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Wo würden Sie Reformieren?

13.10.1997  00:00 Uhr

-Titel

Govi-Verlag

Wo würden Sie Reformieren?

Die Pharmazeutische Zeitung hat in Verbindung mit dem Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel in Heft 47/1996 eine Leserumfrage mit der Überschrift "Wo würden Sie reformieren?" durchgeführt. Eine gleichlautende Umfrage erfolgte im Deutschen Ärzteblatt. Wesentliche Ergebnisse der Leserumfrage in der Pharmazeutischen Zeitung werden hiermit vorgestellt und mit den Ergebnissen der Leserumfrage im Deutschen Ärzteblatt verglichen.

Mit der Leserumfrage sollten sich Apotheker zu Kernfragen der Weiterentwicklung unseres Gesundheitswesens äußern. Die Diskussion darüber wird überwiegend von der Politik und von Verbänden geführt. Wer im Gesundheitswesen tätig ist, wird kaum in die Diskussion einbezogen.

An der Leserumfrage zu den Themen
O Rationalisierung
O Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung
O Selbstbeteiligung in der gesetzlichen Krankenversicherung
O Rationierung
haben sich 209 Personen beteiligt. Der Anteil der Apothekerinnen beträgt 39 Prozent, der Anteil der Apotheker 61 Prozent der Antworten. Aus der Altersverteilung ergibt sich, daß überwiegend diejenigen geantwortet haben, die berufstätig sind. Rund 90 Prozent arbeiten in einer öffentlichen Apotheke, etwas mehr als 3 Prozent sind im Krankenhaus tätig. 7 Prozent sind in der pharmazeutischen Industrie, im öffentlichen Gesundheitsdienst und in sonstigen Bereichen beschäftigt. Diese Verteilung ist im wesentlichen ein Spiegelbild der Tätigkeitsbereiche von Apothekern.

Rationalisierungsreserven

96 Prozent der Apotheker sind der Auffassung, daß im Gesundheitswesen eine wirtschaftlichere Erbringung von Gesundheitsleistungen, daß Rationalisierung möglich ist. Die Rationalisierungsreserven werden von mehr als zwei Dritteln der Apotheker als wesentlich und von einem Sechstel als groß eingeschätzt. Am häufigsten wird mit 82 Prozent das Krankenhaus als Bereich genannt, in dem Rationalisierungsreserven mobilisiert werden können. 74 Prozent sehen im Kurwesen Rationalisierungsreserven, 44 Prozent in der ambulanten Versorgung, 31 Prozent bei Arzneimitteln, 27 Prozent bei Heilmitteln, 26 Prozent in der Rehabilitation und 23 Prozent bei Hilfsmitteln (Mehrfachnennungen waren möglich). Als weitere Bereiche werden Rationalisierungsreserven bei Krankenkassen durch eine Senkung der Verwaltungskosten, eine Reduktion der Ausgaben für Werbung und eine Einschränkung von Gesundheitskursen genannt.

Ärzte sehen mit 95 Prozent ebenfalls Rationalisierungsreserven im Gesundheitswesen. In ähnlich großem Umfang wie die Apotheker (69 Prozent) schätzen die meisten Ärzte (64 Prozent) die Rationalisierungsreserven als wesentlich ein. Ärzte gehen allerdings in höherem Maß (25 Prozent) davon aus, daß die Rationalisierungsreserven im Gesundheitswesen groß sind. Insbesondere Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst und niedergelassene Ärzte sehen die Rationalisierungsreserven als groß an.

Unter den Ärzten wird mit 81 Prozent das Kurwesen als erster Bereich genannt, in dem Rationalisierungsreserven mobilisiert werden können. Weitere Bereiche sind: Krankenhaus, Arzneimittelversorgung, ambulante Versorgung, Heilmittel, Hilfsmittel und Rehabilitationsleistungen.

Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung


Mit 86 Prozent ist die Mehrheit der Apotheker der Auffassung, daß Leistungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung gestrichen werden können. Dabei sind Apotheker in höherem Maß (89 Prozent) als Apothekerinnen (81 Prozent) dieser Auffassung. 87 Prozent der Apotheker halten es sogar für erforderlich, trotz bestehender Rationalisierungsreserven Leistungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen. Mit überwältigender Mehrheit wird der gesamte Bereich der Gesundheitskurse von den Apothekern als Leistungsbereich genannt, der aus dem Leistungskatalog herausgenommen werden kann. Ebenfalls gestrichen werden können nach Auffassung der Apotheker Kuren, Leistungen für Sportverletzungen, die Pille, Fahrtkosten und Leistungen für Schwangerschaftsabbruch. Kuren für Rentner werden vollständig abgelehnt. Es wird auch darauf hingewiesen, daß eine Leistungsbeschränkung im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung streng an Kosten-Nutzen-Überlegungen orientiert sein muß.

Ärzte befürworten mit 90 Prozent eine Streichung von Leistungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Ärztinnen und Apothekerinnen lehnen im Vergleich zu männlichen Kollegen in deutlich höherem Maß Leistungseingrenzungen ab. Rationalisierungsreserven sehen Ärzte hauptsächlich bei Massagen. Aus den Antworten läßt sich ablesen, daß nach Auffassung von Apothekern und Ärzten der Rationalisierung im Gesundheitswesen für die Reform unseres Gesundheitswesens eine wesentliche Bedeutung zukommt.

