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Pharmazeuten rund um Goethe

11.10.1999
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-TitelGovi-Verlag

ZUM 250. GEBURTSTAG

Pharmazeuten rund um Goethe

von Christoph Friedrich, Greifswald

Am 6. Februar 1822 übersandte Apotheker Rudolph Brandes (1795 bis 1842) dem großen Dichter und weimarischen Minister Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) anlässlich der Ernennung zum Ehrenmitglied des "Apotheker-Vereins im nördlichen Teutschland" ein Diplom. In seinem Begleitbrief bekannte Brandes: "Möge es Ihnen ein Zeichen seyn, wie Ihrem Andenken allenthalben in teutschen Herzen eine freundliche und ehrenvolle Stelle geweihet ist". Goethe vermerkte darüber lakonisch in seinem Tagebuch unter dem 16. Februar: "Brief von Brandes zu Salzuflen im Lippeschen. Diplom des Apothekervereins im nördlichen Deutschland". Nachdem Brandes am 5. Oktober 1827 Goethe besuchen durfte, widmete er 1829 den 30. Band der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Archiv des Apothekervereins im nördlichen Teutschland" "von Göethe’n".

Die Ehrung durch diesen ersten über engere territoriale Grenzen hinausreichenden pharmazeutischen Verein, der als Vorläufer des Deutschen Apotheker-Vereins angesehen werden kann, induziert – nicht zuletzt anlässlich des 250. Geburtstags dieses Dichters – die Frage, welche Beziehung Goethe zur Pharmazie hatte und was letztendlich den Apothekerverein veranlasste, ihn zu ehren. Im Verzeichnis der Ehrenmitglieder wurde Goethe unter der Nummer 26 aufgeführt.

Unterricht in der Straßburger Hirsch-Apotheke

Obwohl Goethe als einer der größten deutschen Dichter gilt und somit vor allem sein literarisches Werk im Mittelpunkt stand, fanden auch seine Leistungen als Naturforscher größere Beachtung. Bekanntlich beschäftigte sich Goethe bereits während seines Jurastudiums 1765 in Leipzig mit Naturwissenschaften. Er nahm seinen Mittagstisch bei dem Mediziner und Botaniker Christian Gottlieb Ludwig (1709 bis 1773) ein, bei dem er "kein ander[es] Gespräch als von Medizin oder Naturhistorie" hörte. Angeregt durch Susanna Katharina von Klettenberg (1723 bis 1774) und deren Arzt Johann Friedrich Metz (1720 bis 1782) beschäftigte sich Goethe, der 1768 erkrankt war, mit Alchemie, wozu er sich auch ein kleines Laboratorium einrichtete. So erscheint es naheliegend, dass Goethe, der nach seiner Genesung seine juristischen Studien 1770 in Straßburg fortsetzte, dort auch Naturwissenschaften, speziell Chemie, studierte.

Sein Lehrer war hier der Apotheker Jakob Reinbold Spielmann (1722 bis 1783). Spielmann, ein Schüler des Berliner Pharmazeuten und Entdeckers des Zuckers in der Runkelrübe, Andreas Sigismund Marggraf (1709 bis 1782), hatte 1743 die väterliche Hirsch-Apotheke in Straßburg übernommen. Nach der Promotion zum Doktor der Medizin 1748 avancierte er 1749 zum außerordentlichen Professor für Medizin an der Universität Straßburg. 1756 wechselte er in die Philosophische Fakultät, wo er zum ordentlichen Professor für Poesie ernannt wurde, da kein anderes Ordinariat frei war. Drei Jahre später erhielt er eine ordentliche Professur für Medizin, Arzneikunde, Botanik und Chemie. Diese Fächer lehrte er auch, als Goethe in Straßburg studierte. Seine Chemie-Vorlesungen hielt er im Laboratorium seiner Apotheke. Den Inhalt seiner Vorlesungen widerspiegeln seine "Institutiones chemiae praelectionibus academicis accomadatae", die 1763 in erster Auflage erschienen. In den Vorlesungen unterstützte er die theoretischen Erklärungen durch Versuche, wobei er die chemischen Handgriffe bis ins kleinste Detail erklärte.

Ein Passus in der Schülerszene im "Faust" über die "Encheiresis naturae" läßt sich auf Spielmanns "Institutiones", die sich auch in Goethes Bibliothek befanden, zurückführen. Goethe schätzte, wie Grass ausführt, insbesondere Spielmanns Methode, den Dingen auch geschichtlich auf den Grund zu gehen (Zitat Goethe über seine Studienzeit in Straßburg).

