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VFA: Innovationen müssen "made in Germany"bleiben

12.10.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

VFA: Innovationen müssen "made in Germany" bleiben

Der VFA wird weiter für einen zukunftssicheren und innovationsfreundlichen Standort Deutschland eintreten. Daran wird sich auch nach der Bundestagswahl nichts ändern, erklärte Dr. Horst Freisler, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA), bei einem Presseseminar in Windhagen bei Bonn.

"Wir werden uns weiterhin mit konstruktiven Vorschlägen an der Politikgestaltung beteiligen und mit Argumenten überzeugen", sagte Freisler mit Blick auf die neue Legislaturperiode unter Führung von SPD und Bündnis 90/Die Grünen. Zweifel hat Freisler an den Absichten der Bündnisgrünen zur "roten" Gentechnik, der Gentechnik in der Medizin. Sie respektierten zwar in ihrem Wahlprogramm "den Einsatz der Gentechnik bei Medikamenten, Diagnostik und Grundlagenforschung, wenn die heutige Medizin den Betroffenen keine Alternative bietet". Ob diese Position aber einschließe, gentechnische Forschung, Entwicklung und Produktion innovativer Arzneimittel in Deutschland zu fördern, sei ungewiß.

Gegenwärtig ist nach Freislers Worten noch nicht abzusehen, welche Prioritäten eine neue Bundesregierung der Gesundheitspolitik beimessen werde. Einiges spreche dafür, daß Veränderungen im Gesundheitswesen weder inhaltlich noch zeitlich vorrangig angegangen werden. Dafür sei der Handlungsdruck auf anderen Politikfeldern zu hoch. Außerdem habe die SPD-Parteispitze das gesamte Wahlprogramm unter Finanzierungsvorbehalt gestellt.

Das Gesundheitswesen wird sich nach Freislers Einschätzung weiter in dem Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Kostendruck bewegen. Der Gesundheitsmarkt, der anerkanntermaßen zu den Wachstumsbranchen gehöre, werde aber mittelfristig mit Finanzierungsengpässen zu kämpfen haben. "Darauf mit einer Global-Budgetierung der GKV-Ausgaben bei gleichzeitiger Rückführung der Zuzahlungen reagieren zu wollen, hieße, die Wachstumsdynamik zu brechen", so der VFA-Vorsitzende.

Der VFA verweigere sich weder einer sozialpolitisch gewollten Neuabgrenzung von Solidarität und Individualität noch einer grundsätzlichen Diskussion über die Einführung einer Positivliste. Der Verband stehe für eine indikationsorientierte Strukturierung des Arzneimittelmarktes. "Wir sagen ja zu einer Überprüfung von Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit individueller Arzneimittel als Voraussetzung für die Zulassung durch das BfArM. Wir sagen nein zur der erneuten Bewertung der gleichen Kriterien durch ein weiteres Gremium zur Erstellung der Positivliste", so Freisler. Dies würde Arzneimittelforschung zum Lotteriespiel werden lassen und berge die Gefahr, daß ganze Therapierichtungen - vornehmlich die von den Bündnisgrünen präferierten besonderen Therapierichtungen - diskriminiert werden.

Kassen wollen erweiterte Vertragsfreiheiten

Mit der neuen Regierung und dem 100-Tage-Programm der SPD geht die AOK optimistisch in die nächste Legislaturperiode. Das erklärte der Vorstandsvorsitzende der AOK, Dr. Hans Jürgen Ahrens, in Windhagen. Man frage sich allerdings auch in diesen Kreisen, wer die künftigen Spieler sein werden.

Die aus der Not geborenen Kostendämpfungsmaßnahmen der Vergangenheit seien die falsche Medizin gewesen, weil Strukturdefizite nicht überwunden werden konnten. Schlechte Versorgungsabläufe, zu viele Krankenhauseinweisungen und schlecht abgestimmte Medikationspläne seien weiter an der Tagesordnung. Die AOK sieht nach Ahrens Worten dringenden politischen Handlungsbedarf, wobei sie der SPD höhere Kompetenz bei der Überwindung des Reformstaus in Deutschland zuspricht. Als erstes müßten die Überkapazitäten bei den Ärzte und Krankenhäusern angegangen werden. Überkapazitäten bei den Apotheken - "wir haben zu viele" - seien für die AOK kein Problem, weil sie nicht Kostenverursacher seien. "Das ist allein das Problem der Apotheker", so Ahrens.

Der Wettbewerb hat nach Auffassung des AOK-Vorsitzenden auf Kassenseite unbestreitbar neue Antriebskräfte zur Weiterentwicklung der Versorgung freigesetzt. Damit allerdings innovative Versorgungskonzepte in Form von Modellvorhaben und Strukturverträgen greifen könnten, müssen die Handlungsspielräume der Krankenkassen erweitert werden. Dies bedeute, daß Modellverträge notfalls auch gegen den Willen der Kassenärztlichen Vereinigungen abgeschlossen werden können. "Es ist ein Hemmschuh für die notwendige Innovationskultur, wenn Vetorechte der Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen dort unerwünschte Einzel- und Gruppenverträge verhindern können. Der Handlungsspielraum der Krankenkassen zur Steuerung von Kapazitäten, Mengen, Preisen und Qualität der Leistungserbringer müsse daher erweitert werden.

Hauptursachen der Leistungsexplosion sind nach Ahrens die Überversorgung mit Ärzten im ambulanten Sektor. Im stationären Sektor sei eine durchgreifende Reform der Krankenhausplanung und -finanzierung notwendig, "die den Krankenkassen mehr Einfluß auf die bedarfsgerechte Vorhaltung von Kapazitäten gibt". Vor allem müßten die Vergütungsstrukturen bei Ärzten und Krankenhäusern durchdacht werden. Für alle Versorgungsbereiche gelte, daß Inhalte und Form der Leistungserbringung auf ökonomische Effizienz getestet werden müssen. "Dies muß dann auch für die Bereiche gelten, die nicht im primären Fokus der Ausgabendämpfung stehen, beispielsweise beim Vertrieb von Arzneimitteln oder der Abgabe von Hilfsmitteln", heißt es in Ahrens’ schriftlichem Statement. Flankierende Dienstleistungen wie pharmPro zur Beratung der niedergelassenen Ärzte bei Arzneimittelverordnungen und WidO-Klip zur Analyse von Krankenhauskosten treten flexibel neben Modellprojekte.

Vernetzte Strukturen sind für Ahrens die Zukunft für die ambulante Versorgung, wobei "noch nicht jeder Ärztestammtisch schon ein Netz ist". Vor allem brauchten die Leistungserbringer finanzielle Anreize, damit Unwirtschaftlichkeiten abgebaut werden. Pauschalen und gemeinsame Budgets seien ebenso Ziele wie Disease-Management und mehr Transparenz.

Gegen die Intransparenz des Leistungsgeschehens und für die Patienteninteressen müssen laut Ahrens die Informationsrechte der Krankenkassen erweitert werden. Dies schließe Empfehlungsrechte der Kassen in allen Versorgungsbereichen ein. Auch beim Datenschutz seien Veränderungen dort notwendig, wo er die Intransparenz des Leistungsgeschehens sanktioniert oder Patienteninteressen entgegenstehe.

PZ-Artikel von Gisela Stieve, Windhagen Top

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