Selbstbeteiligung in der gesetzlichen Krankenversicherung

Die zum Zeitpunkt der Fragestellung geltende Selbstbeteiligungsregelung in der gesetzlichen Krankenversicherung erschien 90 Prozent der Apotheker als zumutbar für den Versicherten. Die höchste Zustimmung zur Selbstbeteiligung äußerten die Antwortenden mit jeweils 96 Prozent in den Altersgruppen unter 35 Jahre sowie 60 Jahre und älter.

57 Prozent befürworten eine Ausweitung der Selbstbeteiligung, 43 Prozent lehnen dies ab. Eine Einbeziehung von Leistungen, die bisher nicht von Zuzahlungen betroffen sind, befürworten 25 Prozent. Von 21 Prozent wird vorgeschlagen, sowohl bestehende Selbstbeteiligungen zu erhöhen als auch den Bereich der Leistungen mit Zuzahlungen auszuweiten. In der Altersgruppe 40 bis 49 Jahre befürworten 53 Prozent die Ausweitung der Selbstbeteiligung auf weitere Leistungen. In den übrigen Altersgruppen wird eine Ausweitung der Selbstbeteiligung auf zusätzliche Leistungen von 25 bis 50 Prozent als sinnvoll erachtet.

62 Prozent der Antwortenden, welche die bestehende Selbstbeteiligung für zumutbar halten, befürworten eine Ausweitung der Selbstbeteiligung. Die Apotheker nennen als Leistungen, die zukünftig mit einer Selbstbeteiligung versehen werden sollten, Arztbesuch, kieferorthopädische Maßnahmen bei Kindern, Hilfsmittel, Behandlungen nach Sportunfall, Kontrazeptiva und Gesundheitskurse.

Übereinstimmend mit den Apothekern sehen Ärzte mit 90 Prozent die bestehenden Selbstbeteiligungsregelungen als zumutbar an. Jüngere Ärzte in der Altersgruppe unter 35 Jahre sehen die Selbstbeteiligungsregelungen weniger häufig als zumutbar an als ältere Ärzte und Apotheker in der gleichen Altersgruppe. 67 Prozent der Ärzte befürworten eine Ausweitung der Selbstbeteiligung. 31 Prozent lehnen diese Möglichkeit ab. Die Ärzte befürworten in geringerem Maß (20 Prozent) Selbstbeteiligung für Leistungen, die bisher nicht von Zuzahlungen betroffen sind.

Rationierung

Von besonderem Interesse ist die Feststellung von 80 Prozent der Apotheker, daß bereits heute Rationierung im Gesundheitswesen stattfindet. Diese Einschätzung ist bei jüngeren Apothekern stärker ausgeprägt als bei älteren Apothekern. Folgerichtig halten 54 Prozent Rationierungsmaßnahmen zukünftig für unvermeidbar. Nach Auffassung von 64 Prozent der Antwortenden wird Rationierung im Gesundheitswesen auch dann unvermeidbar sein, wenn Rationalisierungsreserven ausgeschöpft werden.

Als Kriterium für eine Rationierung wird von Apothekern überwiegend gefordert, daß eine gleiche Versorgung für alle gewährleistet sein muß. Das Alter des Patienten darf kein Grund für eine Rationierung von Gesundheitsleistungen sein.

Ärzte sind mit 59 Prozent in deutlich geringerem Maß der Ansicht, daß Rationierung bereits stattfindet. Diese Auffassung ist am ausgeprägtesten in der Altersgruppe unter 35 Jahre. Der Anteil nimmt mit steigendem Alter kontinuierlich bis auf 50 Prozent ab. 70 Prozent der Antwortenden halten eine Rationierung im Gesundheitswesen trotz Ausschöpfung von Rationalisierungsreserven für unvermeidbar.

Von den Ärzten wird darauf hingewiesen, daß bestimmte Leistungen nicht mehr gewährt werden sollten, damit eine Rationierung vermieden werden kann.

Fazit

Die Antworten der Apotheker stimmen im wesentlichen mit der Einschätzung der Ärzte überein. Die Ergebnisse aus beiden Umfragen machen deutlich, wie dringend eine ehrliche und öffentliche Diskussion über das Thema Rationierung im Gesundheitswesen ist. Zusätzlich zu der Frage der Rationierung ist der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu überprüfen und auf wesentliche Elemente zu konzentrieren. Damit Rationalisierungsreserven realisiert werden können, sind unabhängig von der Diskussion über eine Rationierung im Gesundheitswesen Maßnahmen zur Rationalisierung unerläßlich.

Apotheker, Ärzte, andere Gesundheitsberufe und Gesundheitspolitik werden der Frage, wie mit dem Thema Rationierung umgegangen werden soll, nicht ausweichen können. Aus beiden Umfragen wird insbesondere deutlich, daß nicht die Frage zur Diskussion steht, ob rationiert werden muß, sondern vielmehr die Frage, wie Maßnahmen zur Rationierung von Gesundheitsleistungen auszugestalten sind.

PZ-Titelbeitrag von Axel Olaf Kern, Fritz Beske, Johannes F. Hallauer, KielTop

 

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