Wilhelm Heinrich Sebastian Bucholz

1775 kam Goethe nach Weimar, wo er ein Jahr später zum "Geheimen Legationsrat" ernannt wurde. Auch hier setzte er seine naturwissenschaftlichen Studien fort. In der "Geschichte meines botanischen Studiums" beschrieb er seinen Lehrer, den Arzt und Hofapotheker Wilhelm Heinrich Sebastian Bucholz (1734 bis 1798) als "wohlhabend und lebenslustig" und bemerkte ferner, dass unter Bucholz’ Leitung "Jede neue, vom Aus- und Inland entdeckte, chemisch-physische Merkwürdigkeit ... geprüft und einer wißbegierigen Gesellschaft" vorgetragen wurde. Goethe profitierte besonders von Bucholz’ botanischen Kenntnissen; angeregt durch ihn studierte er Linnés System. Der 1794 an der Universität Jena entstandene Botanische Garten wurde unter Goethes Aufsicht gestellt.

1783 regte Goethe seinen Lehrer zur Nachprüfung der Ballonversuche der Brüder Montgolfier mit erhitzter Luft an. Bucholz ließ "eine der ersten Montgolfieren, die man in Deutschland sah, aufsteigen, zum Ergötzen der Unterrichteten, . . . indessen die Menge sich vor Erstaunen kaum zu fassen wußte und in der Luft die verschüchterten Tauben scharenweise hin und wieder flüchteten".

Auf Bitten von Goethe untersuchte Bucholz einige Mineralbrunnen, ein Gebiet, dem sich andere Apotheker dieser Zeit mit großer Hingabe widmeten. Während der von Bucholz in der Hofapotheke vorgeführten Versuche über "dephlogistisierte Salzsäure" (Chlor) kam Goethe der Gedanke, die bekannte "Freitagsgesellschaft", eine "Gesellschaft hochgebildeter Männer", der neben Wieland, Herder und Hufeland angehörten, zu gründen, in der Bucholz auch Experimentalvorträge hielt.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich unter den Lehrlingen und Mitarbeitern von Bucholz so bedeutende Apotheker befanden wie Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 bis 1837), der von 1784 bis 1788 seine Lehrzeit in der Weimarer Hofapotheke absolvierte. Goethe bemerkte über Bucholz: "Er suchte sich zu seinen unmittelbaren pharmaceutischen Zwecken die tüchtigsten chemischen Gehilfen, wie denn der treffliche Göttling aus dieser Offizin als gebildeter Scheidekünstler hervorging". Auch mit dem Apotheker Johann Friedrich August Göttling (1753 bis 1809) stand Goethe in regem Austausch.

Johann Friedrich August Göttling

Göttling, der 1753 - die Deutsche Apotheker-Biographie und auch sein Biograph Aigner geben ein falsches Geburtsjahr an – in Derenburg bei Halberstadt als Sohn eines Predigers geboren wurde, begann 1769 seine pharmazeutische Ausbildung bei Johann Christian Wiegleb (1732 bis 1800) in Langensalza. Als Gehilfe in der Weimarer Hofapotheke (1774) konnte er seine chemischen Studien fortsetzen. 1778 erschien sein erstes Buch, die "Einleitung in die pharmaceutische Chemie für Lernende", und 1779 begründete er mit dem "Almanach oder Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker" die erste pharmazeutische Fachzeitschrift. Bald wurde der kunstsinnige und den Wissenschaften zugetane Weimarer Herzog Carl August auf Göttling aufmerksam. Mit einem Stipendium versehen konnte dieser auf Empfehlung Goethes in Göttingen studieren und an-schließend Holland und England bereisen. 1788 kehrte Göttling nach Weimar zurück und avancierte, nachdem er an der Universität Jena promoviert worden war, zum Professor der Philosophie. Hier las Göttling Chemie, Technologie und Experimentalpharmazie. 1794 eröffnete er nach dem Vorbild seines Lehrers Wiegleb ein Privatinstitut zur Ausbildung von Apothekern. 1799 wurde Göttling ordentlicher Honorarprofessor, 1809 schließlich Ordinarius, verstarb aber noch im gleichen Jahr.

Wie die vorhandenen neun Briefe belegen, gab es zwischen Goethe und Göttling einen regen Gedankenaustausch, und auch dieser Apotheker kann als "chemischer Berater" Goethes bezeichnet werden. So untersuchte er in Goethes Auftrag Salze und Mineralwässer und berichtete über seine Erfahrung mit dem neuen antiphlogistischen Lehrgebäude. Der von Göttling postulierte Lichtstoff interessierte Goethe besonders, vor allem in Bezug auf seine Studien zur Optik. In Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" – der Titel ist der chemischen Terminologie jener Zeit entlehnt – finden sich Gedanken, die der Dichter Göttlings "Chemischem Probir-Cabinett" und dessen "Handbuch der theoretischen und praktischen Chemie" entnommen haben soll.

