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Candida-Hysterie in USA längst out

12.10.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Candida-Hysterie in USA längst out

Wegen einer angeblichen Mund-Magen-Darm-Mykose lassen Patienten viel Geld bei Heilpraktikern oder Medizinern. Wie die Darmsanierung zu bewerten ist, erklärte Dr. Lutz Schneider, Apotheker aus Wuppertal, seinen Kollegen in München während des PZ-Forums.

Die Mund-Magen-Darm-Mykose (MMD- Mykose), ausgelöst durch Candida albicans, hat vor einigen Jahren in den USA als Auslöser für eine ganze Reihe von Symptomen einen wahren Boom erlebt. Der Hefepilz muß seitdem für eine Vielzahl von Befindlichkeitsstörungen herhalten: Blähungen, perianaler Juckreiz, Migräne, Heißhunger auf Süßes und Kohlenhydrate, permanenter Eisen- und Zinkmangel, Alkoholunverträglichkeit, Übergewicht, Herzbeschwerden oder hyperkinetisches Syndrom. Mittlerweile ist in den USA die Candida-Hysterie wieder abgeflacht, hat aber inzwischen Deutschland erreicht.

Tatsache sei, so Schneider, daß sowohl die Mykologische Gesellschaft in den USA als auch die in der Bundesrepublik der MMD-Mykose in einer offiziellen Stellungnahme nicht die Bedeutung zuschreiben, die sie eigentlich gemessen an der Zahl der therapierten Patienten haben müßte. Auch die Amerikanische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie hat bereits 1986 die schädigende Wirkung eines Candida-Syndroms als spekulativ abgetan. Nur in den wenigsten Fällen sei der Hefepilz tatsächlich der Übeltäter für die Beschwerden und daher eine Darmsanierung angebracht.

In den unspezifischen Symptomen sieht Schneider den Grund, warum so viele Menschen glauben, eine Candida-Infektion zu haben. Jeder leide irgendwann an derartigen Symptomen. Nach Ausführungen des Referenten haben etwa 20 Prozent der Bevölkerung Candida albicans auf der Haut und 30 bis 60 Prozent scheiden Candida mit dem Stuhl aus. Nur bei einem äußerst geringen Prozentsatz wirke der Pilz aber auch pathogen. Damit er Krankheitserscheinungen auslöst, müssen bestimmte prädisponierende Faktoren vorhanden sein wie eine geschwächte Abwehrlage (durch HIV, Glucocorticoide, Immunsupressiva) oder eine Stoffwechselkrankheit wie Diabetes oder Hyperurikämie. Keimzahlen von 102- bis 103/g Stuhl haben bei normaler Immunabwehr keine pathologische Bedeutung, auch wenn das manche Heilpraktiker oder Mediziner glauben machen wollen.

Die von Ärzten eingesetzte Therapie besteht aus Nystatin, einer zuckerfreien Diät (Laktose ist inkonsequenterweise erlaubt) und einer Darmsanierung mit dickdarmwirksamen (beispielsweise Mutaflor®) und dünndarmwirksamen (beispielsweise Paidoflor®) Präparaten. Abgesehen davon, daß die Behandlung sehr teuer ist, bringt sie den meisten Patienten keine Besserung, weil die nachgewiesenen Keimzahlen das Krankheitsbild ja gar nicht auslösen können, sagte Schneider. Auch eine Diät sei bei wirklich Erkrankten nur sinnvoll, wenn sie konsequenterweise kohlenhydratfrei sei, weil der Pilz Glucose als Nährboden benötigt. Sich kohlenhydratfrei zu ernähren ist in der Praxis nicht möglich.

Candida in Windeln und Mundwinkeln

Bei einer Windeldermatitis liegt der Verdacht nahe, daß Candida albicans die Pusteln an Babys Popo verursacht. Schneider riet zur externen und internen Nystatin-Behandlung. Nur auf dem peroralen Wege sei dem Problem langfristig beizukommen. Entwarnung übrigens für Kunststoffwindeln: Eine Studie ergab, daß mit Kunststoffwindeln versorgte Säuglinge nicht häufiger an einem Windelsoor leiden als mit Stoffwindeln gewickelte Babys.

Während Candida-Infektionen im Mund (Mundsoor, Mundfäule) im Kindesalter unproblematisch mit Nystatin- oder Amphotericin-haltigen Präparaten anzugehen sind, bedeutet nach den Ausführungen Schneiders Mundsoor im Erwachsenenalter in den meisten Fällen »den Ernstfall«. »Bei jüngeren Patienten sollten Sie immer an eine HIV-Infektion denken. Mundsoor ist häufig der erste Hinweis. 70 bis 90 Prozent der HIV-Positiven haben Candidosen. Raten Sie eventuell zu einem HIV-Test.« Aber auch eine Tumorerkrankung, Diabetes oder ein durch systemische Glucocorticoide geschwächtes Immunsystem können dahinterstecken.

Auch den Mundwinkeln kann der Hefepilz zu schaffen machen. Unter der Apothekenkundschaft leiden besonders die Älteren an schlecht heilenden Mundwinkelrhagaden. Die schmerzhaften Einrisse in den Mundwinkeln werden gerne von Hefen besiedelt. Auch hier macht Nystatin Candida zuverlässig den Garaus. Die Einrisse rühren übrigens nicht von einem Vitamin-B-Mangel her, wie fälschlicherweise immer wieder behauptet wird, informierte Schneider. Dafür gebe es in der Literatur keine Beweise. Vielmehr sei ein Eisenmangel oder ein Diabetes Ursache des Malheurs. Auffällig sei auch, so Schneider, daß ältere Zahnprothesenträger chronisch unter Mundwinkelrhagaden leiden. Weitere Möglichkeit: »In Frage kommt auch eine Refluxstörung. Allerdings müssen dafür noch weitere Symptome auftreten wie eine schmerzende Speiseröhre oder Sodbrennen.«

PZ-Artikel von Elke Wolf, München Top

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