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Boten stellen die Weichen für Erkrankungen

05.10.1998  00:00 Uhr

-Pharmazie

Govi-Verlag

Boten stellen die Weichen für Erkrankungen

Immer mehr Funktionen, für die bisher andere chemische Prozesse oder Organe als zuständig galten, werden nun Hormonen zugeschrieben. Daß unterschiedlichste Erkrankungen wie Harninkontinenz, dermatologische Probleme oder Aneurysmen letztlich die Folge des gleichen biochemischen Prozesses sind, erklärte Professor Dr. Johannes Huber, Leiter der Gynäkologischen Endokrinologie der Universitätsklinik Wien, auf einer von Dr. Kade/Besiens initiierten Fortbildungsveranstaltung.

Nach Hubers Ausführungen haben Harninkontinenz oder Absenkungen im Urogenitaltrakt nur bedingt mechanische Ursachen. In erster Linie spielen biochemische Prozesse eine Rolle, wobei Metallo-Matrixproteasen (MMP) die Hauptakteure sind (siehe auch PZ 39, Seite 34). In Multizenterstudien haben Wissenschaftler bei harninkontinenten Frauen siebenfach erhöhte MMP2-Werte und vierfach gesteigerte MMP9-Werte gefunden.

MMP sind kleine biochemische Scheren, die immer dann ausschwirren, wenn der Progesteronspiegel absinkt. Sie bleiben an kleinen Gewebsläsionen hängen und zerschneiden das Gewebe. So zum Beispiel nach der Geburt. Innerhalb von vierzehn Tagen durchtrennen die MMP die Uteruswand. Fatalerweise verankern sie sich nicht nur im Endometrium, einige verirren sich auch im Beckenboden. Der Grundstock für eine spätere Inkontinenz ist gelegt. Wenn im Klimakterium der Progesteronspiegel sinkt, nimmt die Inkontinenz möglicherweise ihren Lauf. Der Progesteronmangel wirkt sich doppelt negativ aus: In physiologischen Konzentrationen hemmt das Hormon die Kollagenasen und stimuliert gleichzeitig Inhibitoren der MMP.

"Ein vollkommen anderer Prozeß, die physiologische Hautalterung, beruht auf dem gleichen biochemischen Mechanismus", erklärte Huber. Den MMP hat man die Faltenbildung zu verdanken. Zwei der Hauptinduktoren der MMP neben dem Progesteronmangel sind UV-Licht und Nikotin. Beide führen zu einer Up-Regulierung der biochemischen Schneidewerkzeuge. Diese schwirren aus und zerstören in den tiefer gelegenen Hautschichten Kollagen. Huber weiß Rat: "Topisches Progesteron wirkt der Faltenbildung entgegen." Er empfiehlt, 3 Prozent Progesteron in Jojobaöl zu lösen. Damit verhindere man die Auskristallisation des Hormons.

Die Proteasen stecken auch hinter Aneurysmen, informierte der Referent. Heute stelle man sich ein Aneurysma nicht mehr als Gartenschlauch vor, der an einer Stelle durch Überdruck ausgebuchtet ist. Vielmehr sorgen wiederum Progesteronmangel, Nikotin oder atherosklerotische Plaques für eine Up-Regulierung der MMP. Diese beginnen an einer Stelle im arteriellen Schenkel die Gefäßwand zu zerschneiden und verursachen dann die Beschwerden.

Hormone bremsen Metastasen

Kürzlich im Wissenschaftsblatt Lancet veröffentlichte Zahlen deckten eine Abhängigkeit zwischen Krebserkrankungsrisiko und Dauer der Hormonsubstitution auf. Das sei aber nur die halbe Wahrheit, so Huber. Gepoolte Daten aus einer Gegenüberstellung von Hormonersatztherapie versus nichtsubstituierte Patientinnen bringen ein zweites Ergebnis ans Licht: Unter einer Hormongabe sinkt die Inzidenz der Metastasierung um 46 Prozent, der Lymphknotenbefall nimmt um 18 Prozent ab. Huber: "Hormone beeinflussen die Zellqualifikation. Die Tatsache, daß man nicht am Primärtumor stirbt, sondern an den Metastasen, spricht für die Hormonersatztherapie."