Göttlings Nachfolge

Als 1809 nach Göttlings Tod die Stelle des Professors der Chemie in Jena neu zu besetzen war, erinnerte sich Goethe an den Erfurter Apotheker und Professor Johann Bartholomäus Trommsdorff. Dieser hatte sich bereits 1799 als Nachfolger für den 26-jährigen Alexander Nikolaus Scherer (1771 bis 1824) angeboten, für den Goethe ein Laboratorium im Schloss Belvedere bei Weimar eingerichtet hatte, und damals an Goethe geschrieben:

"Durch den Ruf, welchen der Bergrat Scherer nach Halle erhalten und angenommen hat, ist die Lehrstelle der Chemie erledigt worden; darf ich wohl so frei sein, mich gehorsamst zu erkundigen, ob der durchlauchtigste Herzog diese Stelle wieder besetzen wollen, und ob es gegründet, daß damit 500 Reichsthaler nebst freiem Logis verbunden, und ob ich es wohl wagen darf, mich in diesem Falle dazu zu melden? – Ich schmeichle mir, das alles, was in chemischer Hinsicht gefordert werden würde, ich zu leisten imstande sei, indem ich mich seit 15 Jahren mit der Chemie beschäftige, und seit sechs Jahren auf hiesiger Universität als Lehrer angestellt bin, auch überdies seit mehreren Jahren ein chemisches Institut angelegt habe, welches noch bis jetzt seinen glücklichen Fortgang hat, und bei dem ich den größten Teil der Zeit verwende, um meine Schüler zu brauchbaren Chemikern zu bilden. ... Nicht die Not treibt mich an, um die erledigte Stelle in Weimar nachzusuchen, ... Aber der Wunsch, unter dem Schutze eines Fürsten zu leben, der so sehr Gönner der Wissenschaften ist, die Erweiterung meines Wirkungskreises, die Vorliebe zu Weimar, erzeugt durch eine Reihe froher Jahre, welche ich in meiner Jugend da verlebte, der Zirkel meiner nahen Freunde, die noch daselbst leben, alles dieses bestürmt mich so heftig, daß ich den Wunsch nicht unterdrücken kann, in Weimar zu leben und tätig zu sein. Mein Institut ist an keine Stadt gebunden und dürfte in Weimar ebenso gut gedeihen."

Goethe erinnerte sich deshalb im September 1809 erneut an Trommsdorff und schrieb an seinen Freund, den Geheimen Rath Christian Gottlob von Voigt (1743 bis 1819): "Trommsdorff mit seinem Verdienst, Namen, Institut, und was alles daran hängt, nach Jena zu ziehen, wäre nach meiner Ansicht ebenfalls das Wünschenswerteste [....] Mein Rat wäre, noch wenigstens 14 Tage bis drei Wochen Briefe Anträge und manches sich neu Hervortuende abzuwarten und dann Trommsdorffen einige Jalousie zu geben."

Etwas skeptischer wandte er sich jedoch nur wenige Tage später an den Physiker Thomas Seebeck (1770 bis 1831): "Haben Sie doch auch die Güte darüber nachzudenken, was wir uns von Trommsdorfs [!] ‘Versetzung’ hierher versprechen dürften. Ich habe zwar alles gute Vorurtheil für ihn, aber solche Namen die man lange gehört hat, läßt man dann doch oft in gewissen bedeutenden Fällen ohne genauere Prüfung gelten, welches am Ende nicht ganz wohl gethan ist."

Dazu kam es jedoch nicht mehr. Der Herzog, der auf eine schnelle Besetzung der Stelle drängte, hatte sich inzwischen an den Münchner Apotheker Adolph Ferdinand Gehlen (1775 bis 1815) gewandt, der den stellungslosen Apotheker Johann Wolfgang Döbereiner (1780 bis 1849) empfahl.

Johann Wolfgang Döbereiner

Döbereiner hatte sich mit geringem wirtschaftlichen Erfolg bereits in verschiedenen Gewerbezweigen betätigt; daneben war er jedoch – obwohl ohne universitäre Ausbildung – unermüdlich wissenschaftlich tätig. 1810 folgte er dankbar einem Ruf nach Jena und wirkte dort, nachdem er in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Arbeiten zum Dr. phil. promoviert worden war, als Professor für Chemie und Technologie. Zu Goethe, der 1809 die Oberaufsicht über die Anstalten der Universität übernommen hatte und ihn von Anfang an bei der Einrichtung und Verbesserung des Laboratoriums unterstützte, entwickelte sich ein intensiver Kontakt, den unter anderem 123 Briefe widerspiegeln.

