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Brech: Modelle mit Apothekern gemeinsam planen

13.10.1997  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Brech: Modelle mit Apothekern
gemeinsam planen

Wieder einmal war der Medizinisch-Pharmazeutische Gesprächskreis Ravensburg, der seit neun Jahren den interdisziplinären Austausch zwischen Apothekern und Ärzten sowohl gesundheitspolitisch als auch wissenschaftlich pflegt, am 29. September 1997 Mittelpunkt einer Diskussion von Ärzten und Apothekern. Themen dieses Abends waren die Auswirkungen der erhöhten Zuzahlungen seit dem 1. Juli 1997 und die Konsequenzen, die sich für Apotheker und Ärzte durch die geplanten Richtgrößen ergeben.

Aus der Sicht der Apotheker analysierte Joachim Dempe aus Neuravensburg die Auswirkungen der Zuzahlungserhöhungen seit dem 1. Juli dieses Jahres. Dempe bezeichnete die Zuzahlungen als den Beginn der Entsolidarisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung. Immerhin müßten im Regierungsbezirk Tübingen 24,7 Prozent der verordneten Arzneimittel von den Patienten vollständig bezahlt werden, da sie unter den Zuzahlungsbeträgen liegen. Durch diese finanzielle Mehrbelastung sieht Dempe verstärkte Complianceprobleme, eine Kaufkraftabschöpfung und damit auch keine steigende Selbstmedikation aus der Apotheke. Der Verbraucher würde jetzt für die Selbstmedikation freiverkäufliche Arzneimittel aus Drogeriemärkten oder SB-Ketten vorziehen.

Für die Apotheken habe die Erhöhung der Zuzahlungen sehr viel Frust, mehr Arbeit, aber weniger Umsatz zur Folge. Immerhin sei die Rezeptzahl im Juli im Einzugsbereich Tübingen gegenüber dem Vorjahr um 30,7 Prozent und der Rezeptumsatz um 24,9 Prozent gesunken. Dieser Trend habe sich im August fortgesetzt. Dempe interpretierte die Zurückhaltung der Ärzte bei der Verordnung auch in der Richtung, daß Patienten Arzneimittel aus Gründen des Sparzwanges vorenthalten würden. Außerdem sei das System nicht nur für die Patienten, sondern auch für die beteiligten Heilberufe zu kompliziert. Befreiungs- und Entlastungsmöglichkeiten würden nur selten genutzt. Er empfahl den anwesenden Ärzten, im Zweifelsfall die Apotheker zu fragen. Außerdem gab er den Rat weiter, zugelassene Arzneimittel, die als umstritten bezeichnet würden, aber preislich unter den Zuzahlungsbeträgen liegen, wieder zu verordnen. Die Budgets der Ärzte würden dadurch nicht belastet, und die Patienten seien zufrieden, da sie ihre gewohnten Medikamente wieder verschrieben bekommen. Für die Selbstmedikation wünschte sich Dempe die Zusammenarbeit mit den Ärzten. Ärzte sollten ihren Patienten nicht die Arzneimittel aus den SB-Märkten empfehlen. Damit ginge die fachliche Betreuung der Selbstmedikation verloren.

Professor Dr. Wolfgang Brech, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Südwürttemberg, stellte zunächst klar, daß aus seiner Sicht keine notwendigen Arzneimittel von den Ärzten verweigert wurden. Es seien auch keine Schäden für den Patienten wegen verweigerter Arzneimittel bekannt geworden. Die KV Südwürttemberg empfehle allerdings, bei den Verordnungen Prioritäten zu setzen. Es gebe eben auch Arzneimittel, die nicht mehr der Solidargemeinschaft zugemutet werden könnten. Darin sehe er eine Verantwortung der Ärzte gegenüber dem Gesundheitswesen. Allerdings sieht Brech, insbesondere vor dem Hintergrund neuer, teurer, innovativer Arzneimittel, die Einsparmöglichkeiten bei den Arzneimitteln annähernd ausgeschöpft.

Die Umstellung der pauschalen Budgets auf Richtgrößen hält der KV-Vorsitzende für richtig. Das Arzneimittelbudget sei ungerecht und mit Recht gescheitert. Die Vorteile der Richtgrößen sieht Brech in erster Linie darin, daß sie gerechter seien, dem Arzt die Möglichkeit des Widerspruches einräumen und das Morbiditätsrisiko wieder auf die Krankenkassen verlegen. Ziel sei es, arztbezogene Richtgrößen zu erarbeiten, die für alle Krankenkassen verbindlich sind. Sie dürften nicht zum Gegenstand des Wettbewerbs der Krankenkassen werden. Sie sollten einfach handhabbar sein, Praxisbesonderheiten berücksichtigen und Arzneimittel für Indikationen, die keine Mengendynamik haben, wie zum Beispiel Immunsuppressiva, ausgrenzen. Gewisse Schwierigkeiten sieht Brech noch in der Überprüfung der Richtgrößen, da die gesetztlich vorgegebenen Grenzen der Überschreitungen eine Anzahl von Prüfungen bei den KVen verursachen würden, die von den vorhandenen Kapazitäten nicht geleistet werden könnten. Man wolle mit den Krankenkassen großzügige Handhabungen der Richtgrößen vereinbaren.

Angesprochen auf Modellversuche im KV-Bereich Südwürttemberg sagte Brech den Apothekern zu: "Wenn wir Strukturmodelle machen wollen, werden wir die Apotheker mit einbeziehen."

PZ-Artikel von Hartmut Morck, WeingartenTop

 

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