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BCG-Studie zeigt: Innovationen drücken die Kosten

12.10.1998
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-Politik

Govi-Verlag

BCG-Studie zeigt: Innovationen
drücken die Kosten

Innovative Versorgungskonzepte sowie neue pharmazeutische Wirkstoffe führen nicht nur zu einer besseren medizinischen Versorgung, sondern wirken auch kostensenkend. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG), die der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Auftrag gegeben hat. Pharmaunternehmen beschränken sich dabei nicht mehr auf Forschung, Entwicklung und Vermarktung neuer Präparate, sondern unterstützen Patienten, Ärzte und Versicherungen auch in zunehmendem Maß durch Weitergabe von Know-how, das sich auf die Prävention und alle Glieder der Behandlungskette bezieht. Die weit verbreiteten chronischen Erkrankungen stehen im Zentrum solcher Disease-Management-Konzepte, in die idealerweise alle beteiligten Akteure und Leistungserbringer einbezogen werden.

An sieben Erkrankungen zeigen die Autoren der Studie auf, daß es dabei auch in Deutschland erste meßbare Fortschritte gibt: bei Diabetes mellitus, Asthma, Hypertonie, HIV/AIDS, Krebs, Depression und Magengeschwüren. Bessere Versorgungsqualität bei sinkenden Ausgaben sind aber auch bei anderen Erkrankungen möglich, wie etwa eine zweijährige Pilotstudie im Bereich chronisch obstruktiver Bronchitis und Lungenemphysem gezeigt hat.

Therapiedurchbruch: Magengeschwüre sind heilbar

Die inzwischen möglich gewordene Heilung der Magengeschwüre ist Paradebeispiel für einen Therapiedurchbruch mit Hilfe von Produktinnovationen, die eine Umstellung der gesamten Behandlungskette ausgelöst haben. Mit einer Kombination aus einem Protonenpumpenhemmer und der Eradikationstherapie kann Helicobacter pylori vollständig eliminiert werden. In über 90 Prozent der Fälle ist damit eine kausale Heilung schon im ersten Anlauf möglich, und gleichzeitig wird die Häufigkeit von Magenkrebs reduziert. Weniger Arbeitsunfähigkeitstage und kaum noch Krankenhausaufenthalte haben bei dieser Krankheit zu starken Kosteneinsparungen geführt. In Deutschland werde das jährliche Einsparpotential auf 3,2 Milliarden DM direkter Kosten und möglicherweise bis zu zwölf Milliarden DM indirekter Kosten geschätzt, so die Boston Consulting Group.

Ganz anders ist die Ausgangssituation bei Diabetes mellitus, an der vier Millionen Menschen in Deutschland leiden. Eine schlechte Blutzuckereinstellung steht in direktem Zusammenhang mit den auftretenden Komplikationen. Zudem führt die wachsende Zahl von Neuerkrankungen in den Industrieländern zu hohen Belastungen der Gesundheitssysteme. Eine kausale Therapie ist nicht in Sicht. Für Deutschland konnte in Studien gezeigt werden, daß vor allem eine schlechte Stoffwechseleinstellung, beispielsweise mit Blutzuckerwerten von über 7,8 mmol/l nüchtern oder einem HbA1c größer 9,5 Prozent, für die hohen, durch Diabetes verursachten Kosten verantwortlich ist.

Schlecht eingestellte Typ-I-Diabetiker verursachen demnach bis zu 4,5mal höhere Kosten als gut eingestellte Patienten (14.000 DM gegenüber 3.000 DM pro Jahr). Dabei handelt es sich hauptsächlich um Kosten, die durch verlängerte Krankenhausaufenthalte sowie indirekt durch Arbeitsunfähigkeit verursacht werden. Diese Kosten überwiegen bei weitem die Ausgaben der gut eingestellten Patienten für vermehrten Materialbedarf zur Blutzuckerselbstkontrolle (etwa 2.000 DM pro Jahr).