Döbereiner schickte Goethe Proben von selbst bereiteten Farbstoffen oder berichtete über die Verwandtschaft von Elementen. Schließlich legte er Goethe 1820 auch sein Lehrbuch der allgemeinen Chemie "zu Füßen". Goethe regte Döbereiner zu zahlreichen Untersuchungen an, so von Mineralien, Mineralwässern, ja sogar von Kugeln aus der Windmühle von Eldena bei Greifswald. Aber auch der persönliche Kontakt wurde gepflegt. Goethe weilte öfter in Döbereiners Laboratorium. So berichtet Johann Peter Eckermann unter dem 8. Oktober 1827: "Ich ging wieder zu Goethe hinab, der zu Herrn Hofrat Döbereiner fahren ließ, den er sehr hoch schätzte und der ihm einige neue Experimente zeigte." Zwischen 1815 und 1817 weihte Döbereiner den Minister sozusagen privatissime in die Geheimnisse der Stöchiometrie ein. Er hielt der Jenaer Universität und Weimar die Treue und lehnte zahlreiche, zum Teil finanziell viel lukrativere Berufungen an die Universitäten Bonn, Halle, München, Würzburg und Dorpat ab. Ausdruck der über die gemeinsamen wissenschaftlichen Interessen hinausgehenden freundschaftlichen Beziehung ist auch ein Gedicht, das Goethe für Döbereiner im Namen von dessen Kindern verfasste.

Unter den Studenten Döbereiners befand sich von 1819 bis 1820 der Hamburger Apothekergehilfe Friedlieb Ferdi-nand Runge (1794 bis 1867). Durch Döbereiner, der Goethe auf die interessanten Alkaloid-Studien aufmerksam machte, erhielt dieser eine Einladung zu Goethe nach Weimar. Runge selbst berichtete, wie er nachmittags leicht beklommen in einem geborgten Frack und mit einer Katze im Arm das Haus "Am Frauenplan" betrat und von Goethe mit den Worten begrüßt wurde: " ...das ist also der künftige Schrecken der Giftmischer". Runge weiter: "Ich bog nun den Katzenkopf so, daß die Tageslicht-Beleuchtung beide Augen traf, und mit Erstaunen bemerkte Goethe den Unterschied an beiden Augen: Neben der schmalen Spalte in dem einen Auge fiel das große runde Sehloch in dem andern um so mehr auf, da vermöge einer etwas starken Gabe fast die ganze Regenbogenhaut sich zurückgezogen hatte und unsichtbar war. ‚Womit haben Sie die Wirkung hervorgebracht?’ fragte Goethe. Mit Bilsenkraut, Excellenz! Ich habe den unvermischten Saft des zerstampften Krautes ins Auge gebracht, darum ist die Wirkung so stark."

Goethe, der sich erkundigte, ob der das Auge verändernde Stoff auch in anderen Teilen von Nachtschatten-Gewächsen vorkomme, fragte nach Gegenmitteln, von denen Runge Aconitum nannte. Nachdem Runge noch erzählte, dass er von einem Apotheker vor dem Dienst in Napoleons Heer gerettet worden war, indem jener ihn für 24 Stunden mit Hilfe des Bilsenkraut-Saftes blind gemacht hatte, entließ Goethe ihn, händigte ihm jedoch zur Untersuchung noch eine Schachtel Kaffeebohnen aus. 1820 entdeckte Runge das Coffein, das bis heute in der Pharmazie eine Rolle spielt.

Goebel und Wackenroder

Neben Döbereiner wirkte auch der Universitätsapotheker Friedemann Goebel (1794 bis 1851) als Lehrer der Pharmazie. Goebels Beziehung zu Goethe fand in der Literatur bisher kaum Beachtung. Der als Sohn eines Landpfarrers in Nieder-Rosla geborene Goebel begann 1809 eine Apothekerlehre in Eisenach. 1813 ging er zum Studium an die Universität Jena, wo er bald Famulus bei Döbereiner wurde. In dessen Laboratorium lernte er Goethe kennen, der ihm ein Stipendium verschaffte. 1818 pachtete Goebel die Universitätsapotheke seines Onkels Schwarzte in Jena, wurde ein Jahre später promoviert und habilitierte sich für Pharmazeutische Chemie. 1821 errichtete er ein pharmazeutisches Privatinstitut. 1824 erfolgte seine Ernennung zum Apothekenrevisor und ein Jahr später zum Extraordinarius.

