Pharmazeutische Zeitung online

VFA: Diskussion um Distribution geht weiter

13.10.1997  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

VFA: Diskussion um Distribution geht weiter

Trotz aller anderslautender Ankündigungen haben die einzelnen Maßnahmen der Gesundheitsreformen immer wieder Auswirkungen auf den Arzneimittelbereich. Das haben die Apotheker ebenso zu spüren bekommen wie die Pharmaindustrie. Die Pharmazeutische Zeitung wollte wissen, wie der Verband Forschender Arzneimittelhersteller(VFA) die Lage im Herbst 1997 beurteilt. Wir befragten den VFA-Vorsitzenden Dr. Horst Freisler und die Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer.

PZ:
Der VFA hat sich kürzlich zu neuen Versorgungsformen geäußert. Handelt es sich dabei um Konzepte mit empfehlendem Charakter oder will der Verband selbst ein Modellprojekt nach seinen Vorstellungen auf den Markt bringen?

Yzer:
Der VFA befaßt sich mit dem Themenfeld "neue Versorgungsformen", weil wir davon überzeugt sind, daß integrierte Versorgungskonzepte dazu beitragen können, die sektorale Betrachtung einzelner Leistungsbereiche mit all ihren negativen Auswirkungen für die Patienten und die Finanzsituation der Gesetzlichen Krankenversicherung zu überwinden. Ziel muß ein integriertes Kosten- und Qualitätsmanagement sein. Dazu sind alle Beteiligten - Ärzte, die forschenden Arzneimittelhersteller, die Apotheker, aber auch die Kassen gefordert, ihr Know-how einzubringen. Die forschenden Arzneimittelhersteller werden in einem solchen System weiterhin mit der Entwicklung innovativer Arzneimittel die Grundlage für therapeutische und organisatorische Innovationen bereitstellen. Sie werden darüber hinaus verstärkt als Kooperationspartner für Anbieter und Nachfrager im Gesundheitssystem agieren. Sie können zudem bei bestimmten Indikationen mit Disease-Management-Konzepten als eigenständige Anbieter auftreten. Das werden für die Mitglieder des VFA Wettbewerbsparameter sein, die sie unterschiedlich nutzen werden. Ein eigenes Modellprojekt des Verbandes sehe ich da nicht, womöglich aber Rahmenvereinbarungen mit einzelnen Krankenkassen oder Kassenarten.

PZ:
Bei der Festlegung der Richtgrößen für Arzneimittel sollen gemäß der Bundesempfehlung, Anlage 2, solche Verordnungen ausgenommen werden, bei denen keine Anhaltspunkte für unwirtschaftliche Anwendungen oder Mengenausweitungen bestehen. Findet dieser Vorschlag Ihre Zustimmung, oder muß er noch erweitert beziehungsweise eingegrenzt werden?

Freisler:
Wir werten den Ansatz, bestimmte Wirkstoffe bei der Festlegung von Richtgrößen auszunehmen, insgesamt positiv. Zwar hätten wir die Herausnahme bestimmter Indikationen lebensbedrohlicher Erkrankungen beziehungsweise Erkrankungen mit schwerwiegenden Folgen für den Patienten bevorzugt, doch kann auch die wirkstofforientierte Lösung der Empfehlung zu Richtgrößen unsere Zustimmung finden. Für wichtig halten wir, daß die Anlage 2 aktualisiert und möglichst weitgehend mit der Kategorie I des VFA-Dreiteilungsmodells kompatibel gemacht wird. Dann wäre erreicht, daß Ärzte, Krankenkassen und forschende Pharmaindustrie eine gemeinsame Position vertreten.

PZ:
Die Spitzenverbände der Gesetzlichen Krankenkassen, der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels und der Deutsche Apothekerverband haben sich jetzt auf einen Konsens zur Änderung der Arzneimittelpreisverordnung verständigt. Kann der VFA diesen Konsens mittragen oder sind Ihrer Meinung nach Korrekturen notwendig?

Freisler:
Der VFA kann mit dem Konsens leben. Man sollte sich aber davor hüten, von einer Lösung zu sprechen. Dieser Begriff wäre zu hochtrabend, muß man sich doch vor Augen halten, daß durch die jetzt geplante Änderung der Arzneimittelpreisverordnung ein Anteil von gerade mal 0,2 Prozent der GKV-Arzneimittelausgaben umgeschichtet wird. Daß damit die Diskussion um die Distributionskosten und die Arzneimittelpreisverordnung beendet ist, bezweifle ich.

PZ:
Die Pharmaindustrie und die Apothekerschaft haben eines gemeinsam: Sie sind bei vielen Verhandlungen nur Zaungäste. Am Tisch sitzen Vertreter der Krankenkassen und der Ärzte. Wo müßten Ihrer Meinung nach auch die anderen am Gesundheitssystem beteiligten Gruppen gehört werden?

Yzer:
Wenn man es mit dem Schlagwort der partnerschaftlichen Lösungen ernst meint, müssen die Beteiligten und Betroffenen in die Entscheidungsfindung substantiell einbezogen werden. So sollten Arzneimittelhersteller und Apotheker bei den Entscheidungen des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen im Hinblick auf die Arzneimittelrichtlinien ein echtes Mitwirkungsrecht haben. Das Gleiche gilt etwa im Hinblick auf die Festbeträge, Richtgrößen, Erprobungsregelungen und Strukturverträge.