Diabetes: bis zu zwölffache Kosten bei schlechter Einstellung

Noch deutlicher ist der Kostenunterschied nach Angaben der Autoren bei Typ-II-Diabetikern. Hier verursacht eine schlechte Einstellung acht- bis zwölfmal höhere Kosten (13.100 DM im Vergleich zu 1.100 DM pro Jahr und Patient).

Die Ursachen einer schlechten Einstellung liegen teilweise bei den Patienten, teilweise bei den Ärzten, heißt es in der Studie. Die Compliance sei vor allem beim Typ II (ältere Patienten, zahlreiche Begleiterkrankungen) schon aufgrund der Vielzahl verordneter Medikamente häufig niedrig. Hinzu komme, daß Ärzte oft wichtige Parameter der adäquaten Blutzuckereinstellung sowie Untersuchungen (Augenhintergrund, Füße) vernachlässigten, die erste Anzeichen von Spätkomplikationen aufdecken sollten. Diese Versäumnisse dürften teils auf betriebswirtschaftliche Gründe, teils auf Qualifizierungsmängel zurückzuführen sein, wird vermutet.

Innovative Versorgung hebt die Lebensqualität

Dennoch haben in den letzten Jahren vor allem Prozeßinnovationen dazu geführt, die Lebensqualität von Diabetikern zu verbessern, stellt die Boston Consulting Group fest. Neben einer stärkeren Integration von Schulungsprogrammen, Kommunikationssystemen zwischen Arzt und Patient sowie Dokumentationshilfen für einzelne Stufen der Behandlungskette hätten sich innovative Versorgungsansätze durch Kooperation von Krankenversicherungen, Patientengruppen und Arzneimittelherstellern entwickelt. So wird beispielsweise beim Modellversuch von AOK und Kassenärztlicher Vereinigung in Thüringen die ärztliche Vergütung - allerdings noch in geringem Maße - von der Qualität der Untersuchungen und Schulungsmaßnahmen bei Diabetikern abhängig gemacht. Alle Leistungen müssen im Diabetiker-Paß und auf vereinbarten Vordrucken dokumentiert werden. Die beteiligten Hausärzte und Schwerpunktpraxen wenden ein EDV-gestütztes Dokumentationsprogramm zur Verlaufs- und Behandlungskontrolle an (technische Plattform: Qmax), das den Vergleich der eigenen Behandlungsdaten mit denen der Kollegen ermöglicht.

Aber auch Produktinnovationen haben die Diabetiker-Versorgung verbessert. Dazu gehören besonders schnell wirksame modifizierte Insuline, bei denen der sonst übliche Spritz-Eßabstand entfallen kann. Und ein neues orales Antidiabetikum vom Sulfoylharnstoff-Typ, das nur einmal täglich verabreicht werden muß, erleichtert seit kurzem die Therapietreue und weist zudem ein geringeres Unterzuckerungsrisiko auf als ältere Vertreter dieser Substanzklasse. Ferner ermöglichen neue Blutzuckermeßgeräte mit Sensortechnik und Vakuumstechhilfe eine einfachere Handhabung und geringere Schmerzen bei der Blutentnahme.

Weniger Arbeitsunfähigkeits- und Krankenhaustage

Daß Prozeß- und Produktinnovationen bei der Diabetiker-Versorgung zu deutlich verbesserter Qualität bei sinkenden Kosten führen, haben nach Einschätzung der Autoren Diabetes-Schwerpunktpraxen bereits vorgemacht. Dort behandelte Patienten weisen 74 bis 97 Prozent weniger Arbeitsunfähigkeitstage auf als Diabetiker, die außerhalb von Schwerpunktpraxen behandelt werden. Die Zahl der Krankenhaustage ist 67 bis 93 Prozent niedriger. Neue Schulungskonzepte und Patientenbetreuung nach den Standards der Deutschen Diabetes Gesellschaft haben diesen Erfolg ermöglicht. Außerdem hat sich nach Einschätzung der Patienten ihre Lebensqualität mit der Betreuung in Schwerpunktpraxen verbessert.

PZ-Artikel von Karl H. Brückner, BonnTop

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