In der Jenaer Zeit entstand eine Reihe von Aufsätzen, die unter anderem die Zusammensetzung des Morphins, des Camphers und die Darstellung verschiedener Arzneistoffe betrafen. Außerdem verfasste er seine "Grundlinien der pharmaceutischen Chemie und Stöchiometrie" sowie die "Arzneimittel-Prüfungslehre, oder Anleitung zur Untersuchung und Prüfung der chemisch-pharmaceutischen Präparate für Aerzte, Apotheker, Laboranten und Droguesten etc.". 1828 folgte Goebel einem Ruf nach Dorpat.

Als Nachfolger wurde noch im gleichen Jahr Heinrich Wilhelm Ferdinand Wackenroder (1798 bis 1854) berufen, der nicht nur die außerordentliche Professur für Pharmazie und Chemie, sondern auch die Leitung des pharmazeutischen Institutes übernahm. Goethes Einfluss auf die Berufung Wackenroders, der sich in Göttingen bei Friedrich Strohmeyer (1776 bis 1833) habilitiert hatte, muss aufgrund fehlender Quellen verborgen bleiben. Jedoch stand Goethe auch mit Wackenroder, der, wie unsere Studien zeigten, in Jena eine wissenschaftliche Schule begründete, in engem Kontakt. In den Briefen werden speziell chemische Analysen von Gesteinen, Mineralwässern oder des Gases in den "Schoten" (eigentlich handelt es sich um Hülsen) von Colutea arborescens behandelt. Goethe forderte Wackenroder noch 1832 auf: "Fahren sie fort, mit allem dem was sie interessiert, mich bekannt zu machen, und ich finde mich im hohen Alter sehr glücklich, daß ich das Neueste in den Wissenschaften nicht zu bestreiten nöthig habe ... " Wie Goebel war auch Wackenroder durch seine Tätigkeit als Apothekenrevisor besonders eng mit der Pharmazie verbunden.

Weitere Apotheker und Apothekerkinder

Aus verständlichen Gründen können hier nicht alle Apotheker genannt werden, mit denen Goethe im brieflichen oder persönlichen Austausch stand, aber einige weniger bekannte Pharmazeuten sollen erwähnt werden. So besuchte Goethe anlässlich seiner Harzreise 1777 den Ratsapotheker Johann Christoph Ilsemann (1729 bis 1822), der zugleich Chemie, Mineralogie und Hüttenkunde an der Bergschule Clausthal unterrichtete. Ilsemann besaß eine vorzügliche Mineraliensammlung, die Goethe besichtigte.

Eine ausführlichere Erwähnung fand der Apotheker und Fabrikant Wolfgang Caspar Fikentscher (1770 bis 1837), der bereits mit 18 Jahren eine Fabrik für Chemikalien in Marktredwitz aufbaute, der er eine Glashütte angliederte. Fikentscher lieferte Goethe verschiedene Gläser, die dieser für seine Versuche für die Farbenlehre benötigte. Im August 1822 weilte Goethe sechs Tage als Gast in Marktredwitz. In seinem Tagebuch und in "Notiertes und Gesammeltes" berichtete er über seinen Aufenthalt:

"Unter dem wohleingerichteten Wohngebäude senckt sich ein Garten terassenweis hinab, wovon ein Theil älteren und neuen Fabrikgebäuden aufgeopfert ist. Hier wird im Großen das schwefelsaure Quecksilber mit zugesetztem Kochsalz bereitet (Muriate suroxigéne de Mercure). Das zurückbleibende Natron wird zur Glasfabrikation verwendet. Auch kristallinische Weinsteinsäure wird auf das Reinlichste im Großen verfertigt....das Ganze ist so eingerichtet, daß, nach handelsmännischen Bestellungen, die größten Parthien in kurzer Zeit gefertigt werden können."

Auch die Familie schilderte Goethe: "Von fünf Söhnen ist nur einer zu Hause; . . . die drey jüngern in Erlangen zur Schule und zur Apothekerkunst durch Martius, den Vater des brasilianischen Reisenden, angehalten; der nunmehr ältere, ein junger lieber Mann von 22 Jahren, hatte schon früher bey’m Vater, der zuerst Apotheker gewesen, sich in diesen Künsten unterrichtet, sodann aber bey Trommsdorff im Erfurtschen einen jährlichen Cursus durchlaufen, ist in der neuen Chemie ganz unterrichtet, indem das Haus auch den nothwendigen Journal hält, um einer Wissenschaft in ihrem Ganzen zu folgen, die bey solchen Unternehmungen im Großen von der höchsten Wichtigkeit ist ..."

