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Mehrwert für den Patienten

05.10.1998  00:00 Uhr

-Politik

Govi-Verlag

Mehrwert für den Patienten
Deutscher Apothekertag

ABDA-Präsident Hans-Günter Friese hat die Botschaft des 50. Deutschen Apothekertages in dem Slogan "Apotheke: Mehrwert für den Patienten" eingedampft. "Wir sind aktiv und wollen Gesundheitspolitik mitgestalten", sagte der Präsident zu Beginn seiner Grundsatzrede während der Eröffnungsveranstaltung.

Mit diesem Deutschen Apothekertag werde es gelingen, Öffentlichkeit und Politik einmal mehr zu verdeutlichen, daß die Apotheke im deutschen Gesundheitswesen einen absolut unverzichtbaren Mehrwertfaktor darstellt, der durch nichts zu substituieren ist.

Der Mehrwertfaktor Apotheke sei kein Selbstzweck, sondern nutzte Patienten und Kunden. Der diesjährige Deutsche Apothekertag werde Mittel und Wege aufzeigen, den Mehrwertfaktor Apotheke auszubauen und dieses Bündel an Dienstleistungen aus der Selbstverständlichkeit in das Bewußtsein der Bürger zu heben.

Mehrwert sei jedoch eine subjektive Größe. "Anders gesagt: Wer gegenüber Kunden einen Mehrwert zwar behauptet, aber nicht subjektiv vermittelt, kann seine Entgeltansprüche auch nicht am Markt durchsetzen", so Friese. Der subjektive Nutzen des Kunden sei die Grundlage von Einkommensansprüchen. Und diesen Nutzen, diesen Mehrwert könne jeder selbst steuern. "Denn wenn ich von meinen Einnahmen das abziehe, was ich an meine vorgelagerten Partner in der Wertschöpfungskette zahlen muß, dann verbleibt Mehrwert als die zentrale, von mir steuerbare Stellgröße." Das gelte für Unternehmer und Arbeitnehmer, für Hersteller, Händler, Dienstleister und damit auch für Apotheken.

Der Mehrwert, den Apothekerinnen und Apotheker dem Arzneimittel hinzufügen, ist nach Frieses Worten im wesentlichen definiert durch Sicherheit und Qualität der Arzneimittelversorgung. Je mehr Apotheker den Produkten, die sie von den vorgelagerten Stufen Industrie und Großhandel beziehen, an Wert hinzufügen und je mehr sie den neuen Gesamtwert des Produktes gegenüber unseren Patienten und Kunden, aber auch den Ärzten, Krankenkassen, der Politik und den Medien erfahrbar machen, "um so eher können wir gesellschaftlich akzeptable, legitime Einkommensansprüche durchsetzen".

Wer hingegen meint, er könne auf die Erzeugung von Mehrwert verzichten und Arzneimittel über den Preis verramschen, verabschiedet sich selbst von seinen Einkommensansprüchen. Denn wer keinen Mehrwert erzeugt, ist in der Wertschöpfungskette ohne Funktion und damit selbst überflüssig, gab Friese zu Bedenken. Die ABDA verfolge seit ihrem Bestehen eine Added-value-Strategie. Diese Mehrwert-Strategie gelte es nun in die grundlegenden Entwicklungstrends im Gesundheitswesen einzubetten.

Dabei macht der ABDA-Präsident zwei Trends im Gesundheitswesen aus. Zum einen werden die Bürger immer mündiger und verlangen nach mehr Informationen auf allen Gebieten, zum Beispiel in der Selbstmedikation, was Friese als qualitatives Wachstum apostrophierte. Zum anderen zeichnet sich bei gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen eine Tendenz zum Versorgungsmanagement in Form von Praxisnetzen oder Hausarztmodellen ab. Während in den USA immer noch Preise und Mengen heruntergefahren werden sollen, "können wir uns in Deutschland auf ein heilberufliches Versorgungsmanagement konzentrieren". Im Arzneimittelbereich heiße das pharmazeutisches Nutzenmanagement.

Beide Trends kennzeichnen den Weg in eine Zukunft, in der es nicht mehr nur um die Heilung, Linderung oder Verhinderung von Krankheit geht, sondern um die Steigerung von Lebensqualität.

Sieben Mehrwertfaktoren garantieren added value

Friese nannte sieben Mehrwertfaktoren, die den added value in der Apotheke ausmachen:
  1. Die pharmazeutische Betreuung verstanden als permanente Qualitätsverbesserung der Arzneimittelversorgung. Sie ist weit mehr als die herkömmliche, unbedingt notwendige Beratung.

  2. Die heilberufliche Allianz zwischen Apothekern und Ärzte, in der die beiden Heilberufe im Interesse der Patienten gleichrangig und vertrauensvoll zusammenarbeiten.

  3. Die Selbstmedikation, bei der der Apotheker die Aufgabe hat, die Eigendiagnose des Kunden zu hinterfragen. Hier wirkt der Apotheker als alleiniger Experte in Sachen Arzneimittel.

