionen. "Wir müssen in den Apotheken sowohl in Raum und Einrichtung, als auch in unsere kommunikativen Fähigkeiten investieren, wenn wir auch weiterhin ein wesentlicher Faktor im Gesundheitswesen bleiben wollen". Das Ziel heiße "Pharmazeutische Betreuung", die in jeder Offizin Standard werden müsse. Er rief dazu auf, den ABDA-Gedanken weiter auszubauen. "Wir haben den Anspruch, alle Apothekerinnen und Apotheker zu vertreten, egal ob sie in Offizinen, im Krankenhaus, in der Industrie, Wissenschaft und Forschung oder Verbänden tätig sind".

Nach dem ersten dreiviertel Jahr seiner Amtszeit ist Friese davon überzeugt: die ABDA-Geschäftsstelle ist gut gerüstet. Mit Dank an das Team nach Eschborn gerichtet: Hochmotivierte Köpfe meistern die Aufgaben absolut professionell, ideenreich und in höchstem Maße engagiert. Neben der Einbeziehung des beruflichen Nachwuchses in die Entscheidungsprozesse sprach sich Friese auch für klare und verläßliche Rahmenbedingungen in der Zusammenarbeit mit der Industrie aus. Gegenüber dem Patienten sei ein unabhängiger Informationsweg nur über den Apotheker möglich - die Industrie sei also gut beraten, wenn sie die Apotheker vollumfänglich in ihren Informationstransfer einbezieht. Das gleiche gelte für den pharmazeutischen Großhandel und die Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft. "Wir respektieren ohne Wenn und Aber die Therapiehoheit des Arztes - wir wollen aber auch unsere pharmazeutische Kompetenz durch die Ärzte akzeptiert und genutzt wissen."

Frieses Fazit: Die Pharmazie befindet sich in keiner Sackgasse. "Wir müssen aktiv investieren - ideell wie finanziell - in Modellversuche und Projekte der Zukunft, in denen die Leistung des Apothekers sichtbar und belegbar wird. Er, Friese, lasse nicht zu, daß die Leistungen gegenüber Patienten und Kunden kleingeredet werden.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Düsseldorf

Auch rechtlich bedenklich
Kommentar
von Hartmut Morck, Chefredakteur

Daß die Bonusverträge zwischen den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenkassen in Berlin, Brandenburg und Hessen auf den heftigen Widerstand der Pharmazeutischen Industrie und der Apothekerschaft stoßen werden und als ethisch nicht haltbar definiert werden müssen, haben die Meinungsbeiträge auf dem Deutschen Apothekertag deutlich gezeigt. Die Kritik hat erfreulicherweise auch die nötige Resonanz in den Medien gefunden. Nur der Gesundheitsminister konterte auf die Angriffe zurückhaltender und versprach zu prüfen.

Geprüft werden sollte aus meiner Sicht allerdings auch ein anderer Punkt, der in der Diskussion auf dem Apothekertag noch keine Rolle spielte. Nach wie vor wird die Gesetzliche Krankenversicherung als ein soziales System definiert, das auf Solidarität - sowohl auf der Einnahmen- als auch auf der Ausgabenseite - gegründet ist. Wenn dem wirklich so ist und politisch auch beabsichtigt ist, es dabei zu belassen, dann ist sicher die Frage gestattet, ob Einsparungen im System nicht auch der Solidargemeinschaft zukommen, sprich, zu Beitragssenkungen führen müssen? Meine Antwort ist ein klares Ja.

Das heißt, auch Einsparungen bei den Arzneimitteln müssen zu Beitragssenkungen führen und dürfen nicht zwischen Ärzten und Krankenkassen aufgeteilt werden. Bonusregelungen wie in Berlin, Brandenburg und Hessen sind aus meiner Sicht deshalb ein weiterer Schritt - nach der Einführung der hohen Zuzahlungen - zur Entsolidarisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung und damit rechtlich zumindest bedenklich.

Wie kann dagegen vorgegangen werden und vor allem: Wer kann das tun? Da die gesetzlichen Krankenversicherungen aus den Beiträgen der Versicherten finanziert werden, die zur Hälfte die Arbeitnehmer und zur anderen Hälfte die Arbeitgeber zahlen, können auch nur diese gegen Bonusregelungen vor einem Sozialgericht klagen, um die Rechtmäßigkeit solcher Vereinbarungen prüfen zu lassen. Das wird allerdings ein steiniger Weg sein, denn ein solcher Prozeß würde voraussichtlich erst nach Jahren mit einem höchstrichterlichen Spruch vor dem Bundessozialgericht abgeschlossen werden. Wie der ausfallen wird, kann heute mit Sicherheit nicht vorausgesagt werden. Ein schnellerer Weg wäre deshalb, daß das Gesundheitsministerium sich gegen diese Verträge ausspricht, wenn der Bundesminister der gleichen Meinung ist wie ich. Das muß nach Düsseldorf zumindest bezweifelt werden.

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