Bei diesem Sohne handelte es sich um Georg Christian Friedrich (Fritz) Fikentscher (1799 bis 1864), der von 1817 bis 1818 Trommdorffs Institut besuchte und dessen Tochter Luise heiratete. Auch der Sohn des erwähnten Erlanger Apothekers Ernst Wilhelm Martius (1756 bis 1849), der Botaniker und Brasilienreisende Carl Friedrich Philipp Martius (1794 bis 1868), verkehrte mit Goethe. Sowohl Johann Peter Eckermann als auch Goethes Tagebücher berichten von seinen Besuchen und auch die Briefe widerspiegeln große Sympathie. Martius berichtete in seinen Briefen über seine botanischen Studien, so über die Pflanzenfamilie der Gesneriaceen, daneben finden sich aber auch längere Ausführungen über andere Themen, so über den Maler Peter von Cornelius. Als im September 1824 Martius mit seiner Frau und Tante Goethe mittags besuchte, gab es Artischocken zum Mittagsmahl, was Goethe, wie Martius schreibt, zu einer Gedichtimprovisation anregte. Auch mit dem Bruder des Botanikers Martius, dem Apotheker Theodor Wilhelm Christian Martius (1796 bis 1863) stand Goethe im brieflichen Kontakt und nannte ihn einen gelehrten Pharmazeuten.

Wie Sigrid Pierschala erwähnt, unterstützte Goethe auch junge Männer in ihrer pharmazeutischen Ausbildung, so Ferdinand Christian Joseph Henking (1784 bis 1834), Sohn des verstorbenen Heidelberger Hofapothekers Johann Heinrich Henking (1751 bis 1798). Goethe fühlte sich der Familie des Hofapothekers, den er persönlich gekannt hatte, besonders verpflichtet, denn eine Tante von Ferdinand Henking, Helene Dorothea Delph (circa 1728 bis 1808), die nach dem Tode der Eltern als "Beistand" und Pflegemutter für die elternlosen Kinder fungierte, war ihm eine mütterliche Freundin. Diese bat ihn 1798 um Vermittlung einer Lehrstelle für ihren Neffen Ferdinand. Goethe wandte sich zunächst an Bucholz in Weimar, der aber kurze Zeit später, im Dezember 1798, an einem Darmleiden starb. Auch an den Berliner Apotheker Valentin Rose d. J. (1762 bis 1807) schrieb Goethe, von dem er gehört hatte, dass er "durch Unterricht und Anleitung junge Männer zur Chemie und Apothekerkunst ruhmwürdig gebildet habe", der aber wohl keine Stelle frei hatte. Obwohl Frau Delph Goethe berichtete, dass Ferdinand Henking notgedrungen nun zur Lehre in die väterliche Apotheke eingetreten wäre, schreibt Donat, dass Ferdinand die pharmazeutische Ausbildung in Straßburg begonnen hätte. Ob diese durch Goethe vermittelt worden war, muss aufgrund fehlender Quellen ungeklärt bleiben.

Henking blieb nur kurz in Straßburg und trat 1800 wohl durch Vermittlung Goethes eine Stelle bei Trommsdorff in Erfurt an. Goethe schrieb nur wenige Tage später, im Januar 1800, an den Legationsrat Karl Friedrich Anton Conta (gest. 1850):

"Ein junger Mensch, Nahmens Ferdinand Henking von Heidelberg, steht gegenwärtig in der Trommsdorfischen Apotheke zur Lehre und scheint mit seinem Zustande keineswegs zufrieden zu seyn. Dürfte ich Ew. Wohlgeb, ersuchen, denselben zu sich kommen zu lassen, ihm beyliegenden Brief zu übergeben und von ihm mündlich zu vernehmen, worin eigentlich seine Beschwerden bestehen. Sie werden alsdann leicht ermessen, in wie fern sie etwa zu heben seyn möchten? Ob man wohl thun wird etwa Herrn Trommsdorf selbst anzugehen?"

Man darf davon ausgehen, dass Henking sich schließlich in Erfurt wohl fühlte, denn er blieb dort bis 1802. Trommsdorff selbst vermerkte über Henking lakonisch: "Erst in der Lehre bei mir, dann im Institut von 1800 bis 1802. Jetzt Hofapotheker in Heidelberg." 1805 publizierte Trommsdorff in seinem Journal eine Mitteilung von Henking, in der dieser über seine Erfahrung bei der Bereitung des "salzsauren vollkommnen Quecksilberoxyds", des ätzenden Quecksilbersublimats, berichtete, was gleichfalls auf ein ungetrübtes Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler hindeutet.