  4. Die Rezepturherstellung - jährlich werden 25 Millionen Arzneimittel individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt und in Apotheken angefertigt - erlebt durch die Herstellung innovativer Arzneimittel für schwerstkranke Patienten eine Renaissance. Auch diesen Mehrwert Rezepturherstellung könnte Versandhandel nicht leisten.

  5. Die Dienstleistungen reichen von Aufklärungsaktionen über Volkskrankheiten bis zur individuellen Gesundheitsberatung und Prävention.

  6. Die Telematik will bessere Behandlungs-, Beratungs- und Betreuungsstandards mit Hilfe der Arzneimitteldokumentation auf einer Chipkarte erreichen. Ärzte und Apotheker können so doppel-, gleich- oder gegensinnige Verordnungen rechtzeitig erkennen und vermeiden. Ziel ist die Einführung eines elektronischen Rezepts im Jahr 2000 plus x.

  7. Die Kommunikationsleistung in der Apotheke zeigt sich regelmäßig, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse und hochkomplexe Zusammenhänge laienverständlich an die Verbraucher transportiert werden. Die Apotheke profiliert sich als soziale und kommunikative Drehscheibe.

"Der Mehrwert Apotheke bildet die eine Seite der Medaille. Die andere Seite derselben Medaille bildet die Rentabilität", so Friese. Denn dynamischer, lebendiger und zukunftsfähiger Mehrwert benötigt Investition, wobei die daraus entstehende Rentabilität für den Apotheker ideell und Materiell ist.

"Ideelle Rentabilität bedeutet konkret, daß es wieder innere Befriedigung bringen muß, unseren Beruf auszuüben und Apotheker zu sein!", rief der ABDA-Präsident aus. Es könne nicht sein, daß viele Apotheker ihren Beruf mit Frust ausüben. Die ABDA-Umfrage zur Arbeitsplatzzufriedenheit gebe wichtige Hinweise für die Fortentwicklung des Berufsbildes. Dazu gehöre auch die Vorbereitung der zukünftigen Apothekergeneration auf die Anforderungen der Zukunft. Mit der anstehenden Novellierung der Approbationsordnung soll dieses Ziel erreicht werden, so Friese.

"Materielle Rentabilität bedeutet, daß sich für den Apotheker als Kaufmann und Logistiker seine Arbeit auch im Verkaufserlös widerspiegeln muß." Als Heilberufler und Dienstleister stehe auch einem Apotheker ein Honorar zu. Diese Doppelleistung des Apothekers als Heilberufler und Kaufmann dürfe nicht als "entweder, oder", sondern müsse als "sowohl als auch" vergütet werden. Den qualitäts- und nutzenorientiert ausgebauten Dienstleistungen, die Kosteneinsparungen für das Gesundheitswesen brächten, müsse eine Honorarschöpfung für die Apotheken folgen. "Dabei werden wir den Irrweg ärztlicher Bonusmodelle mit klarer Diskriminierung der Arzneimitteltherapie nicht einschlagen, sondern durch pharmazeutisches Fachwissen mit und nicht am Arzneimittel sparen", So der ABDA-Präsident.

Störfaktoren müssen ausgeschaltet werden

Den Mehrwertfaktor Apotheke gilt es künftig gegen Störfaktoren zu verteidigen. Störfaktoren sind Bestrebungen, das Fremd- und Mehrbesitzverbot auszuhöhlen oder den Distributionsweg Apotheke zu gefährden. Der ABDA-Präsident formulierte daher einige wenige Globale Forderungen:

  • Von der neuen Bundesregierung erwarten wir die Verteidigung des nationalen Hoheitsprinzips im Gesundheits- und Sozialbereich, damit der deutsche Bürger in Krankheit und im Alter auch zukünftig auf den derzeitigen guten Versorgungsstandard bauen kann.

  • Bei den in der Gesundheitspolitik Verantwortlichen in Bonn und demnächst in Berlin setzen wir auf die gleiche umfängliche Gesprächsbereitschaft wie bisher auf der Ebene von nüchternen Zahlen, Fakten und nachvollziehbaren Argumenten, nicht auf der Ebene von Ideologien, Mutmaßungen und Wunschdenken.

  • Ganz generell sollte die Politik das Gesundheitswesen nicht einseitig als lohnkostensteigernden und die Gesamtwirtschaft belastenden Faktor ansehen, sondern erkennen, daß das Gesundheitswesen für die gesamtwirtschaftliche Produktivität und Beschäftigung eine unverzichtbare Rolle spielt.

  • Schließlich fordern wir von der Politik und allen Marktbeteiligten im Gesundheitswesen die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung einer Arzneimittelversorgung ausschließlich über Apotheken in persönlicher Eigenverantwortung des Apothekers als Apothekenleiter. Ein Herausbrechen oder Verändern eines Elements aus diesem sensiblen Versorgungssystem, quasi einem Puzzle gleich, hieße dann, Lücken und Defizite aufzutun, die den Patienten und Kunden den Mehrwert Apotheke vorenthalten würden

PZ-Artikel von Gisela Stieve, München

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