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Eröffnung der Expopharm:Kritik an Bonusverträgen

20.10.1997  00:00 Uhr

-Apothekertag 1997

Govi-Verlag


Eröffnung der Expopharm:
Kritik an Bonusverträgen

In der Beurteilung der gesundheitspolitischen Lage scheinen sich Apotheker, Großhandel und Industrie weitgehend einig zu sein. Auf der Eröffnungsveranstaltung zur Expopharm lehnten Vertreter der Industrieverbände und des Pharmagroßhandels einhellig die Bonusverträge zwischen Ärzten und Krankenkassen ab, die gemeinsame Erklärung zur Arzneimittelpreisverordnung wurde dagegen von allen begrüßt. Gute Voraussetzungen also für eine dringend notwendige engere Zusammenarbeit.

Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren wurde die Messe nicht von einem Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums eröffnet, sondern vom DAV-Vorsitzenden Hermann S. Keller persönlich. Wie aus den Grußworten der anwesenden Marktpartner hervorging, sind sich Apotheker, Großhandel und der großen Industrieverbänder in der Beurteilung der aktuellen politischen Lage weitgehend einig.

Das große Engagement der Selbstmedikationsanbieter nahm der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes mit großer Genugtuung zur Kenntnis. Der DAV sei daran interessiert, weiterhin gemeinsam aktiv die Zukunft zu gestalten, sagte Keller auf der Eröffnungsveranstaltung zur Expopharm 1997 im Düsseldorfer Congress Centrum Süd.

Als ausgewogen und angemessen bezeichnete auch der Vorsitzende des Deutschen Apotheker Verbandes (DAV), Hermann S. Keller die gemeinsame Erklärung von Krankenkassen, Großhandel und Apothekern. Mit dem Konsensvorschlag, der eine Kappung der Preisspanne bei teuren Arzneimitteln vorsieht, werde die jahrelange, unsägliche Diskussion über Vertriebsmargen im hochpreisigen Bereich beendet, konstatierte Keller.

Bei dem erreichten Kompromiß gebe es weder Sieger noch Besiegte, dafür bestehe jetzt endlich wieder Planungssicherheit und Verläßlichkeit. Der DAV-Vorsitzende rechnet damit, daß die Regierung die Änderung der Arzneimittelpreisverordnung noch in diesem Jahr verabschieden werde.

Die Vereinbarung ist nach Kellers Auffassung ein gutes Lehrstück für eine engere Zusammenarbeit von Kassen, Industrie und Apothekern. Krankenkassen und die Industrie sollten den Sachverstand der Apotheker in Zukunft noch stärker nutzen, forderte der DAV-Vorsitzende. Denn bislang werde die apothekerliche Kompetenz nicht ausreichend von den Marktpartnern genutzt. Keller: "Die Apotheker können mehr als sie dürfen." Industrie und Apotheker seien verpflichtet, im Interesse der Patienten gemeinsame Wege zu gehen.

Mit Sorge blickt Keller auf die finanzielle Situation der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), denn diese habe auf der Einnahmenseite ein großes Problem. Die hohe Arbeitslosigkeit und sinkende Realeinkommen lassen immer weniger Geld in die Kassen der Kassen fließen. Als Folge zeichne sich für 1997 bereits ein deutliches Defizit ab, obwohl die Leistungsausgaben rückläufig seien, führte der DAV-Vorsitzende aus. Weitere Sparmaßnahmen seien deshalb unausweichlich.

Keller warnte davor, das Defizit durch eine pauschale Begrenzung der Leistungsausgaben bekämpfen zu wollen: "Sparen heißt nicht, mit dem Rasenmäher alles niederzumachen, was Ausgaben verursacht und Geld kostet, schon gar nicht, wenn es um Gesundheit geht." Die Reduktion der Ausgaben in einzelnen Bereichen könne durchaus zu einer Steigerung der Gesamtausgaben führen. Sinnvolles Sparen bedeute deshalb "Kostenmanagement mit Köpfchen".

Das größte Sparpotential sieht Keller bei den Krankenhäusern. Mit einem Anteil von mehr als 30 Prozent der Gesamtausgaben ist der Klinikbereich der größte Kostenblock in der Gesetzlichen Krankenversicherung. Ziel müsse es deshalb sein, so wenig Patienten wie möglich im Krankenhaus zu behandeln. Außerdem solle die durchschnittliche Dauer von Krankenhausaufenthalten gesenkt werden.

Keine weiteren Einsparmöglichkeiten bestünden dagegen im Arzneimittelbereich, sagte Keller weiter. Der Anteil der Medikamentenkosten an den GKV-Ausgaben ist seit Jahren rückläufig. Der Trend hält auch 1997 an: In diesem Jahr werden die Krankenkassen weniger für Arzneimittel ausgeben als 1992, prognostizierte der DAV-Vorsitzende. Keller: "Wenn alle anderen Ausgabenbereiche ebenfalls auf dem Niveau wären, dann hätte die GKV bis weit über die Jahrtausendwende keine Finanzierungsprobleme."