Ludwig Schnaubert, der zur gleichen Zeit wie Henking in Trommsdorffs Institut studiert hatte, erhielt bereits als 24jähriger durch Vermittlung Goethes eine Professur an der Universität Charkow. Zu den Apothekerkindern, mit denen Goethe verkehrte, gehörte schließlich auch August Hagen (1797 bis 1880), Sohn des Königsberger Professors und Apothekers Karl Gottfried Hagen (1749 bis 1829) und Verfasser eines viel beachteten Lehrbuchs der Apothekerkunst. August Hagen war ein junger Dichter. Goethe hob 1823 gegenüber Eckermann dessen "herrliches Talent" hervor, äußerte sich aber zugleich kritisch über dessen "Olfried und Lisena". August Hagen hatte auf Wunsch seines Vaters zunächst Medizin und Naturwissenschaften studiert. 1823 habilitierte er sich und wurde zwei Jahre später zum außerordentlichen Professor an der Universität Königsberg berufen, wo er 1830 zum ersten preußischen Professor für Kunstgeschichte avancierte. Goethe wusste, wie aus einem Brief Hagens hervorgeht, um seine pharmazeutische Herkunft.

Weitere aus dem Apothekerberuf hervorgegangene Naturforscher seien hier wenigstens dem Namen nach genannt, so der dänische Physiker Hans Christian Oerstedt (1777 bis 1851), der Goethe 1822 besuchte, der Botaniker Carl Ludwig Willdenow (1765 bis 1812) oder die Professoren Johann Friedrich John (1782 bis 1847), der Goethe mehrfach besuchte und ihm seine Schriften mit Widmung zusandte sowie Heinrich David August Ficinius (1782 bis 1857). Mit letzterem verband ihn das Interesse an der Optik. Ficinius wirkte als Professor für Physik und Chemie an der Medizinisch-Chirurgischen Akademie in Dresden.

Der Pharmazie vielfältig verbunden

Kommen wir nun zu der eingangs gestellten Frage zurück, welche Beziehung Goethe zur Pharmazie hatte und was letztendlich den Apothekerverein veranlasste, ihn zu ihrem Ehrenmitglied zu ernennen. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen.

Goethe gehört zu denjenigen Dichtern, die nicht nur – wie im 18. Jahrhundert häufig zu beobachten – den Naturwissenschaften mit Neugierde und Interesse gegenübertraten. Er hat vielmehr auf zahlreichen naturwissenschaftlichen Gebieten selbst geforscht und in einigen Teilfragen beachtenswerte Resultate erzielt, die ihm noch heute einen Platz in der Naturwissenschaftsgeschichte sichern. Goethes Forschungsergebnisse in der Farbenlehre, Anatomie, Biologie und Optik wurden auch von den Apothekern seiner Zeit mit Achtung zur Kenntnis genommen.

Goethes naturwissenschaftliche Ausbildung ist ganz wesentlich durch Apotheker geprägt worden, die ihn in Straßburg und Jena zunächst mit Chemie, Mineralogie, Botanik und Physik bekannt machten. Ohne Frage beeinfluss-ten naturwissenschaftliche Methoden sein Denken, wobei naturwissenschaftliches Forschen geschichtliche Studien einschloss, wie ihm Spielmann in Straßburg vermitteln konnte. Hier wurde wohl der Keim für Goethes spätere Erkenntnis gelegt, dass die Geschichte der Wissenschaft die Wissenschaft selbst sei.

Während seiner Tätigkeit in Weimar wusste sich Goethe wiederum einiger Apotheker als Berater zu bedienen. Das essenzielle Interesse einiger Pharmazeuten, den Apothekerberuf mit Hilfe nützlicher Untersuchungen für die Allgemeinheit aus seinen handwerklichen Fesseln zu befreien und zu wissenschaftlichem Ansehen zu verhelfen, korrespondierte mit den weimarischen Bemühungen, die Gewerbeproduktion anzuregen. Gerade die Apotheker als aufstrebende Profession erschienen Goethe als geeignete Partner.

Goethes Interesse ging gleichwohl weit über ein »Nutzendenken« hinaus, vielmehr ließ er sich, wie seine Briefwechsel mit Döbereiner oder auch Wackenroder belegen, mit den modernsten Erkenntnissen der Forschung vertraut machen. Diese fanden zum Teil Eingang in sein literarisches Werk, wie etwa die "Wahlverwandtschaften" zeigen. Schließlich setzte er dem Apothekerberuf in seinem Versepos "Hermann und Dorothea" ein bleibendes Denkmal.