Der Progesteron-Abfall im Klimakterium ist Grund für den rapide steigenden Psychopharmakagebrauch bei Frauen ab 50 Jahren. Progesteron schützt nicht nur die Gebärmutterschleimhaut, sondern beeinflußt auch das seelische Gleichgewicht der Frau. Das Gelbkörperhormon umspielt den GABA-Rezeptor, an den beispielsweise auch Diazepam andockt. Progesteron wirkt somit im weiblichen Organismus als endogenes Barbiturat, erklärte Huber. "Progesteron-substituierte Frauen sollten keine beruhigend wirkenden Phytopharmaka wie Baldrian einnehmen", empfahl der Referent. Extreme Erschöpfungszustände seien die unangenehme Folge. Fehlt das Hormon, kommt es mitunter zu schweren psychosomatischen Störungen. Umgekehrt kann eine Progesteron-Substitution den Grad depressiver Verstimmungen und echter Depressionen modulieren.

Die Wirkung ist nicht auf Progesteron direkt zurückzuführen, sondern auf Allopregnenolon, das durch Reduktion aus Progesteron entsteht. Es wirkt wie ein selektiver Serotonin-Reuptake-Hemmer, und "das macht es derzeit für die Neurologen so interessant". Bei einem Defizit muß es nicht gleich eine Hormonsubstitution sein, informierte Huber. Phytopharmaka, wie Extrakte der Palmenwurzel, stimulierten die Umwandlung des Progesterons zu seinem wirksameren Metaboliten.

Hormone zum Schmieren und Tropfen: "Go topical"

Ein Fall von Estrogenmangel ist die Arthropathia klimacterica. "Der Rheumatologe wird bei Frauen, die unter morgendlichen Gelenkschmerzen in den Wechseljahren leiden, keine Rheumafaktoren und sonstigen immunologischen Parameter feststellen können", prophezeite Huber. Abhilfe schaffe ein Estradiol-haltiges Gel (Gynokadin Gel), das auf die Gelenke dünn aufgetragen wird. Der Wirkstoff diffundiere bis zur Gelenkkapsel und supprimiere dort die schmerzauslösenden Faktoren. Bis vor kurzem noch als Magistralrezeptur hergestellt, ist das Estrogel seit ein paar Monaten auf dem deutschen Markt verfügbar.

Estrogene sind auch in der Ophthalmologie ein Thema. Die topische Estrogen-Applikation ist beim Sicca-Syndrom angezeigt. Das Trockene Auge bekommen Frauen in der Menopause zu spüren. Hormone hemmen einerseits die Tränenproduktion und mischen sich andererseits in die Zusammensetzung der Tränenflüssigkeit ein.

Eine Estradiol-haltige Augensalbe bringe Linderung, riet Huber. Der neue Trend in der Hormontherapie laut Huber: "Go topical". Das gelte auch für Akne-Patientinnen: "Warum Cyproteronacetat einnehmen, wenn man es auch äußerlich auftragen kann?"

Neuere Studien outen auch das Glaukom als Estrogen-abhängige Erkrankung. Zumindest vermag eine 17ß-Estradiol-haltige Salbe den Augeninnendruck vehement zu senken. Unter Estrogeneinfluß entspannt sich der Schlemmsche Kanal.

Der Gynäkologe als Bodystyler

"Das Gewicht steht unter dem Taktstock der Eierstockhormone", sagte Huber. Die therapeutischen Maßnahmen richteten sich danach, wo die Gewichtsprobleme auftreten. Klagt die Patientin hauptsächlich über Pfunde an Po und Hüfte, ist die Estradiol- und Progesterondosis zu reduzieren, egal ob es sich um orale Kontrazeptiva oder um eine Hormonersatztherapie handelt, so Hubers Rat. Unter einem Zuviel an weiblichen Hormonen explodieren die Adipozyten an Po und Hüfte; die Patientin wird trotz Sport und Diät nicht abnehmen. Die Evolution hat diese Zellen als Spender für Adenosintriphosphat während der Laktation vorgesehen.

Kämpft die Patientin gegen ihre Pfunde in der Bauchgegend, ist eine Hypoandrogenemie die Ursache. Diesen Frauen mache deshalb meist auch eine nachlassende Libido zu schaffen, stellte Huber die Zusammenhänge her. Adipozyten aus dem abdominellen Bereich werden durch Androgene mobilisiert. Diese müssen jedoch die Eigenschaft haben, nicht aromatisiert zu werden. Durch die Aromatisierung entstünden Estrogene. Huber empfiehlt: Einmal täglich eine Androstenolon-haltige Salbe auf den Bauch einzumassieren, zusätzlich eine Carnitin-haltige Trinkampulle einnehmen plus 20 Minuten Bewegung auf dem Ergometer. Übrigens: Auch die Cellulitis sei eine Erkrankung des endokrinen Systems.

PZ-Artikel von Elke Wolf, Oberursel
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