Durch den Trend zur Selbstmedikation werde der Apotheker als Berater immer wichtiger, so Keller weiter. In Zukunft werde sich der Apotheker deshalb noch stärker als Dienstleister verstehen müssen. Der Schlüssel zum Erfolg heiße Kundenorientierung. Durch ihre fundierte Ausbildung seien Apotheker als Berater rund um das Arzneimitel konkurrenzlos, "alldieweil andere Abgabestellen von freiverkäuflichen Arzneimitteln diese Kompetenz nicht haben und auch nicht im Wochenendkurs erlernen können".

Einstimmige Ablehnung der Bonusregelung

Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA), Cornelia Yzer, zeigte sich bei der Eröffnungsveranstaltung erleichtert über die Wendung der Diskussion um die Modifizierung der Arzneimittelpreisverordnung. Die jetzt diskutierten Vorschläge würden die Problematik um hochpreisige, innovative Arzneimittel entschärfen. Angesichts knapper Ressourcen im Gesundheitswesen sei aber zu befürchten, daß die Kosten der Vertriebswege sehr schnell wieder zum Diskussionsgegenstand werden könnten. Deshalb sei es wichtig, daß die Apotheker im engen Dialog mit den Arzneimittelherstellern blieben.

Yzer sprach sich gegen die Arzneimittelversorgung von Pflegeheimen durch Krankenhausapotheken aus. Änderungen im Sinne des Bundesrates würden voraussichtlich zu einer erheblichen Steigerung der Kosten der Arzneimittelversorgung im Krankenhaus führen.

Die Hauptgeschäftsführerin des VFA wies außerdem darauf hin, daß aufgrund der angespannten Finanzsituation die Grenzen für die weitere Entwicklung der Arzneimittelumsätze eng gesteckt seien. Gemeinsames Ziel der Beteiligten im Arzneimittelbereich müsse es aber sein, die Finanzierbarkeit des therapeutischen Fortschritts in der gesetzlichen Krankenversicherung zu sichern.

Angesichts der Diskussion um neue Versorgungsformen wies Yzer darauf hin, daß ein integriertes Kosten- und Qualitätsmanagement die reine Kostenmanagement-Diskussion ablösen müsse.

Die Bonus-Verträge, die Krankenkassen und Kassenärzten in Berlin, Brandenburg und Hessen abgeschlossen haben, würden nicht zu Einsparungen, sondern zu einer bedenklichen Umverteilung der verfügbaren Mittel im Gesundheitswesen führen. Die Vertragspartner hatten vereinbart, daß diejenigen Ärzte einen finanziellen Bonus erhalten, die nur zurückhaltend Arzneimittel verordnen.

Zuvor hatte auch Keller bereits heftige Kritik an der Bonusregelung geübt. Ärzte kämen durch diese Vereinbarung zwangsläufig in einen Interessenskonflikt. Keller: "Bonusvertrag heißt im Klartext, daß es der Arzt seinem Geldbeutelmit Minderverordnungen auf Kosten seines Patienten besser gehen lassen kann."

Auch Peter Dewein, Geschäftsführer Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialpolitik des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), sprach sich gegen diese Bonus-Verträge aus. Hier werde die Ökonomie über die Ethik gestellt, sagte er. Lothar Jenne, Vorsitzender des Bundesverbandes des pharmazeutischen Großhandesl, bezeichnete die Bonusregelungen als unmoralisch, weil sie den Arzt vor die Alternative "Einkommenssicherung oder Therapieoptimierung" stelle.

Dennoch prognostizierte Jenne, daß Apotheker auch in Zukunft keine Existenzsorgen haben müßten, da die Bedeutung des Arzneimittels seiner Meinung nach in Zukunft noch erheblich wachse. Angesichts der Tatsache, daß bisher erst ein Drittel aller bekannten Krankheiten behandelt werden könne und angesichts der Perspektiven der Gentechnologie für die Entwicklung neuer Arzneimittel, gelange man zu dem Schluß, daß das bisherige Potential an wirksamen Arzneimitteln nur ein erster Schritt war.

Johannes Burges, Vorsitzender des Bundesfachverbandes der Arzneimittelhersteller, äußerte sich besorgt darüber, daß immer mehr Lebensmittelhersteller mit gesundheitlichen Aussagen werben. Es könne nicht angehen, daß Produkte, die keiner Zulassung bedürfen, sich in ihrem Anspruch wie ein Arzneimittel darstellen. Auch dieses Problem stelle - wie die Restriktionen im Bereich der GKV - eine Herausforderung für die Arzneimittelhersteller und die Apotheker dar.

PZ-Artikel von Monika Noll und Daniel Rücker, Düsseldorf<Top>

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