Als Weimarischer Minister wirkte Goethe besonders segensreich für die Jenaer Universität. Er engagierte sich nicht nur für die Berufung hervorragender Apotheker auf die Lehrstühle für Chemie, sondern unterstützte diese Professoren auch bei der Ausstattung ihrer Laboratorien. So hatte Goethe großen Anteil daran, dass sich Chemie und Pharmazie an der Jenaer Alma mater besonders schnell entwickelten und bald, was Studentenfrequenz und Forschungsresultate reflektieren, einen vorderen Platz in der deutschen Hochschullandschaft einnahmen.

Goethe beeinflusste aber auch direkt die Forschungsarbeiten von Apothekern und regte eine größere Zahl von Untersuchungen an, speziell die Analyse von Gesteinsproben, Mineralwässern oder Pflanzen. Dabei initiierte er sogar Studien, die ganz im Trend der Zeit lagen, man denke an die Entdeckung des Coffeins. Die Alkaloidchemie war seit Sertürners Morphin-Entdeckung eines der zukunftsträchtigsten Forschungsfelder der Pharmazie.

Goethes Beziehungen zur Pharmazie erstreckten sich vor allem auf solche Apotheker, die sich auf wissenschaftlichem Gebiet als Naturforscher oder Sammler hervortaten. Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert war dies ein beträchtlicher Teil: Nie zuvor und nie wieder danach haben so viele Apotheker wissenschaftlich gearbeitet! Dies macht die besondere Faszination der Pharmazie jener Zeit aus, in der gleichsam der "Geist der Goethezeit" sublimiert wurde. Diese Faszination hatte sie nicht nur für Goethe, der sie förderte und forderte, sondern auch für die Pharmaziegeschichte unserer Tage.

Literatur (Auswahl):

  1. Döbling, H., Die Chemie in Jena zur Goethezeit. Jena 1928.
  2. Donat, W., Die Geschichte der Heidelberger Apotheken. In: Neues Archiv für die Geschichte der Stadt Heidelberg und der rheinischen Pfalz Bd. X (1912) S. 127-140.
  3. Eckermann, J. P., Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Leipzig 1902.
  4. Geiger, L. [Hrsg.], Goethe und Martius. Fünf Briefe Goethes an Martius, zwei Antworten des letzteren mit vier Gedichten Goethes. In: Goethe-Jahrbuch. Bd. 28 (1907) 59-88.
  5. Friedrich, Ch., Honig, S. A., Heinrich Wilhelm Ferdinand Wackenroder (1798-1854) und sein Schülerkreis. Pharmazie 48 (1993) 457-463.
  6. Götz, W., Friedrich, Ch. [Hrsg.], Der Briefwechsel von Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 - 1837). In: Acta Historica Leopoldina 18, Lieferung 4: Gehlen - Hermbstaedt. Halle 1999, S. 87-90.
  7. Grass, U., Zu Leben und Werk von Jakob Reinbold Spielmann (1722-1783). Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 20, Stuttgart 1983.
  8. Korff, H. A., Geist der Goethezeit. Versuch einer ideellen Entwicklung der klassisch-romantischen Literaturgeschichte. Leipzig 1954.
  9. Krätz, O., Goethe und die Naturwissenschaften. München 1998. Magnus, R., Goethe als Naturforscher. Leipzig 1906.
  10. Pierschala, S., Die Pharmazie in der Goethezeit. Dissertation Universität Frankfurt/ Main 1986.
  11. Schiff, J., Der Chemiker J. W. Döbereiner und seine Beziehung zu Goethe. In: Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universität Breslau am 2. August 1911. Breslau, S. 95-109. Schiff, J. [Hrsg.], Briefwechsel zwischen Goethe und Johann Wolfgang Döbereiner (1810-1830). Weimar 1914.
  12. Schiff, J., Johann Friedrich August Göttlings Briefe an Goethe. Nach den Handschriften des Goethe- und Schiller-Archivs. In: Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft Bd. 14 (1928) 130-146.
  13. Schmidt, G., Goethe und die Naturwissenschaften. Halle 1940.
  14. Urdang, G., Goethe and Pharmacy. Madison, Wisconsin 1949.
  15. Zekert, O., Goethe als Förderer der Naturwissenschaften. Wien 1953.
  16. Zimmermann, H., Simon Rudolph Brandes (1795-1842). Ein bedeutender Apotheker des 19. Jahrhunderts. Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie, Bd. 26, Stuttgart 1985.

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Christoph Friedrich
Abteilung für Geschichte der Pharmazie/Sozialpharmazie
Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 17,
17493 Greifswald
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