PZ:
Kann der VFA inzwischen schon erkennen, ob - unabhängig von den Gründen - die erhöhte Zuzahlung der Patienten auf Arzneimittel eine Auswirkung auf den Arzneimittelmarkt hat?

Freisler:
Nein. Zwar ist der Apothekenmarkt im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat um gut sieben Prozent und im August sogar um mehr als zehn Prozent zurückgegangen, dies kann jedoch ein Reflex auf den im Juni festgestellten Vorzieheffekt sein. Insgesamt ist der Umsatz auf dem deutschen Apothekenmarkt in den ersten acht Monaten mit plus 0,2 Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum nahezu unverändert. Das leichte Marktwachstum von plus 1,7 Prozent, das noch bis Juli zu verzeichnen gewesen ist, ist im wesentlichen von Innovationen getragen worden. Während das Preisniveau nahezu unverändert und die Mengenkomponente bis zu diesem Zeitpunkt mit minus 5,4 Prozent deutlich zurückgegangen ist, weist die sogenannte Strukturkomponente, die ein Indiz für die verstärkte Nutzung innovativer Arzneimittel ist, bis einschließlich Juni einen Zuwachs von sieben Prozent auf.

Ob und inwieweit sich die erhöhte Zuzahlung auf die Struktur des Arzneimittelmarktes auswirkt, wird man frühestens Ende des Jahres mit einiger Sicherheit sagen können.

PZ:
Wie steht der VFA vor diesem Hintergrund heute zu dem Dreiteilungsmodell des Arzneimittelmarktes?

Yzer:
Die Entwicklung auf dem Apothekenmarkt zeigt, wie Dr. Freisler eben dargestellt hat, einen wachsenden Bedarf und eine wachsende Nachfrage innovativer Arzneimittel, besonders bei schweren und chronischen Krankheiten. Dieser Trend wird durch die generelle, allenthalben gewünschte Verschiebung vom stationären zum ambulanten Sektor verstärkt. Angesichts dieses Trends und der offensichtlich wachsenden Einsicht, daß die umstrukturierten Arzneimittelbudgets gescheitert sind, ist das VFA-Konzept der indikationsorientierten Dreiteilung des Arzneimittelmarktes aktueller denn je. Wenn die Finanzmittel der solidarisch finanzierten Krankenversicherung nicht ausreichen, alle Leistungen gleichermaßen zu bezahlen, dann muß es zu einer Neubestimmung von solidarisch finanzierten Leistungen und der Eigenverantwortung kommen. Das VFA-Modell ist hierzu nach wie vor das intelligenteste Konzept auf dem Markt.

PZ:
Die Globalisierung in der Pharmaindustrie schreitet voran. Wie steht es einerseits um die Sicherheit der Arbeitsplätze in der pharmazeutischen Industrie und andererseits um die Attraktivität des Standorts Deutschland?

Freisler:
Keine Frage, unsere Branche wird sich weiter restrukturieren müssen, nicht zuletzt, um die Forschung bezahlen zu können und um die weltweiten Vertriebswege unterhalten zu können, die notwendig sind, um neue Produkte zu refinanzieren. Gleichwohl haben die Mitgliedsunternehmen des VFA trotz der Übernahmen und Fusionen des letzten Jahres 1996 die Beschäftigtenzahlen in Deutschland um 1,6 Prozent auf mehr als 74.000 erhöht. Dabei wuchs die Zahl der Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung sogar mit 3,1 Prozent auf fast 15.000.

Inzwischen können wir mit einiger Hoffnung auf die Entwicklung der Gentechnik in Deutschland blicken. Mittlerweile befassen sich mehr als 40 Prozent unserer Unternehmen in Deutschland mit der Gentechnologie. Es gibt sogar erste Hinweise darauf, daß Unternehmen gentechnische Einrichtungen und Labors aus den USA zurück nach Deutschland holen.

Aber es gibt keinerlei Anlaß, die Hände in den Schoß zu legen. Die Globalisierung, der Wettbewerb um Standorte bei dem die Mitbewerber keineswegs schlafen, verlangt von den Unternehmen wie von der Politik das ständige Bemühen um Verbesserungen für einen wettbewerbsfähigen Standort Deutschland in Europa.

PZ:
Welche Überlegungen gibt es beim VFA für den Fall eines Regierungswechsels im nächsten Jahr?

Freisler:
Wir haben konkrete Anforderungen an die Bundesregierung, jetzt und nach den Wahlen. Positiven Rahmenbedingungen für die Erforschung, Entwicklung, Produktion und Markteinführung von Innovationen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Das gilt insbesondere auch für die Biotechnologie als Schlüsseltechnologie. Nur so können zukunftsfähige Arbeitsplätze am Forschungs- und Produktionsstandort Deutschland erhalten und womöglich ausgebaut werden. Die Bereitschaft hierzu haben die VFA-Mitgliedsunternehmen im letzten Jahr unter Beweis gestellt.

Das Interview führte Gisela Stieve, EschbornTop

 

© 1997 GOVI-Verlag
E-Mail:
redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa